Das Scheißgefühl

„Ich komme Samstag nur kurz vorbei, ich brauche Zeit für mich.“ schreibt er.

Wir haben uns fünf Wochen nicht gesehen und am Wochenende sind meine Kinder bei ihrem Papa. Wir könnten richtig viel und hörbar Sex haben. Das konnten wir fast noch nie. Ich hatte mich darauf gefreut. Ich hatte mich auf ihn gefreut. So eine warme, weiche Freude, überall und ganz tief in mir.

Ich lege das Handy aus der Hand. Irgendwas in mir wird leer und taub. Ein Scheißgefühl. Ich will das nicht.

Wir haben keinen Beziehungsstatus definiert und ich bin froh darüber. Ich brauche das nicht mehr. Ich bin auch froh, dass er nicht jeden Tag telefonieren will und dass er sich nicht in mein Leben einmischt. Das passt gerade alles gut. Aber jetzt passiert irgendwas in mir und so lange ich kann, schaue ich mir das an. Bis ich nicht mehr genug Abstand habe. Bis ich das Gefühl bin.

Ich bin diese Traurigkeit, die in mir hochkriecht wie Nebelschwaden. Ich bin diese Sinnlosigkeit, diese Enttäuschung, diese Leere, die sich in mir breit macht.

Ab und zu mischt sich Trotz dazwischen und der Impuls, vor dem Scheißgefühl davonzulaufen. Ich öffne das Erotikportal, auf dem ich immer noch angemeldet bin und rufe die Profile von ein paar anderen Lovern auf. Der eine war vor ein paar Tagen zuletzt online, der andere vor ein paar Stunden

Ich werde müde. Das interessiert mich alles nicht. Schon eine ganze Weile nicht mehr.

Ich überlege, was ich mit dem freien Wochenende anfangen kann, was mir gut tun würde. Ich könnte arbeiten. An der Homepage, an dem Konzept, an der Steuer. Na toll…

Ich möchte mich im Bett verkriechen, aber es ist heller Tag und die Kinder wuseln um mich herum. „Ist was?“ fragt mein Sohn. Er ist es nicht gewohnt, dass ich rumsitze und in die Luft starre. Mir fällt ein, dass es nachher regnen soll und ich gehe mit einer Tüte Blumensamen in den Garten. Die Erde ist warm von der Sonne und ich streue die Körner auf die beiden Flecken Erde, die er bei seinem letzten Besuch umgegraben hat.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, wenn er nur kommt, um das Auto abzuholen, das er mir geliehen hat. Wie es sein wird, ihn zu sehen und zu wissen, dass er gleich wieder weiterfährt. Kann ich das, ohne mich hinter Zynismus oder Belanglosigkeiten zu verstecken? Kann ich ihm so in die Augen sehen? Kann ich so im Kontakt mit ihm sein? Und mit mir? Mit dieser Leere in mir und mit diesem verzweifelten Drang, diese Leere zu füllen. Ich überlege, ob ich den Schlüssel irgendwo für ihn hinterlegen kann. Aber das wäre albern und feige.

Unter einem Vorwand gehe ich zu meiner Nachbarin. Ich möchte mit jemandem darüber reden, vielleicht wird das Scheißgefühl dann kleiner. Ich klingele und klopfe, aber sie ist nicht da. Also gehe ich wieder zurück in mein Haus.

Ich spüre ihn. Ich spüre ganz deutlich, wie er sich fühlt. Er war vier Wochen in einer Klinik, genau wie ich damals. Er ist jetzt ganz bei sich und er kann nicht gleichzeitig ganz bei sich sein und bei mir zu Besuch. Ich verstehe das. Als ich mal bei ihm zu Besuch war, nur ein einziges Mal in den Monaten, die wir uns kennen, konnte ich auch nicht bei mir sein. Als ich nach einem Tag und einer Nacht wieder nach Hause fuhr, war ich vollkommen erschöpft, irgendwie außer mir. Er hatte mich verwöhnt, bekocht, massiert, ich brauchte mich um nichts zu kümmern und konnte mich nicht entspannen. Mir fehlte mein Schneckenhaus. Wenn er hier ist, ist es perfekt. Perfekt für mich. Ich will mehr davon.

Ich könnte sagen, dass die Lampe, die er angebracht hat, wieder abgegangen ist. Ich könnte sagen, dass ich ihn für irgendwas brauche. Hier gibt es genug zu tun, mir würde schon was einfallen. Aber das wäre nicht ehrlich. Ich könnte mir was anziehen, worin ich atemberaubend sexy aussehe und ihn rumkriegen, mich zu vögeln. Aber das wäre nicht echt. Ich möchte ihn nicht manipulieren. Ich möchte nicht mein Ego an ihm befriedigen.

Was ich möchte, ist nackt mit ihm auf dem Bett liegen, am offenen Fenster, die Sonne auf meiner Haut spüren und Kaffee trinken und reden und lachen und dann noch mehr Kaffee trinken. Oder auf meinem Sofa, auf dem ich sonst nie sitze, einen Film angucken, die Füße auf seinem Schoss und aus dem Augenwinkel sehen, wie er mich anlächelt. Ich möchte, dass er mit mir im Garten ist, den Vögeln und Fröschen zuhört und sich mit mir über den Sonnenuntergang freut und über alles andere, worüber ich mich sonst alleine freue.

Ich möchte in seinem Arm liegen, stundenlang. Ich möchte, dass unsere Stimmen sich aufeinander einschwingen, dass unsere Körper miteinander verschmelzen und unser Atem eins wird. Ich möchte seine Nähe, seinen Geruch, seine Haut. Still werden, eintauchen, absinken.

Ich möchte einen Menschen um mich haben, der weder mein Kind ist noch meine Mutter noch meine Klientin. Ich möchte einen Mann um mich haben. Diesen Mann. Für einen Tag und eine Nacht.

Aber er will das gerade nicht und ich versuche, kein Drama daraus zu machen.
„Okay, danke dass du das so offen sagst.“ tippe ich.

So vernünftig, die Frau Superschlau! So souverän und durchtherapiert, fast schon erleuchtet.
Nicht.