Mein Herz so weit

so weit, dass es schmerzt.

Wenn das Verstehen aufhört, wenn keine Worte mehr da sind, wer bin ich dann? Wenn ich stammele und zittere, wenn ich stottere und schluchze, was bleibt dann von mir? Bin ich dann nichts mehr, oder bin ich dann erst wirklich?

Diesmal habe ich keine Herzmassage bekommen. Es hat gereicht, die Herzmeditation mit zu machen. Es hat gereicht, eine Woche lang dort zu sein. Der Zustand erinnert mich an die Zeiten, als ich gestillt habe. Nicht nur die Heuleritis und das Mitschwingen mit allem und jedem, auch dieses Prickeln in der Brust. Beim Stillen prickelte es in den Brüsten, wenn die Milch eingeschossen ist, jetzt prickelt es mehr in der Mitte. Die Stelle fühlt sich warm und offen an, wie ein Resonanzboden, wie ein Schallloch. Die ganze Zeit, aber manchmal besonders stark. Dann, wenn ich fühle. Und ich fühle viel.

„Findest du mich zu streng?“ frage ich meinen Sohn unter Tränen, während wir uns mit zwei Schalen Milchkaffee gegenübersitzen. Er schaut mich erschrocken an. Er hat die Augen meines Vaters. „Nein“ sagt er. „Ich meine nicht streng im Sinne von Regeln. Ich meine streng im Sinne von ethisch-moralischen Ansprüchen.“ erkläre ich. Er denke nach. „Nein“ sagt er dann wieder. Ich bin so erleichtert, dass ich von einer erneuten Tränenwelle durchschüttelt werde. „Ist es okay so zu weinen vor ihm?“ frage ich mich, aber ich habe nicht die Wahl. Ich fange an, von meinem Vater zu erzählen, von dem Großvater, der lange vor seiner Geburt gestorben ist. „Er war ein wunderbarer Mensch“ höre ich mich sagen und dann ersticken schon wieder Tränen meine Stimme. Das ist schrecklich, aber auch schön. Eins von diesen Gesprächen, an die ich mich noch in zwanzig Jahren erinnern werde. Und er vielleicht auch.

Mein Vater ist hier ganz in der Nähe aufgewachsen. In dem kleinen Ort, in dem die Lehmbauerin wohnt, die die Wände unseres Hauses verputzt hat. Sein Schulweg war sechs Kilometer lang. Er ging ihn zu Fuß, weil er kein Fahrrad besaß. Seinen Vater kannte er nicht, seine Mutter hat als Putzfrau gearbeitet. Sie starb, als er noch ein Kind war. Er galt als hochbegabt, doch das Studium der Geschichte, für das er ein Stipendium bekam, musste er abbrechen, weil das Geld nicht zum Leben reichte. Er entschied sich für eine Lehre bei einer Versicherung, weil er dort außer dem Mittagessen noch Butterbrote für den Abend bekam. Er brachte sich die englische Sprache bei, indem er heimlich BBC hörte und versteckte seine Bücher während des Krieges bei verschiedenen Freunden. Die Bücher verbrannten. Was blieb, waren seine Jazz-Tonbänder. Die liegen jetzt auf meinem Dachboden, zwischen Campingsachen und Kinderkleidung.

Ich habe ihn sehr geliebt. Ich bin ihm sehr ähnlich. Ich habe seine Gesichtszüge und seine Augen, seine Sprachbegabung, seine Klarheit und Präzision. Aber da ist noch etwas anderes.

Es gab keinen Grund, nicht die Beste zu sein. Keinen Grund, etwas aufzugeben, was ich angefangen hatte. Keinen Grund, etwas zu tun, was nicht in jeder Hinsicht richtig war. Keinen Grund, nicht all das zu erreichen, was ihm verwehrt geblieben ist.

Als ich zwölf Jahre alt war, wurde er pensioniert. Die Nachmittage, die ich mit ihm allein in der Wohnung verbrachte, bis meine Mutter abends von der Arbeit kam, hatten etwas Kafkaeskes. Ich brachte nie Freundinnen mit nach Hause. Ich hatte auch kaum welche. Ich habe meine Kindheit am Schreibtisch verbracht. Ich war ernst, altklug, gewissenhaft, habe gestottert und war immer einen Kopf größer als alle anderen. Auf Fotos sah ich aus wie die Gouvernante.

Mit 16 verreiste ich zum letzten Mal mit ihm, nach Cornwall. Hinterher sagte er, er würde mir für meine Leistung in Englisch in diesem Urlaub eine sechs geben. Er wollte immer nur das Beste für mich und was das Beste war, das wusste er ganz genau. Dass ich mit 26, in den Endzügen meines Politik-Studiums, mit meiner ältesten Tochter schwanger wurde, verzieh er mir nicht. Zur Hochzeit schenkte er mir nicht ein Wort. Er wollte auch nicht mit auf die Fotos. Als er drei Jahre später während meines Examens unerwartet starb, versprach ich ihm am Totenbett, mein Studium zu beenden. Ich habe es nicht getan. Für Rebellion war es zu spät, aber es war eine Entscheidung für mich, für das Leben, für meine Familie.

Mein Vater hat viele wichtige und richtige Dinge in seinem Leben geschrieben und getan. Nicht für Geld, nicht für Ruhm, sondern weil er sie wichtig und richtig fand. Er war seiner Zeit oft voraus in seinem Denken und Erkennen und hat sich nie vereinnahmen lassen. Ein Übermensch, ein Übervater, ein unerreichbares Vorbild an Klugheit, Bildung, Klarsicht und Integrität. Ein einsamer alter Mann, der in seinem Zimmer zwischen Zeitungsstapeln und Büchertürmen sass und ab dem Vormittag Rotwein aus Tetrapaks trank. Ich hätte ihm gerne geholfen, seine Memoiren zu schreiben, aber das war ihm zu emotional.

Ich habe es vor langer Zeit aufgegeben, ihm gerecht werden zu wollen. Meine Mutter sagt jetzt oft: „Er wäre stolz auf dich!“ Dann merke ich, wie sehr ich mir das gewünscht habe.

„Dieses Anspruchsvolle, Ernsthafte, das manchmal hart und streng wirkt, das habe ich von ihm.“ sage ich zu meinem Sohn, der die Augen meines Vaters hat. „Du bist voll okay, Mama!“ sagt er und nimmt mich in seine langen Arme. Dann entschuldigt er sich, räumt die Kaffeeschalen in die Spüle und geht raus zu seinen Freunden. Die Sonne scheint und sie wollen weiter am Baumhaus bauen.

Es sind nicht immer die Lauten stark,
nur weil sie lautstark sind.
Es gibt so viele, denen das Leben
ganz leise viel echter gelingt.

Die stehen nicht auf Bühnen, füllen keine Feuilletons.
die kämpfen auf schwereren Plätzen.
Die müssen zum Beispiel in Großraumbüros
sich der Unmenschlichkeit widersetzen.

Die schützt kein Programm, kein Modedesign.
Die tragen an sich etwas schwerer.
Die wollen ganz einfach nur anständig sein
und brauchen keine Belehrer.

Die schreiben nie Lieder.
Die sind Melodie.
So aufrecht zu gehen,
lerne ich nie.

Konstantin Wecker, 1981