12vom12 im Mai 2017 – ein Reisetag

12vom12 im Mai 2017 – ein Reisetag

Heute fahre ich zu einem Tantramassage-Seminar für Frauen, bei dem ich assistiere und ich werde meine Kinder erst am Montag wiedersehen. Ich bin gespannt, ob ich es schaffen werde, 12 Fotos für 12von12 zu machen und ob ich heute Abend WLAN haben werde, um sie hochzuladen.

Meine knapp 9jährige Tochter steht vor mir auf, ich höre sie ins Bad gehen und die Katze zur Terrassentür reinlassen. Mein bald 16jähriger Sohn wacht nicht von alleine auf. Ich klettere die Treppe zu der Dachgalerie hoch, auf der er schläft und wecke ihn sanft. Während ich im Bad bin, schneidet die Kleine unten in der Küche zum ersten Mal ihr Schulbrot selber und hält mich auf dem Laufenden über die Anzahl der Scheiben, die nichts geworden sind. Mir ist klar, dass nicht mehr viel von dem Brotlaib übrig sein kann und ich beeile mich mit dem Anziehen.

Während die Kinder frühstücken, lese ich noch ein bisschen aus „Rascal, der Waschbär“ vor, einem zauberhaften Buch mit einer wunderbaren Sprachmelodie und beeindruckenden Naturschilderungen. Dann verabschiede ich meinen Sohn mit einer langen Umarmung und kleide meine Tochter und mich für den Weg zur U-Bahn mit Winterjacken und Handschuhen ein. Beim Fahrradschuppen fragt sie mich, ob ihr Papa auch mit zu dem Ausflug kommt, den wir meiner Mutter am Montag zum Geburtstag schenken wollen. Ich verneine. Sie versteht es nicht. Ich erkläre es. Sie ist traurig und wütend und rast mit ihrem kleinen roten Fahrrad los Richtung Allee. Ich strampele hinterher. Schweigend radeln wir über den Bauernhof und durch das frühlingsgrüne Wäldchen. Am Bahnhof drücke ich sie lange an mich. Sie weint und sagt, ohne ihren Papa wolle sie auch nicht mit. Mein Herz ist schwer.

Auf dem Rückweg denke ich darüber nach, wie schön sich unser Familienleben zu dritt in den letzten Wochen entwickelt hat und versuche, zufrieden mit mir zu sein.

Als ich vor der Haustür stehe, ist es 7.30 Uhr und mir wird plötzlich klar, dass ich mich in meiner Planung für diesen Morgen um eine Stunde vertan habe und jetzt keine Zeit mehr zum Frühstücken habe. Zum Glück ist ansonsten alles fertig.

Ich gehe rauf ins Schlafzimmer, ziehe mich um und stecke meinen Kulturbeutel zu den anderen Sachen in meine Reisetasche. Der Kaffee kommt in einen Thermobecher, aus den bröseligen, schiefen Brotscheiben bastele ich mit ein Sandwich und schon eile ich aus dem Haus und mit langen Schritten die Dorfstraße runter zur Bushaltestelle.

Der Fahrer guckt etwas verblüfft, als ich ihm statt einer Fahrkarte ein City-Ticket der Deutschen Bahn zeige, dann sitze ich mit meinen beiden Taschen auf einer Bank, die Sonne scheint und mein Handy brummt. Es hat eine E-Mail mit einer Verspätungsmeldung empfangen: wegen eines Notarzteinsatzes auf dem Gleis fällt mein Regionalexpress aus. Ich ahne, dass ich meinen Intercity vermutlich verpassen werde. In den letzten Jahren bin ich viel Bahn gefahren, immer mit zuggebundenen Spartickets. Ich weiß also, dass die Zugbindung aufgehoben wird, wenn nicht ich, sondern die Bahn dafür verantwortlich ist, dass ich einen Zug verpasse.
Ich schreibe meiner Kollegin, dass ich eine Stunde später komme und ergattere noch einen Sitzplatz in der Regionalbahn, die wegen des ausgefallenen Regionalexpresses mit Pendlern überfüllt ist.

Den ersten Schluck Kaffee genieße ich mit geschlossenen Augen und einem tiefen Seufzer. Es kommt mir vor, als wäre dieser Tag schon ziemlich lang gewesen.

Auf dem Hauptbahnhof ergießen sich die Menschenmassen aus meinem Zug auf den Bahnsteig und mischen sich mit anderen Menschenmassen aus anderen Zügen. Wir schieben uns mit unseren Koffern und Taschen in Richtung Rolltreppen, manche machen dabei mit Geschick oder Dreistigkeit ein paar Meter wett, andere lassen sich treiben, so wie ich.

Ich wohne schon so lange außerhalb der Stadt, ich vergesse manchmal, dass es so viele Menschen gibt.

Das Reisezentrum ist leer, so dass ich meinen Stempel schnell habe und auch einen Ausdruck von meinem neuen Reiseplan.

Ich fädele mich wieder in die Menschenströme auf der Brücke über den Gleisen und suche mir einen Platz auf dem Bahnsteig, auf dem in einer dreiviertel Stunde mein IC abfahren wird.

Dergestalt entschleunigt stehe ich eine Weile rum und sehe mich um. Wenn ich Buddenbohm wäre, würde ich jetzt im Kopf eine Skizze machen von den Menschen um mich herum. Ich würde mir eine Geschichte ausdenken zu der Gruppe von Männern in Spider-, Super- und Badman-Kostümen, die ein paar Meter weiter stehen oder zu der jungen Frau mit dem mürrischen Gesichtsausdruck und den vielen Piercings, die zwei goldgelockte Kleinkinder an den Händen hält. Das würde sicher Spaß machen. Aber eigentlich wollte ich auf der Fahrt ja arbeiten.

In meiner Laptoptasche stecken Unterlagen für ein Seminarkonzept zu weiblicher Sexualität, an dem ich schreibe, für eine Tempelgruppe, die ich leite, für die 21-Tage-Online-Sadhana der Awakening Women, an der ich teilnehme, für die Demomassagen, die ich am Wochenende geben will sowie ein sexualtherapeutisches Fachbuch. Nichts davon kann ich hier auf dem Bahnsteig gebrauchen. Aber zum Glück habe ich ein Smartphone und schnell bin ich vertieft in Presseartikel über die Präsidentenwahl in Frankreich, über die Klitoris und über „White, hot truths“. Nebenbei chatte ich mit einem Freund und plötzlich wird es auch hier wieder eng um mich herum und dann fährt der IC ein und ich finde nach ein paar Versuchen einen Sitzplatz, der nicht reserviert ist.

Neben mir sitzt eine sympathisch aussehende Dame, mit der ich schnell ins Gespräch komme. Sie ist unterwegs Richtung Montreal, zu einer vierwöchigen Wandertour im französischen Teil von Kanada. Als ich von der Toilette zurückkomme, hat sie die ZEIT aufgeschlagen und während ich beginne diesen Text zu tippen, lese ich hier und da unauffällig ein bisschen bei ihr mit.

Auf das Portemonnaie, das auf diesem Bild obenauf liegt, bin ich übrigens sehr stolz. Als ich vor zwei Wochen mit meiner Mutter einen kurzen Erholungsurlaub gemacht habe, hatte ich ihr erzählt, dass ich nach einem größeren Portemonnaie suche. Einem, bei dem ich nicht jeden Geldschein dreifach falten muss, damit er rein passt und das auch Platz für ein paar Karten hat. Ein Portemonnaie, das zu meinem neuen Leben passt. Und wie sich rausstellte, hatte sie genauso ein Portemonnaie vor vielen Jahren mal gekauft, aber nie benutzt. Sie hat es mir geschenkt und ich freue mich jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme.

Während draußen die Bäume an mir vorbeifliegen, feile ich an meinem Seminarkonzept, verfasse ein Testimonial für ein Seminar, bei dem ich im Januar war und bitte meinen Sohn per WhatsApp, die Schüssel mit Cornflakes und Milch aus dem Backofen zu holen, die ich heute Morgen dort vor der Katze versteckt und dann vergessen habe.

Leider verspätet sich mein Zug und ich treffe nicht mehr rechtzeitig in Wuppertal ein, um die Bummelbahn zu erreichen, die mich meinem Ziel noch näher bringen soll. Also wieder ins Reisezentrum und wieder eine dreiviertel Stunde auf einem Bahnsteig rumstehen.

„Geniess‘ die Sonne!“ schreibt meine Kollegin, aber ich kann nicht, ich bin genervt. Der Akku von meinem Laptop ist kaputt, ich kann also ohne Stromquelle nicht arbeiten. Ich habe Hunger, aber nur 10 Euro in meinem eleganten neuen Portemonnaie. Habe ich schon mal erzählt, wie geizig ich bin, wenn es um meine persönlichen Belange geht? Der Bahnhof ist eine Baustelle und auf der einzigen Bank weit und breit sitzt eine Gruppe Jugendlicher. Ich überlege kurz, ob ich um einen Sitzplatz bitte, aber dazu bin ich wohl doch noch nicht alt genug.

Warum mache ich das alles eigentlich? Warum mache ich mir diesen Stress und fahre schon wieder für ein Wochenende quer durch Deutschland, obwohl ich keinen Cent damit verdiene?

Aber irgendwann ist auch diese Warterei vorbei und ich sitze in einem kleinen Zug, der mich ins Nettetal bringt. Steckdosen gibt es hier natürlich auch nicht, aber ich bin jetzt sowieso zu müde zum Arbeiten.

Meine Kollegin holt mich vom Bahnhof ab, sie ist aufgedreht, weil sie zum ersten Mal alleine ein Seminar leitet und ihre Vorfreude steckt mich an. Wir richten zusammen den Seminarraum her und holen uns den Schlüssel für unser Zimmer.

In die Mitte legen wir die „Vulva Puppet“, die ich mir zu meiner Praxiseröffnung geschenkt habe und die meine kleine Tochter so liebt.

Mehr Fotos habe ich nicht mehr gemacht an diesem Tag. Ich hatte mein Handyladekabel vergessen und musste sparsam mit dem Akku sein und es war auch plötzlich einfach keiner Zeit mehr dafür. Es war Zeit dafür, mal wieder in die wunderbare Atmosphäre einzutauchen, die auf so einem Seminar entstehen kann. Zeit dafür, barfuß mit einem Becher Tee in der Hand durch das nasse Gras zum Mühlenbach zu gehen und Zeit dafür, mit anderen Frauen zu lachen und zu weinen, zu tanzen und zu massieren. Zeit, einfach nur ich selber zu sein.

Das Leben ist schön. Ich bin so froh, dass ich das inzwischen fühlen und sagen kann und das verdanke ich Seminaren wie diesem!