Jenseits des Tunnels

Jenseits des Tunnels

Gestern Abend kam ich aus Berlin zurück und das Haus war leer. Er ist ausgezogen.

Ich hatte viel darüber nachgedacht, wie es sein würde. Ob ich die Musik aufdrehen und tanzen würde oder ob ich in Tränen ausbrechen würde. Es war nichts davon. Es war einfach gut und richtig.

Es war gut, diesmal nicht von ihm an der Bahn abgeholt zu werden, sondern mit einem Taxi nach Hause zu fahren. Es war gut, auf ein Haus zuzugehen, in dem kein Licht brennt. Es war gut, nur von der hungrigen Katze begrüßt zu werden. Es war gut, dass er nicht mehr hier wohnt.

Meine Schritte hallen auf dem Holzfußboden. Die Schränke sind leer, die Wände kahl, die Fenster nackt. 40qm, die er in den letzten zwei Jahren bewohnt hat, mit verschiedenen Partnerinnen. In denen er seine Geburtstage in großer Runde gefeiert, geschlafen und gearbeitet hat, in denen er mit unseren Kindern auf der großen roten Couchgarnitur ferngesehen und uns zum Sonntagmorgenfrühstück empfangen hat. 40qm, aus denen immer Musik drang, aus denen seine Schritte sich über den Dielenboden in meine Wohnung übertragen haben, aus denen ich sein Husten am Morgen hören konnte und sein Lachen beim Telefonieren. Das ist jetzt vorbei. Auch diesen letzten Schritt der Trennung habe ich nun durchgesetzt. Ich glaube, es war auch für mich der schwierigste.

Heute Morgen stand ein Nachbarsmädchen vor der Tür, die beste Freundin meiner kleinen Tochter. Mit roten Backen stand sie da und strahlte mich unter ihrer selbstgestrickten Wollmütze an. „Kann ich mit M. spielen?“ fragte sie, wie jeden Sonntag. Ich war froh, dass ich mir die Antwort auf diese Frage zurechtgelegt hatte: „Nein, sie ist bei ihrem Vater, der ist ja gestern umgezogen.“ sagte ich. Diesen Satz werde ich noch oft sagen. Es hat geschmerzt, ihn auszusprechen, aber auch das ist richtig. Der Schmerz wird nachlassen und es wird etwas Neues entstehen.

Die Stille bedeutet mehr
als tausend Leben,
und diese Freiheit ist mehr wert
als alle Reiche der Welt.
Die Wahrheit in sich selbst erblicken,
nur für einen Augenblick,
gilt mehr als alle Himmel,
mehr als alle Welten,
mehr als alles, was es gibt.

Rumi