Meine friedliche Weihnacht

Meine friedliche Weihnacht

Die Spülmaschine läuft, Regentropfen trommeln an die Scheiben, meine Tochter schläft, mein Sohn chattet mit Freunden. Ich sitze auf meinem Sofa und betrachte den Tannenbaum. Es ist der schönste, den ich je hatte. Er reicht vom Boden bis zur Decke und ist reich behangen mit Bienenwachskerzen, Kringeln, polierten Äpfeln, Strohsternen und den Holzfiguren, die schon an den Tannenbäumen meiner Kindheit hingen. Der Esstisch ist leer bis auf den Adventskranz und eine kleine weiße Schale mit 13 Wünschen für das nächste Jahr. Heute Morgen habe ich mit meinem Kaffee im Bett gesessen und sie auf kleine Zettel geschrieben, heute Nacht werde ich den ersten unbesehen verbrennen und in jeder der kommenden Nächte bis zum 6.12. einen weiteren. 13 Zettel für 12 Nächte, den letzten werde ich öffnen und lesen, um seine Erfüllung werde ich mich selber kümmern.

Ich bin zufrieden mit mir.
Nein – heute werde ich nicht bescheiden sein! Ich bin stolz auf mich!

Lange hatte ich das Gefühl, dass ich dieses Jahr nicht richtig vorankomme, dass ich auf der Stelle trete, aber der Dezember hat es rausgerissen: Erst das Ausbildungsseminar in Berlin, bei dem ich tolles Feedback von der Gruppe und den Dozenten bekommen habe, dann die Renovierung und Einrichtung des Anbaus zu meiner Praxis, die ich minutiös vorbereitet und dann unter erschwerten Bedingungen innerhalb von einer Woche fast alleine bewältigt habe, dann die Weihnachtsvorbereitungen. Meine Kinder hatten schwer zu tragen an dem Auszug ihres Vaters, die Kleine hat wochenlang in meinem Bett geschlafen und viel geweint, der Große hatte wieder Magenprobleme und konnte lange nicht zur Schule gehen. Dazu meine überforderte Mutter, meine sieche Großmutter, die therapeutische Aufarbeitung unserer Familiengeschichte mit meiner großen Tochter, viele neue Klientinnen und Klienten, Übernachtungsbesuch von Freunden und Kollegen und nun über Weihnachten von der Mutter eines Nachbarn. Das Geld ist knapp, ich habe kein Auto mehr und mein Ex hat vom Akkuschrauber bis zur Rohrzange vieles mitgenommen, was frau so braucht, wenn sie ihr Leben neu einrichtet. Aber ich habe es hinbekommen, ich habe es alles geschafft. Ich habe ein neues Klingelschild an meiner Haustür, eines für meine Familie und eines für meine Praxis.

Letztes Jahr zu Silvester habe ich wie jedes Jahr mit den Kindern eine große weiße Papiertischdecke mit unseren Wünschen für das nächste Jahr gestaltet. Ich habe ein Haus mit einem Praxisschild gemalt. Ich wusste noch nicht, wie und wo, aber ich wollte eine eigene Praxis. Die habe ich nun. Es ist alles genau so gekommen, wie ich es mir gewünscht habe und es fühlt sich richtig an, richtig richtig. Diese Arbeit ruft mich, anders kann ich es nicht ausdrücken und jetzt habe ich endlich Raum dafür, helle, klare, offene, warme Räume. Immer wenn ich in den letzten Wochen an mir und meinen großen Plänen gezweifelt habe, hat das Telefon geklingelt und eine Frau hat nach einem Termin gefragt – ob ich bei IKEA auf dem Parkplatz stand oder mit dem Mixer in der Hand über den Farbtöpfen. Ich habe ein Tätigkeitsfeld gefunden, auf dem ich herausragend gut bin, auf dem es ein Vorteil ist, dass ich die persönliche Reife einer Frau Ende Vierzig und den Elan einer Berufsanfängerin mitbringe und das mich jeden Tag aufs Neue fasziniert und erfüllt. Das trägt mich durch alles andere. Jeder, der mich in den letzten Wochen erlebt hat beschreibt, wie anders meine Ausstrahlung sei, wie sehr ich mich verändert hätte. Doch so neu ist diese Veränderung gar nicht. Sie hat sich nur bislang nicht hier gezeigt, hier, wo ich lebe und wohne. Diese selbstbewusste, in sich ruhende, strahlende, freie Frau war ich nur außerhalb meines Hauses. DAS hat sich verändert.

Dieser Weihnachtsabend war ein Test. Sie waren alle da, meine drei Kinder, meine Mutter, mein Ex-Mann. Ich hatte alle Geschenke besorgt und eingepackt, ich hatte gebacken, geschmückt, geräumt und geputzt, eingekauft und das Essen vorbereitet. Als ich meine Wunschzettel für die Rauhnächte gerade fertig gefaltet hatte, kamen mein Ex und meine große Tochter durch den Garten auf das Haus zu. Mir ist aufgefallen, dass er schnell wieder das große Wort geführt und Ansagen gemacht hat, aber es war anders als früher. Ich war nicht auf der Hut, ich war nicht unsicher, ich habe mich für nichts entschuldigt und nichts heruntergeschluckt. Ich war gelöst, gelassen und präsent, ich war Mutter, ich war Hausherrin – auf meine Art.

Es war ein harmonischer, fröhlicher Abend und um acht Uhr ist er zurück in seine Wohnung zu seiner Freundin gefahren und meine Tochter zu ihrem Freund. Ich habe die Kleine ins Bett gebracht und mich noch kurz mit meinem Sohn über das gelungene Fest gefreut. Jetzt sitze ich mit einem Glas Wein auf dem Sofa, sehe mir den Tannenbaum an und werde um Mitternacht den ersten Zettel verbrennen.

Ja, ich bin stolz auf mich! 🙂