Zeit für Gefühle

Weihnachten habe ich gut über die Bühne gebracht. Meine drei Kinder waren hier, meine Mutter, mein Ex mit seiner neuen Freundin. Ich trug das kleine Schwarze, das ich noch nie anhatte und das Granatcollier, ein Stück Familienschmuck, das meine Mutter mir zur Hochzeit geliehen hatte. Ich war schön, ich war souverän, es war ein perfekter Abend.

Am zweiten Feiertag waren wir bei meinem Ex eingeladen und ich habe mich mit dorthin nehmen lassen, weil ich gerne meine Bonustochter mit dem Baby sehen wollte. Meine Jüngste ist gleich dort geblieben, sie ist jetzt mit ihrem Papa und seiner Neuen verreist, in die Ferienwohnung, in der wir jahrelang unsere Sommerurlaube verbracht haben. Mein Sohn ist fast durchgehend bei Freunden und meiner Ältesten habe ich, nachdem sie eine gute Woche bei mir auf dem Sofa gehockt und Serien geguckt hat, gesagt, dass ich lieber alleine sein möchte. Das war die Wahrheit und ich schlafe besser, seit ich sie ausgesprochen habe.

Jetzt bin ich also alleine. Alleine mit meinem schönen Öko-Weihnachtsbaum in meinem schönen, festlich geschmückten, aufgeräumten und geputzten Haus.

Ich habe mich so sehr nach diesem Zustand gesehnt: Mich um niemanden kümmern müssen, nichts leisten müssen, keine Erwartungen erfüllen müssen. Nichts müssen. Aber jetzt muss ich mich selber aushalten. Meine Unfähigkeit, gut für mich zu sorgen. Meine Enttäuschung, meine Bitterkeit, meinen Groll, meine Erschöpfung, meine Traurigkeit. Und die Frage: Was bin ich ohne meine Rollen? Wozu das Ganze?

Beruflich habe ich ein grandioses Jahr hinter mir. Ich habe mehr erreicht, als ich zu träumen gewagt habe und mir stehen viele neue Wege offen. Aber mein Privatleben wird dadurch nicht leichter. Das fängt bei meiner Wohnlage an, die für meine Arbeit und für deren Vereinbarkeit mit meinem Status als Alleinerziehende ideal und unabdingbar ist, ansonsten aber eine große Hürde darstellt und das hört bei diesem Blog auf, für das zu schreiben ich mich kaum noch traue, weil ich in dem Maße, wie ich mich beruflich exponiere, auch als Privatperson sichtbar werde.

Im Herbst sollte ich bei einem Retreat die Frage beantworten, was ich tun würde, wenn ich keine Angst mehr hätte, was meine tiefste Sehnsucht sei. „Ein gutes Leben für meine Kinder und mich.“ sprach ich mir aus dem Herzen und die Tränen liefen mir runter. Ich habe keine Ahnung, wie das aussehen könnte und ich sehe immer wieder und an allen Stellen, wie sehr mein Handeln von Vernunft und Sicherheit gelenkt wird, nicht von Freude und Lebenslust. Das Geld, das ich in diesem Jahr verdient habe, ist in das Haus geflossen und in mein Business. Wenn mein Sohn mich abends um zehn gefragt hat „Mama, willst du nicht mal Feierabend machen?“ dann habe ich gemerkt, dass ich gar nicht wusste, was ich tun könnte, außer zu arbeiten.

Und dann die Liebe. Ich trauere immer noch um die 20 Jahre, die ich einem Mann meine Liebe hinterhergetragen habe, der sie nicht nehmen konnte und der mich nicht lieben konnte. Streckenweise hatte ich in diesem Jahr fünf Liebhaber und das war wunderbar. Aber es gab einen Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich mir EINEN wünsche. Einen Mann, der mir ein wirkliches Gegenüber sein kann und will. Und wieder erkenne ich, dass derjenige, dem sich mein Herz mit Zärtlichkeit zuneigt, sich vor ihm zurückzieht. Es neigt dazu, dort zu suchen, wo es nichts zu holen gibt. Nicht genug. Nicht das, was es sich wünscht. Wieder eine Geschichte, die zu Ende erzählt ist.

Es ist nicht leicht, mir nah zu sein. Als „Eiskönigin“ hat mich eine Ausbildungskollegin neulich bezeichnet. Ich bin gut darin, mir Menschen vom Leib zu halten, auch wenn ich das gar nicht möchte. Es braucht Geduld und viel Einfühlungsvermögen, um die Hülle aus Clever&Smart zu durchdringen. Und wer das tut, der sollte sich gut überlegen, ob er das wirklich will, denn darunter bin ich butterweich und sehr verletzlich. Da kommt dann schnell viel ins Rutschen bei mir. Die richtige Balance aus Nähe und Distanz ist noch ein Rätsel für mich. Darüber möchte ich gerne mehr lernen im nächsten Jahr.

So verbringe ich den Jahresausklang also alleine. Zurückgezogen mit mir und in mich. Nur ich, meine Einnahme-Überschuss-Rechnung und das „Paarticket Gold“ für einen Slow-Sex-Onlinekurs, das ich geschenkt bekommen habe. Ich mag das Haus nicht verlassen und wenn ich es muss, um die Katzen der Nachbarn zu füttern oder meine Mutter zu besuchen, dann setze ich mein Teflonlächeln auf. Ich möchte nicht gefragt werden, wie es mir geht, ich möchte kein Mitleid und keine neugierigen Blicke. Ich habe ja ein gutes Leben. Ich kann es nur gerade nicht fühlen.