Ein Dankbarkeits-Post vom Ende der erotischen Nahrungskette


„Ich bin ja froh, dass es da einen Mann gibt, den ich mir ab und zu ausleihen kann.“ hörte ich mich zu der Freundin eines Liebhabers sagen, die mich anrief, um einen Massagetermin abzusagen, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.

Ich finde immer noch, dass dieser Satz meine Ambitionen treffend umreißt, aber ich frage mich seitdem, ob es eigentlich in Ordnung ist, das so auszudrücken. Wie würde ich es finden, wenn ein Mann das über eine Frau sagen würde?

Am Anfang hatte ich in meinem Bestreben nach Klarheit und meinem Bemühen, Scherereien zu vermeiden, ausschließlich nach Singles Ausschau gehalten. Doch hinter deren vordergründigen Bedürfnissen verbargen sich meist noch viel weitergehende Wünsche, die ich im Allgemeinen und dann meist auch im Besonderen nicht erfüllen konnte und wollte, so dass es dann eben doch wieder Komplikationen gab. Irgendwann schrieb mich ein Mann von einem Paarprofil aus an und nachdem ich das erst sehr befremdlich fand, stellte ich bald fest, dass offene Beziehungen verbreiteter sind, als ich dachte. Und dass zutreffen könnte, was eine Kollegin mir auf den Weg gegeben hatte, als ich mich für ihre Erfahrungen interessierte: „Die besten Männer sind die, die in Beziehung sind.“

Es lag also nahe, meine Suchkriterien zu ändern und Männern den Vorzug zu geben, die ihren Beziehungsstatus mit „polyamor“ oder „offen“ angeben. Doch ganz so einfach war es dann auch nicht. Beim zweiten Treffen mit R. fand ich heraus, dass seine Lebensgefährtin nichts davon wusste, dass er die Beziehung geöffnet hatte und U. hatte seiner Frau vielleicht zu viel erzählt, denn sie befürchtete, er könne sich verlieben und untersagte weitere Treffen.

So war manch schöner Kontakt schnell wieder zu Ende und das schmeckte jedes mal bitter. Nicht nur, weil ich wieder von vorne anfangen musste mit der Suche nach etwas, was schwer zu finden ist: Ein Mann, mit dem ich sexuell kompatibel bin. Es geht mir um ein körperliches Bedürfnis, aber damit ich diesem Bedürfnis nachgehen kann, muss erst mal eine Menge drumherum stimmen. Und wenn dann alles stimmt, das Drumherum und auch das in der Mitte, dann ist es eben doch viel, was fehlt, wenn es plötzlich wieder weg ist.

So sehe ich mich gewissermaßen am Ende der erotischen Nahrungskette und war daher sehr auf der Hut, als ich realisierte, dass die Anruferin nicht nur irgendeine Klientin war, die einen Termin absagte. Sie erklärte auch, warum sie absagte. Er hatte ein „Ritual zu dritt“ für sie gebucht, also eine Session, bei der ich ihr eine Massage geben und er als Dritter dabei sein und von mir mit einbezogen werden sollte, um ihr Sicherheit zu geben und das Erlebnis für sie noch intensiver zu machen. Ein schönes Geschenk, hatte ich gedacht, doch ihre Sorge war, dass nicht sie im Mittelpunkt stehen könnte, sondern sein Interesse an mir. Diese Möglichkeit hatte ich nicht in Betracht gezogen, aber mir wurde schnell klar, dass ihre Perspektive eine völlig andere ist als meine.

Für mich ist er einer von mehreren, einer, den ich mir gerne mal ausleihe und dann auch gerne wieder in die Hände einer anderen zurückgebe. Für sie ist er „der eine“, auch wenn sie selber Kontakte zu anderen Männern hat. Für mich ist es nicht wichtig, wer und wie „die andere“ ist. Für sie bin ich die Frau, mit der ihr Freund sich zum Sex verabredet und sie vertraute mir an, dass das manchmal eine Herausforderung für sie ist.

Sie beschrieb aber auch, wie erleichtert sie war, als wir uns das erste Mal getroffen hatten, in einer Phase, in der sie gerade keine Lust auf Sex hatte. Ihm hatte es gut getan und ihr nahm es den Druck. Sie erzählte auch, wie sie sich gefreut hätte, als er nach einer Nacht bei mir den Rückweg durch den Wald so sehr genossen hatte, dass er sich auf eine Bank gesetzt und den Vögeln zugehört hatte. Sie hatte sich schon lange gewünscht, dass er mal Ruhe in der Natur finden würde und durch den Besuch bei mir war das geschehen.

Es hat mich sehr berührt, das alles von ihr zu hören und mir wurde klar, was mir vorher nicht bewusst war: Ich bin ein Teil ihrer Beziehung. Das machte mich dankbar und demütig. Dankbar für ihre Offenheit, demütig dafür, dass sie all das leistet, was ich gerade nicht leisten kann und will – Beziehungsarbeit. Sie wagt etwas, sie ist im Kontakt, sie setzt sich auseinander und sie wächst daran. Deswegen ist es so leicht für mich, ihn mir einfach manchmal auszuleihen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto dankbarer bin ich und ich finde den Satz jetzt ganz in Ordnung. Weil es für sie in Ordnung ist.