Das L-Wort

Ist es schon Nähe, wenn die Handys nebeneinander auf der Kommode übernachten? Ist es noch Freundschaft, wenn ich vor dem Einschlafen gerne seine Stimme hören würde? Ist es uncool, wenn ich ausspreche, was mir auf der Zunge liegt? Ist es total bescheuert, überhaupt darüber nachzudenken, wo es doch gerade so richtig ist?

Ein paar heftig schöne Berührungspunkte, viel Respekt und ansonsten die totale Freiheit – das ist es doch, was ich will. Oder etwa doch nicht? Und warum läuft ständig mein Ego im Livestream nebenher? Kann das bitte mal aufhören?! Wie soll ich da wissen, was los ist? Und was das bedeutet? Denn ich weiß ja, dass das alles nur Projektion ist. Und dass es kompliziert wir, wenn man es ausspricht. Das L-Wort. Ihr wisst schon. Das, das nicht genannt werden darf, weil dann Schluss ist mit locker.

Aber irgendwann am letzten Dienstag ist das Gefühl so laut, dass es raus muss. „Ja! Das ist es! Sag es! Jetzt!“ jubelt mein Herz, noch trunken vom Wochenende, und lässt mir keine Ruhe, bis ich den Putzlappen beiseite lege und es ihm schreibe. Also natürlich nicht so richtig. Nur so ein bisschen. Launig verpackt, damit er es nicht ernst zu nehmen braucht. Damit er es leicht hat. Und ich auch. Der Moment, in dem man es ausspricht, verändert etwas. Das ist eine Klippe und ich möchte, dass wir sie gut nehmen können. Dass wir daran nicht scheitern. Wir Gescheiterten und Beschädigten.

Sie sind kostbar, die Punkte, an denen wir uns berühren, wenn wir uns herausgeschält haben aus unserer Vermeidungs-Rüstung. Kostbar und sehr verletzlich. Wir bieten uns die Stirn, wir können uns alles um die Ohren hauen, unsere Überzeugungen, unsere Coolness, unsere Verzweiflung, unseren Hunger, unsere unbändige Lust. Bis mich seine Zärtlichkeit so dermaßen in die Weichteile trifft, dass ich niederknien und die Zeit anhalten möchte.

Er schreibt einen launigen Spruch zurück und das war’s.
Hat er mich überhaupt richtig verstanden? Hat er verstanden, dass ich ihn meine?

Ihn, der sich so ins Zeug gelegt hat wie nur wenige vor ihm? Der mich wochenlang nach allen Regeln der Kunst umworben hat? Nicht, dass ich ihn nicht von Anfang an gewollt hätte, aber ich habe mir gewisse Regeln gegeben, um Beruf und Privatleben zu trennen. Ich kann euch verraten, dass das Leben nicht einfacher wird, wenn einen alle für eine Sexgöttin halten (was ich nicht bin).

Wir haben schon ein paar Klippen genommen. Es gab längere Pausen und ein paar Mal dachte ich: „Dann eben nicht!“ Die wenigen Lücken in unseren Terminkalendern sind schwer in Deckung zu bringen und auch Vieles andere passt ganz und gar nicht. Aber er schafft, was ich mich alleine nicht traue: Mich von meiner Scholle locken und mitten ins pralle Leben schubsen. Mit ihm kann ich lachen, wie ich mich noch nie lachen gehört habe und das liegt nicht nur an dem weltbesten Gin Tonic, den er mir gemixt hat. Er macht, dass ich mich sicher und frei fühle und das ist eine Mischung, die ist sexy as hell und tut mir unendlich gut.

Ich glaube, wir werden auch diese Klippe nehmen. Ich glaube, unsere Freundschaft wird überleben. Und wenn nicht, dann geht es wieder von vorne los, das Spiel mit Nähe und Distanz.

Und jetzt, wo ich das alles ausgespuckt habe, fühle ich mich nackt und weich, wie ein gepelltes Ei. Ganz angenehm eigentlich. Und vielleicht geht es auch einfach nur darum, einzugestehen, dass ich sie manchmal gerne hätte, die großen Gefühle.