Ein Stück mehr allein auf dieser Welt

Heute morgen ist meine Oma gestorben. Ich habe mir das sehr gewünscht. Für sie, für meine Mutter und auch für mich. Das Ende ihres langen Lebens war nicht ganz so friedlich, wie wir gehofft hatten, sie musste vor ein paar Tagen nach einem Sturz noch mal ins Krankenhaus. Dort habe ich sie heute ein letztes Mal gesehen.

99 Jahre ist sie alt geworden. Bei meiner Geburt war sie so alt, wie ich jetzt bin. Mein ganzes Leben lang hat sie mich begleitet, mich und meine Kinder. Und wir haben sie begleitet, bis in den Tod. Sie ist immer da gewesen, so lange ich denken kann. Sie hat mir Fencheltee gegeben, als meine Mutter nach meiner Geburt zu schwach war, um nachts aufzustehen. Sie hat mir jeden Abend vor dem Schlafen Geschichten über „Lieselotte“ erzählt, die immer genau dieselben Dinge erlebt hatte wie ich und sie hat diese Geschichten mit ihren Fingern auf meinem Rücken untermalt, als Spiegel meiner Erlebnisse und Gefühle. Sie hat mir aus den Büchern vorgelesen, die meine Eltern pädagogisch nicht wertvoll genug fanden. Und zum Abschluss hat sie mir das Märchen von Rotkäppchen erzählt. Immer wieder, weil es mein Lieblingsmärchen war. Sie hatte die Geduld, die Zeit und das Verständnis, das meine Eltern nicht hatten. Zeit zum Kuscheln, Zeit zum Trödeln, Zeit für Sinnloses. Ich weiß nicht, wie ich meine Kindheit ohne sie überstanden hätte.

Es war ein enges Band, das uns verband. Während ich dies schreibe, sprudeln die Erinnerungen an unsere Spaziergänge im Schlosspark, an ihre kleine Küche mit dem einfachen Gasherd, in der sie für mich Krabben pulte und Grießsuppe kochte. Ich spüre wieder den kalten Terrazzoboden unter meinen Füßen und rieche diese spezielle Mischung aus Uralt-Lavendel und Bügelwäsche, die das Innenleben ihrer Schränke verströmte. Und immer hatte sie Fruchtgummis in der Porzellandose mit dem Holzdeckel auf ihrer Jugendstil-Anrichte. Auf den Urlaubsreisen meiner Kindheit war sie meine Spielgefährtin, sie hat mir das Einmaleins beigebracht und das Häkeln. Sie war immer da, wenn ich sie brauchte. Und ich war da, wenn sie mich brauchte. In den letzten zehn Jahren war das immer öfter.

An Weihnachten vor neun Jahren, als ich mit meiner Jüngsten schwanger war, holte ich sie nach einem doppelten Beckenbruch aus dem Krankenhaus zu uns. Wochenlang blieb sie bei mir, bis sie wieder Laufen und Treppensteigen konnte wie zuvor. Niemand hatte geglaubt, dass das in ihrem Alter möglich wäre. Zwei Jahre später zog meine Mutter mit ihr zu uns in das Wohnprojekt. Der Brustkrebs meiner Mutter und ihre Rheuma-Erkrankung, die Stürze und OPs meiner Oma, ihre zunehmende Verwirrtheit und Pflegebedürftigkeit – wir haben viel zusammen durchgestanden. Für meine Kinder war sie Oma Dorchen, für mich war sie die Verbündete meiner Kindertage, für sie war ich das Liebste. Mein Portrait stand auf ihrem Sekretär und wenn wir uns in die Augen schauten, war alles noch da, was uns verbunden hatte.

Ich habe ihr einen sanften Tod gewünscht und sie hat ihn bekommen. Morgen gehe ich mit meiner Mutter und der Jüngsten auf den Friedhof und suche einen schönen Platz für sie. Einen Platz unter Bäumen.

Ich bin dankbar für alles, was wir hatten und auch sehr erleichtert. Es ist viel, was ich auf meinen Schultern trage und es ist gut, dass etwas davon abgefallen ist.

Ich bin Tochter und ich bin Mutter. Ich bin keine Enkeltochter mehr. Ich bin ein Stück mehr allein auf dieser Welt.