Happy New Year!

Happy New Year!

In den letzten Tagen bin ich durch eine Menge hindurchgegangen. Eine Art Feiertags-Karthasis war das. Wie schon oft hat mir das Schreiben geholfen (danke für den vielen Zuspruch, den ich von euch erhalten habe) und am Ende war mein stiller Silvesterabend einer der schönsten, die ich in meinem Leben hatte. Gleich nach dem, den ich vor fünf Jahren in einer psychosomatischen Klinik verbracht habe. Wäre ja schön, den Zustand temporärer Erleuchtung mal ohne Drama erlangen zu können, aber einen anderen Weg dorthin kenne ich leider noch nicht.

Wie schon letztes Jahr möchte ich gerne ein Rückschau halten auf 2017 und ein bisschen in die Zukunft linsen:

Familie

Im März ist meine Großmutter im Alter von 99 Jahren gestorben. Wenn ich daran denke, überwiegt immer noch Erleichterung. Es war eine intensive Zeit, ich habe einen Teil der Trauerrede geschrieben und es gab ein Wiedersehen mit Familienmitgliedern, zu denen ich sonst keinen Kontakt habe. Meiner Mutter geht es besser seitdem, sie hat nun richtig Anschluss in unserem Wohnprojekt gefunden und ich fühle mich an dieser Stelle sehr entlastet. Aber es fehlt auch eine Generation und ein Bindeglied in der Familie. An diese Stelle trat das Baby, das meine Bonustochter im Juni zur Welt gebracht hat und das meine Kinder zu Onkel und Tanten gemacht hat.

Meine Älteste hat im Sommer ihren Mittleren Schulabschluss nachgeholt und Anfang Oktober eine Ausbildung begonnen, 80km entfernt von hier. Sie hat sich an ihrem 20. Geburtstag verlobt und plant ihre Zukunft systematisch. Ich bin beeindruckt, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen hat und froh zu sehen, dass es ihr gut geht, aber das Band zwischen uns ist nach all den konfliktreichen Jahren brüchig. Mein Sohn hat im Sommer zum zweiten Mal in zwei Jahren die Schule gewechselt. Er schrammt nach wie vor am unteren Rand des Notenspiegels entlang, in enger Wechselwirkung mit hohen, krankheitsbedingten Fehlzeiten. Ich kann euch gar nicht sagen, wie ich dieses Schulgestresse satt habe! Immerhin ist unser Kontakt, trotz fortschreitender Pubertät, tragfähig und das schönste Weihnachtsgeschenk habe ich von ihm bekommen: Ein Portrait meiner Oma, das er auf Leinwand hat aufziehen lassen und an unserem Essplatz aufgehängt hat, neben meinem. Meine Jüngste leidet am meisten unter dem von mir herbeigeführten Auszug ihres Vaters, hat sich über das Jahr aber ganz gut gefangen und ist nun stolzes Mitglied des Pfadfinderbundes, dem auch ihr Bruder angehört.

Alles in allem sehe ich, dass unser Familienleben in seiner früheren Form stark erodiert und dass ich dem wenig entgegenzusetzen habe. Ich merke auch, dass mir nach 22 Jahren Familienarbeit die Puste ausgeht, diese Matrix auch für die Jüngste noch hoch zu halten. Und wenn ich, wie jetzt an Weihnachten, mit viel Aufwand die Rituale und äußeren Formen reproduziere, die die Kinder „von früher“ kennen und wünschen, fällt mir um so mehr auf, wie selten wir noch zusammen an einem Tisch sitzen. Das ist ein Stück weit der natürliche Gang der Dinge und dafür, dass ich die Challenge „Alleinerziehend“ gleichzeitig mit der Challenge „Selbständig“ geschultert habe, habe ich meinen Job so schlecht nicht gemacht. In diesem Jahr ist das alles schon nicht mehr ganz so neu und ich möchte gerne hier und da etwas Elan, Inspiration und Geld abzweigen, um ein paar verbindende Erlebnisse für meine Kinder zu kreieren, bevor mein Sohn sich noch weiter abnabelt. 

Haus und Hof

Es ist viel. Ich habe mir vor ein paar Monaten praktische Unterstützung geholt und rolle das Feld jetzt langsam auf. Das ist nicht nur Entrümpeln, Aufräumen und Putzen, das ist auch die Aufarbeitung der vielen Jahre, in denen ich versucht habe, eine perfekte Hausfrau, Ehefrau und Mutter zu sein und zusehends daran gescheitert bin. Jahre, die mir immer noch wie ein Kloß im Hals sitzen und mit denen ich auf vielen Ebenen meinen Frieden machen möchte. Da sind noch viele Altlasten und ich glaube, wenn ich die aufgelöst habe, werde ich auch innerlich einen großen Schritt weiter sein.

Gleichzeitig merke ich, wie rapide sich alles verändert: Meine Arbeit, die Kinder, ihre Bedürfnisse, ihr Alltag, meine Bedürfnisse, mein Alltag. Bei allen Möglichkeiten, die mir dieses Leben hier in der Gemeinschaft am Stadtrand gibt, fühlt es sich doch manchmal wie eine Sackgasse an. Meine Klientinnen kommen und gehen, meine Airbnb-Gäste kommen und gehen, meine Kinder kommen und gehen, nur ich komme oft tagelang nicht aus dem Haus und noch seltener vom Gelände runter. Vieles ist so kompliziert oder doch zumindest unbequem, dass ich es einfach lasse. So liegen hier diverse Sauna-Gutscheine, aber die Aussicht, mit dem Fahrrad in die Sauna (und vor allem hinterher wieder zurück) zu fahren … – naja, ihr wisst sicher, was ich meine. Mein Hang zum Phlegma trägt sicher seinen Teil zum Problem bei. Mehr Mobilität steht für dieses Jahr jedenfalls weit oben auf meiner Wunschliste.

Erfolg

2017 – das war das Jahr, in dem ich mich neu erfunden habe. Oder in dem ich mich gefunden habe, jedenfalls beruflich. Ich würde sagen, ich bin jetzt auf der richtigen Spur. Es ist gewaltig viel Neues entstanden, ich habe ein Business aus dem Boden gestampft, weil ich es musste, weil ich es konnte, weil ich es wollte. Das war ein Kraftakt, ich bin an meine Grenzen gegangen und manchmal darüber hinaus. Es ist gut zu wissen, wozu ich im Stande bin, aber das soll kein Dauerzustand werden. Nach der Pflicht kommt jetzt die Kür und ich bin gespannt, was das neue Jahr bringt. Es hat sich schon über die letzten zwölf Monate eine Menge verändert, zu der Einzelarbeit sind verschiedene Veranstaltungsformate gekommen und eine der verblüffenden Erfahrungen des letzten Jahres war, wie leicht es mir fällt, Gruppen zu leiten und wie viel Freude mir das macht. Ich frage mich wirklich, wovor ich all die Jahre so große Angst gehabt habe.

Tür um Tür öffnet sich, mich erreichen Anfragen und Angebote, da fließt ein breiter Strom, in dem ich mich bewegen kann. Und viel früher als geahnt komme ich zu der Frage, wie ich am liebsten arbeiten möchte. Mehr therapeutisch oder mehr bodywork? Mehr unmittelbar am Menschen oder eher indirekt? Online? Auf Barcamps? Wie möchte ich wachsen – in die Breite oder in die Tiefe? Was kann ich – von all den Dingen, die ich gut kann – am besten? Wie kann ich meine Arbeit so kalibrieren, dass sie mir eine gute work-life-balance ermöglicht? Das möchte und werde ich in diesem Jahr herausfinden. Menschen zu berühren ist ganz offenbar eine große Gabe von mir, aber sie birgt die Gefahr, mich zu verausgaben.

Ich merke, dass mir meine Sichtbarkeit gut tut. Sie ist ungewohnt, sie ist manchmal herausfordernd, beängstigend und unkalkulierbar, aber sie ist fällig gewesen und ich wachse mit ihr und an ihr.

Schreiben

„Wer bin ich ohne meine Rollen?“ frage ich mich im Moment oft und ich habe herausgefunden, dass ich mich beim Schreiben am meisten wie ich selber fühle. Im letzten Jahr ist das arg zu kurz gekommen, vor allem hier im Blog. Das 12von12-Format habe ich noch am ehesten hinbekommen, aber ab Mitte August ging beruflich so die Post ab, dass ich es einfach nicht mehr geschafft habe. Auch ist das Schreiben ein Aspekt meiner beruflichen Tätigkeiten und hier ganz privat und anonym zu schreiben ein noch größerer Luxus geworden.

Ein Stück ist dieses Blog durch die Veränderungen in meinem Leben überholt worden. „Brauche ich das überhaupt noch?“ habe ich schon überlegt. Neulich war die Seite durch ein fehlerhaft installiertes Plugin eine Weile offline. Früher hätte mich das panisch gemacht, als wäre meine Seele vom Netz gegangen. Diesmal ließ mich das erstaunlich kalt, zumal ich die Texte natürlich auf meiner Festplatte gespeichert habe. Andererseits ist das hier nicht nur ein wesentlicher Teil meiner eigenen Geschichte, sondern es ist auch ein Netz aus ca. 600 Followern entstanden. Das ist für vier Jahre Bloggen nicht besonders viel, aber ich weiß, dass ich bei vielen dieser Menschen Spuren hinterlassen und etwas in Bewegung gebracht habe.
Was das alles bedeutet, weiß ich noch nicht. Auch an dieser Stelle habe ich also mehr Fragen als Antworten.

Zu den Dingen, die ich in meinem Leben unbedingt machen möchte, gehört auf jeden Fall, ein Buch zu veröffentlichen.

Privatleben

Da möchte ich in diesem Jahr ein paar Schippen drauflegen. Ob mit meinen Kindern oder ohne sie, ob in meinem Haus und Garten oder sonst wo – auf jeden Fall sollen Wörter wie „Freizeit“, „Ausgleich“, „Urlaub“, „Erholung“ Teil meines aktiven Wortschatzes werden. „Sport“ wäre auch nicht schlecht. Mir ist aufgefallen, dass mir zum Thema „Freizeit“ eigentlich nur noch eins eingefallen ist: Mich mit einem Liebhaber zum Sex verabreden. Das ist natürlich auch eine Art Hobby (ein sehr gesundes dazu) aber eines, das an viele Voraussetzungen gekoppelt ist, die selten erfüllt waren. Und so lustig wie es jetzt klingt fand ich es dann doch nicht, als es mir klar geworden ist. Das Konzept ist nicht nur phantasielos, es hat auch den Nachteil, dass ich auf andere Menschen angewiesen bin, um ein Gefühl von „Freizeit“ zu haben. Besser für mich zu sorgen, privat breiter aufgestellt zu sein – das wünsche ich mir von mir selber für dieses neue Jahr. Im November habe ich zum ersten Mal seit ewigen Jahren meinen Geburtstag größer gefeiert und das hat mir richtig gut gefallen.  

Immer wieder stelle ich mir die Frage, was mir wirklich, wirklich wichtig ist. Wie frei ich in meinem Handeln bin. Wo ich nur das erfülle, was ich denke erfüllen zu müssen. Wo etwas zum Selbstzweck wird. Wo ICH bin in all dem, was ich täglich tue. Muss eine Sexologin ständig Sex haben? Bin ich nur dann etwas wert, wenn ich arbeite? Wem will ich etwas beweisen? Den Antworten auf diese und viele andere Fragen möchte ich mich immer weiter annähern.

Auch bin ich drei Jahre nach der Trennung an einem Punkt, wo mein Bestreben sich deutlich in Richtung einer Liebesbeziehung verlagert. Ich möchte bei einem neuen Kontakt zumindest die Option haben, der Lieblingsmensch für mein Gegenüber zu werden. Ich möchte mehr als WhatsApp-Chats, Sofa-Sex und ein Entlanghangeln an der emotionalen Demarkationsline. Ich möchte anrufen können, wenn mir danach ist, ich möchte mich beim Schlafen ankuscheln können und auch noch am nächsten Morgen in seinen Augen sehen, dass ich einzigartig und wunderbar bin, denn das ist es, was ich bin. Diese Vision ist noch recht blass und hat Mühe, sich zu behaupten, aber unter allen Zweifeln und Ängsten fühle ich doch, dass ich bereit bin.

Auf geht’s!

Ich wünsche euch alles Gute für 2018! Wir lesen uns!