12von12 am 12.1.2017 - ein Vormittag im Zeitloch

12von12 am 12.1.2017 – ein Vormittag im Zeitloch

Beim Aufwachen höre ich den Regen auf Fensterbank. Ich mag das Geräusch, aber ich habe es in letzter Zeit zu oft gehört. Außerdem ist es 6 Uhr, ein stockfinsterer, kalter Januarmorgen. Es kostet mich eine Menge Willenskraft, nicht einfach im Bett liegen zu bleiben, zumal ich heute Vormittag einen Zahnarzttermin habe, weil sich am Sonntag Abend beim Zähneputzen (!) eine Füllung aus meinem Weisheitszahn gelöst hat.

Zum Glück steht die Kleine munter auf. Der Große bleibt im Bett, weil er nach zwei guten Schultagen gestern schon wieder mit kolikartigen Bauchschmerzen nach Hause kam. Ich mache Frühstück für M. und mich und sie macht Frühstück für die Katze. Meine große Tochter fragt, ob ich ein Referat gegenlesen könne, dass sie morgen abgeben soll und mein Ex schreibt, dass er unsere Kinder am übernächsten Wochenende, wo ich zu einem Seminar zu Schmerz und Trauma im weiblichen Beckenboden angemeldet bin, nicht betreuen kann.

Um 7.10 verlässt die Kleine schwer bepackt mit Ranzen und Geigentasche das Haus und verschwindet in der Dunkelheit.

Ich mache mich kurz danach auf den Weg zur Bushaltestelle. Ohne Auto ist Mobilität hier ein großes Thema, denn der Bus fährt wochentags nur einmal in der Stunde. Dafür treffe ich jetzt oft Nachbarn, die ich sonst nie treffe und komme so zu kleinen Alltagskontakten, die ich sonst nicht hätte, während der Bus mich gemütlich durch die Dämmerung schunkelt.

Als ich ankomme, flitze ich sofort los, bis mir auffällt, dass ich ja noch massig Zeit habe bis zu meinem Termin um 9 Uhr. Ich gehe also zuerst zum Kinderarzt und frage nach dem Ergebnis der Blutuntersuchung meines Sohnes und nach einem Termin für den Vormittag. Er könnte in einer Stunde vorbeikommen und ich versuche, ihn telefonisch zu erreichen. Das gelingt mir leider erst, als er den nächsten Bus nicht mehr erwischen kann.

Währenddessen gehe ich weiter zur Post, aber die öffnet erst um 9 Uhr. Desgleichen der Schlüsseldienst und das Kaufhaus. Mir ist kalt. Ich sehe mich um und stelle fest, dass der Drogeriemarkt der einzige Laden ist, der schon geöffnet hat. Also husche ich dort hinein und lasse mir Zeit, eine Glühbirne und Glasreiniger auszusuchen. Dann nehme ich noch ein Packung Toastbrot mit, die im Angebot ist. Meine Tasche quillt über.

Als ich bei meiner Zahnärztin ankomme, ist es immer noch zu früh, aber die Praxis ist schon in Betrieb. Ich muss ungewöhnlich lange warten, aber zum Glück habe ich mein Homeoffice dabei.

Mein Handy klingelt und ein neuer Klient ruft an. Ich sage, dass ich später zurückrufe. Mir fällt ein, dass mein Sohn auch noch einen Termin braucht und ich lasse mir am Tresen einen für ihn geben. „Soll er Kunststoffüllungen bekommen?“ fragt die Arzthelferin und als ich bejahe, gibt sie mir einen Kostenvoranschlag. Mir wird kurz schlecht.

Der Dezember war ein teurer Monat (Advent! Weihnachten! Praxiseinrichtung!) mit wenig Einnahmen (Seminar! Praxiseinrichtung! Weihnachtsferien!) und der Januar hat bisher schon mit einer Menge unerwarteter Ausgaben aufgewartet.

Als ich endlich auf dem Behandlungsstuhl sitze, höre ich im Eingangsbereich ein Kind schreien. Ich warte eine halbe Stunde und frage dann, wann ich dran komme. Es sei ein Notfall dazwischengekommen heißt es. Ich warte also weiter. Zwischendurch treibe ich meinen Sohn per WhatsApp an, damit er den nächsten Bus nimmt und wir uns in der Kinderarztpraxis treffen können.

Um 10.15 Uhr kommt die Ärztin, gibt mir eine Spritze und erneuert die Füllung, dann verabschiedet sie sich mit einem Lächeln und einem Händedruck. Sie hat die Zusatzkosten für meine Füllung nicht erwähnt. Sie ist die Mutter eines Klassenkameraden meiner Tochter. Vielleicht berechnet sie mir keine Zusatzkosten. Vielleicht. Hoffentlich. Ich lächele dankbar und verabschiede mich.

Mein Sohn ist inzwischen beim Kinderarzt eingetroffen. Ich schreibe, dass ich noch schnell bei der Post vorbei gehe. Auf der Post prüft die Beamtin gründlich die Unterlagen, die ich vorlege, um ein Einschreiben abholen zu können, das an den Verein adressiert ist, dessen Vorstand ich seit kurzem angehöre. Dann wiegt sie die Büchersendung aus, die ich aufgeben will. Sie ist zu schwer und kostet fast 5 Euro Porto. Ich raffe meine Sachen zusamen und eile zur Kinderarztpraxis, aber als ich durch die Tür trete, kommt mein Sohn mir schon mit einem Attest in der Hand entgegen. Der Arzt hat auf Magenschleimhautentzündung getippt.

Der Bus ist gerade weg. Ich frage, ob er schon gefrühstückt habe und er schüttelt den Kopf. Ich verdrehe die Augen, er ärgert sich, wir streiten. Er sagt, er würde zu Fuß nach Hause gehen.

Ich könnte jetzt gut ein bisschen weinen. Stattdessen gehe ich in die Schreibwarenabteilung des Kaufhauses und lasse mir eine neue Mine in den Kugelschreiber setzen, den mein Vater mir vor vielen Jahren geschenkt hat. Das beruhigt mich.

Dann gehe ich zum Schlüsseldienst. Der Ladner findet den Januar auch doof. „Kaum Kundschaft und nichts als Rechnungen.“ sagt er.

Dann sehe ich ein Schaufenster mit schönen Lampen und laufe schnell weiter.

Dann gehe ich zum Bilderrahmenladen und frage den Inhaber, wann das Yoni-Bild fertig sei, das ich für meine Praxis rahmen lasse. Ich traue mich sogar, ihn zu fragen, ob er es aufhängen könne. Ich frage ganz normal, ohne Augenaufschlag etc. und er antwortet, er sei nächste Woche sowieso in meiner Gegend und könne das dann erledigen. Ich erkläre, wie ich das Bild gehängt haben möchte und er gibt mir schon mal das passende Zubehör mit.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle fällt mir ein, dass mein Sohn gerne mal wieder French Toast essen wollte. Ich schicke ihm ein Foto von der Toastpackung und schlage vor, dass ich ihm zu Hause welche mache.

Ich habe aber keine Eier mehr, daher kaufe ich noch welche im Bioladen.

An der Bushaltestelle warte ich noch 10 Minuten, dann kommt der Bus und ich steige ein. Außer mir sind nur ältere Leute und Jugendliche im Bus. Es riecht seltsam nach Spiritus, aber ich bin damit beschäftigt, mir Notizen für 12von12 zu machen. Der neue Klient ruft noch mal an und ich sage, dass ich gleich zu Hause bin und zurückrufe. Irgendwann merke ich, dass ich in einer Gegend der Kleinstadt bin, die ich noch nie gesehen habe. Ich frage den Busfahrer und er bestätigt, dass ich im falschen Bus sitze. Ich könne am Bahnhof aussteigen, sagt er, da würde auch der Bus halten, mit dem ich fahren muss. Ja, ja, das stimmt, aber der fährt ja erst wieder in einer Stunde… .

Am Bahnhof sehe ich, dass der Schulbus auch nicht früher kommt und mache mich zu Fuß auf den Weg. Zum Glück regnet es gerade nicht. Trotzdem bemerke ich einen großen nassen Fleck auf meiner Jeans:

Der Schraubverschluss des Glasreinigers ist aufgegangen und die ausgelaufene Flüssigkeit hat den Inhalt meiner Tasche durchweicht. Auch das Einschreiben und die Quittungen, die ich für die Steuer sammele.

Ich nehme die Abkürzung über den Friedhof und rufe den Klienten an, der sich für ein Berührungscoaching interessiert. Ich glaube nicht, dass er einen Termin vereinbaren wird. Ich glaube, er wollte nur reden. Mein Sohn fragt, ob ich den Bus verpasst habe.

Um 12.37 bin ich zu Hause. Die Katze will raus, sie hat ausgeschlafen. Mein Sohn sitzt grummelnd vor dem Computer und sagt, er hätte schon die kalten Nudeln von gestern Abend gegessen.

Ich packe die magere Beute des Vormittages aus und beschließe, dass in Zukunft eine Klarsichthülle für die Quittungen und eine Reservetüte zur Grundausstattung meiner Handtasche gehören werden. Dann setze ich Kaffeewasser auf, ziehe eine trockene Hose an und mache mich daran, das Referat meiner großen Tochter zu korrigieren. Eine Stunde später kommt mein Sohn runter und fragt, ob ich auch einen French Toast mit Banane und Schoko will. Klar will ich!

Gegen 15 Uhr kommt meine kleine Tochter, wir essen Lebkuchen und lesen „Potilla und der Mützendieb“. Später bekomme ich eine Mail von meiner Tante und einen Anruf von meiner Mutter, sie haben meine Einladung zur Praxiseröffnung bekommen und sie gefällt ihnen gut. Dann schreibt mich eine neue Klientin an, der ich von einer Kollegin empfohlen worden bin. Um 17 Uhr kommt die Tierärztin (eine Nachbarin) und impft die Katze. Sie will meine Räume sehen und ist begeistert. Zum Abendessen koche ich Erbsensuppe und die Kinder streiten nur ein bisschen. Vor dem Schlafengehen möchte M. noch einen Wunsch verbrennen und wir stehen lange an der offenen Terrassentür und sehen den Vollmond aufgehen.

Mehr 12von12 gibt es wie immer hier.

Ich wünsche euch eine ruhige Nacht!