Die Idee davon

Die Idee davon

„Die Idee davon ist meistens das Beste daran“ schrieb mir mal ein Mann. Es ging um Sex. Um Sex im Allgemeinen bzw. im Besonderen um den Sex, den er manchmal mit Männern hatte. Zwischen uns ging es nie um Sex, wir haben nur ständig darüber geschrieben. Auf eine Art, die sehr aufregend war, weil klar war, dass wir nie Sex haben würden.

Ich kaue ja seit Wochen und eigentlich schon sehr viel länger auf dieser Geschichte vom letzten Jahr rum, dieser Liebesgeschichte, die nie eine werden sollte und vielleicht auch nie eine war. Die erst dann so wichtig, so schrecklich wichtig und bedeutsam wurde, als der Datenstrom von ihm zu mir verebbte. Als es nur noch „irgendwann“ hieß, wo es vorher „wann und wo?“ war. Als ich in dem Maß zu einer Option wurde, wie er zu einer Priorität. Als er mit einer anderen Frau die Wochenenden verbrachte, mit ihr Weihnachten feierte, mit ihr in den Urlaub fuhr und ich realisierte, dass das, was vorher war, so wenig es war, sehr viel für mich war.

„Hätte ich das wirklich gewollt?“ frage ich mich. Als er mal mit seinen Kindern zum Grillen bei uns war, mit einem Teil seiner Kinder, war es anstrengend. Ich hatte schon mal Patchwork. Würde ich das noch mal wollen? Das, was aus der Distanz interessant und anziehend anders ist, würde es mich nicht mit Haut und Haaren verschlingen? Wie sollte es überhaupt gehen, dass er Teil meines Lebens wird und ich Teil von seinem? Oder hatten wir damit schon angefangen und ich habe es gar nicht gemerkt?

„Was hätte ich anders machen können?“ frage ich mich. Liegt es daran, dass ich in der Provinz wohne, in dieser Seniorenstadt, über die er sich ständig lustig macht? Dass ich kein Auto habe? Dass ich zu wenig Geld verdiene? Dass ich fast so alt bin wie er? Dass mein Lebensstil mehr alternativ als urban ist? Und wenn das alles den Ausschlag gegeben haben sollte – warum pfeife ich dann nicht auf ihn?

Das liegt wohl daran, dass ich tatsächlich manchmal gerne wieder in der Großstadt leben würde und dass ich gerne ein Auto hätte und mehr Geld und dass ich gerade anfange, mich so alt zu fühlen wie ich bin und das nicht immer toll finde. Es liegt wohl auch daran, dass der Winter zu lang war und ich zu viel alleine bin. Es liegt daran, dass der Kontakt zu meinen Kindern sich verändert und meine Älteste sich gerade so massiv von mir abwendet, dass es mir zeitweilig den Boden unter den Füssen wegzieht.

Da rückt sie plötzlich näher, die Idee von Zweisamkeit. Ein paar gemeinsame Alltagsstrukturen, voneinander lernen, aneinander wachsen, Intimität, Vertrautheit, Körperlichkeit, Liebe, Freiheit. Das wäre schön. Ich kenne nicht viele Paare, wo das gelingt.

Eine Nachbarin hat neulich erzählt, wie gut Paartanz für Gehirn, Körper und Seele sein soll. Ich tanze gut und gerne, alleine. Paartanz habe ich zuletzt in der Tanzstunde gemacht, mit mäßigem Erfolg. Vielleicht wäre das ein Weg, mich der Zweisamkeit anzunähern. Er fände es natürlich spießig, total spießig und unfassbar uncool. Aber er hat sich ja schon entschieden. Für die Idee von etwas anderem.