Fragen über Fragen

Fragen über Fragen

Es ist immer wieder eine Herausforderung für mich, zu schreiben, ohne mich zu rechtfertigen. Dieser Reflex ist so tief verankert – vielleicht ist das wirklich das Schwierigste: einfach alles aufzuschreiben und nebeneinander stehen zu lassen, mich nicht zu erklären. Es spricht nichts dagegen, mich zu reflektieren, das mache ich, zur Genüge. Aber dieses Gefühl, dass irgendetwas an dem, was ich tue und empfinde in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Ambivalenz nicht richtig sei und der Relativierung und Erklärung bedürfe oder meiner Leserschaft nicht zugemutet werden könne, das versuche ich immer wieder zu enttarnen, wenn es sich hereinschleicht in meinen Kopf und mich am Schreiben hindern will.

Wenn ich mich frage, wie es sein kann, dass das, was ich mir aus vollem Herzen wünsche, mir manchmal so große Angst macht oder wie ich von tiefer Verunsicherung, Trauer und Zurückgezogenheit zu flirrender Neugierde und schillerndem Selbstbewusstsein changieren kann, dann denke ich an Rilke, der schrieb:

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Ich versuche, mich wie eine Frage zu lieben, statt mich in Antworten zu zerpflücken. Dafür schreibe ich.

Doch nun zu der Geschichte, die ich euch erzählen will:

Nach langer Skepsis bin ich seit einem Jahr bei einem großen Erotik-Portal angemeldet und tummele mich dort in Gesellschaft von zwei Millionen Menschen, die ihre Sexualität auf ganz unterschiedliche Weise leben. Das ist sehr spannend, am spannendsten finde ich es aber wieder mal, mich selber zu beobachten. Ich habe in dieser Zeit verschiedene Phasen durchgemacht. Ich habe das Portal teils aktiv und teils passiv genutzt, ein halbes Jahr lag mein Profil ganz still, weil ich in einer Beziehung war. Ich habe meine Selbstdarstellung immer wieder an meine jeweiligen Wünsche und Bedürfnisse angepasst und dementsprechend unterschiedliche Resonanz erhalten. Im Frühsommer hatte ich eine Phase, in der ich es mir zum ersten Mal in meinem Leben erlaubt habe, mich ganz frei auszuprobieren. Ich nahm mir Zeit dafür und es machte mir Spaß. Ein Freund brachte es auf den Punkt, als er schrieb: „Als hättest du dir eine 10er-Karte fürs Kino gekauft!“

Wenn ich mich von einem Profil angesprochen fühlte, nahm ich Kontakt auf. Ich war neugierig, ich wollte herausfinden, worauf ich eigentlich wirklich stehe, unter welchen Umständen ich Anziehung und Lust empfinde. Ich verabredete mich auch mit Männern, von denen ich früher dachte, sie wären nichts für mich (zu jung, zu attraktiv, zu weit entfernt von meiner intellektuellen oder sozialen Filterblase), die ich im normalen Leben nicht kennengelernt hätte und ich machte dabei ganz viele neue Erfahrungen. Manche bestätigten meine Hypothesen und manche widerlegten sie, manche waren langweilig, manche großartig, manche führten zu neuen Fragen und manche zu überraschenden Erkenntnissen. Manchmal hatte ich Sex, oft aber auch nicht. Manchmal entstanden bereichernde, intensive Kontakte, mal habe ich mich nach einer Stunde wieder verabschiedet. Ich konnte mich auf mein Bauchgefühl verlassen und war endlich selbstbewusst genug, meine Wünsche und Entscheidungen zu vertreten.

Schlechte Erfahrungen habe ich übrigens nicht gemacht. Es ist auf so einer Plattform nicht schwer, Männern aus dem Weg zu gehen, die sich Profilnamen geben wie ein Pornostar, die Schwanz-Selfies für erotisch halten oder ein zur Kontaktaufnahme in die Tastatur gerauntes „cu“ für eine Botschaft, die den Puls einer Frau in die Höhe treibt. Bei Parship ist das schon schwieriger. Viele Möglichkeiten, sich von der Masse abzuheben, gibt es da nicht und um so weniger ist die Person hinter dem Profil zu spüren. Dafür habe ich da innerhalb von zwei Wochen mehr blöde Anmache und Psychopathen erlebt als in einem ganzen Jahr auf dem Erotikportal. Ich finde das Prinzip unergiebig und deprimierend, ich fühle mich bevormundet und in konventionelle Konzepte von Persönlichkeit, Liebe und Beziehung gedrängt, in denen ich mich nicht wiederfinde. Meine Tage dort sind also gezählt.

Aber zurück zum Sommer: Irgendwann war die Zeit des Streunens vorbei. Mein Instinkt schien mich verlassen zu haben, die Ausgeh-Abende verliefen immer häufiger zäh statt prickelnd, ich war nicht mehr gespannt auf neue Akteure im selben Plot, sondern überdrüssig. Ich hatte genug. Jeder weitere Schritt in diese Richtung hätte mich nicht näher zu mir hin, sondern weiter von mir weggeführt. Ich bin froh, dass ich auch das inzwischen mitkriege. Und ich weiß auch, dass sich dieselbe Sache ganz anders anfühlen kann, je nachdem, ob es mir gut geht oder nicht, ob ich in der Fülle bin oder im Mangel.

Ich hatte also nicht mehr 2-3 Verabredungen in der Woche sondern nur noch alle paar Wochen eine. Dabei kam dann mal eine besondere Nacht heraus und mal mein erstes professionelles Akt-Fotoshooting. Und am letzten Wochenende mein erster Besuch auf einer Erotik-Party.

Um die ganze Swinger- und Club-Szene hatte ich bislang einen Bogen gemacht, aber der Bogen wurde kleiner, seit ich Menschen kennenlernte, die damit Erfahrung haben. Ich wollte mir selber ein Bild machen und wartete auf den richtigen Moment. Neulich Abend chattete ich mit einem Bekannten, den ich über besagtes Erotik-Portal kenne und er schlug vor, zwei Tage später zu einer großen Tanzparty in einer Location zu gehen, die u.a. für BDSM-Veranstaltungen ausgelegt ist. Auf diesen Partys ist alles erlaubt, im Vordergrund stehen aber Tanz und Musik, Sehen und Gesehenwerden. Das klang nach dem idealen Einstieg für eine unerfahrene, introvertierte Endvierzigerin ohne „special interests“, die nicht mal High Heels, geschweige denn irgendwelche frivolen Kleidungsstücke im Schrank hat. Ohne lange nachzudenken schlug ich ein. Am nächsten Morgen erschrak ich vor meiner eigenen Courage und fing an, mir wegen des Dresscodes Stress zu machen. Doch dann beschloss ich, den Stress sein zu lassen, etwas anzuziehen, worin ich mich wohlfühle und mich einfach auf eine tolle Party in anregender Gesellschaft zu freuen.

Es war gegen elf, als sein Auto in der Nähe der Autobahnausfahrt neben meinem hielt und wir ausstiegen um uns zu küssen, genau wie beim letzten Mal, vor einem Jahr. Wir sahen aus wie die Schöne und das Biest – er im Gothic-Stil, ich im weißschimmernden Abendkleid mit tiefrot geschminkten Lippen. In seinem Wagen lief Goa-Musik und auf der Mittelkonsole stand ein riesiger Coffee-to-go Becher. Wir sprachen nicht viel auf der Fahrt in das Gewerbegebiet auf der anderen Seite der Stadt. Meine Hand ruhte auf seinem Oberschenkel, nahe an der warmen Leistenbeuge. Ich war aufgeregt und schon jetzt sehr erregt.

Um Mitternacht standen wir vor einem unscheinbaren Bürogebäude, die Straße war komplett zugeparkt und an Einlass warteten etwa zwanzig Personen. Die Stimmung um uns herum war gedämpft, aber locker und an der Garderobe kamen unter den langen Mänteln und Jacken viel nackte Haut, Lack, Leder und Metall zum Vorschein. Neben mir enthüllte eine kleine, rundliche Frau in den Fünfzigern zwischen einer Unterbrustkorsage und einem breiten Halsband mit D-Ring stolz ihren üppigen Busen und als ich ihr anerkennend zulächelte, lächelte sie zurück.

Es war voll, die Musik dröhnte und er führte mich an der Hand durch das Gedränge, treppauf, treppab, über Galerien und Emporen, durch große und kleine Säle und Hallen, Tanzflächen, Bars und Sitzecken, vorbei an aufwändig gestalteten Räumen mit Gerätschaften, deren Verwendungszweck ich bislang nur vom Hörensagen kannte: Streckbänke, Böcke, Käfige, Slings, Ketten, Seile, Peitschen. Er suchte nach einem Raum mit einer Tür, aber der einzige den er fand, war schon belegt. Durch einen Spalt zwischen den großen, hölzernen Türflügeln sah ich, wie sich im Zwielicht ein nacktes Pärchen auf einem Podest bewegte.

Also wandelten wir weiter, tanzten, verweilten hier und da um zu gucken, tranken einen Cocktail, immer zwischen mehr oder weniger bekleideten Menschen, die miteinander taten, wonach ihnen war. Mein weißes Kleid stach im Halbdunkel zwischen all den schwarz gekleideten Gestalten heraus. Die Männer waren in der Überzahl, sie suchten meinen Blick, berührten mich aber nicht und ich spürte meinen Begleiter stets an meiner Seite. Ich fühlte mich wohl, der Umgang war respektvoll und diskret.

Schließlich positionierten wir uns auf einem Ledersofa vor dem Raum mit der hölzernen Flügeltür, aus dem immer noch oder schon wieder rhythmisches Stöhnen drang. Ich stützte meine Arme auf die steinerne Balustrade und beobachtete, wie zwei Etagen unter mir eine Frau auf der Streckbank kauernd unter wohligen Seufzern von einer anderen Frau gefühlvoll mit einem Strap-On bearbeitet wurde, während eine Dritte sie im Arm hielt. Sie machten das wirklich gut.

Die Luft war zum Schneiden hier oben, schwül, feucht, gesättigt von den Ausschweifungen der vergangenen Stunden. Mein Begleiter zog mich runter zu sich auf das Sofa und begann langsam, den dünnen, geschmeidig-glänzenden Stoff meines gewickelten Kleides von meinen Rundungen zu streifen. Eine Frau im Bodysuit beugte sich im Vorübergehen zu mir und sagte: „Du liegst da wie die Venus im Mondschein.“ Es war höchste Zeit, dass die Flügeltür hinter uns mit einem lauten Knarzen geöffnet wurde und wir uns zum Bedauern der Umstehenden zurückziehen konnten.

Wir bestiegen das rot beleuchtete Podest und nach einem Griff in die Box mit den Hygieneartikeln fielen wir auf der mit schwarzem Kunstleder bezogenen Matratze übereinander her. Mir war völlig klar, dass die Anmutung von Privatsphäre, die diese Kammer bot, nur ein fadenscheiniger Deckmantel über meinem letzten Rest an Hemmungen war, zumal die Tür immer wieder geräuschvoll geöffnet und geschlossen wurde.

Ich habe es genossen.

Wir wären gerne noch länger unter uns geblieben, aber das Gemurmel der Wartenden schwoll an und so zogen wir uns wieder an und beeilten uns, zu der großen Tanzfläche zu kommen, denn dort lief gerade die Musik, die wir beide am liebsten mögen. Ich fing an, mich in der Menge zu bewegen und jetzt fühlte ich mich nicht mehr wie eine Außenstehende, sondern dazugehörig. Mein Blick ging nicht mehr oberflächlich über die anderen hinweg, sondern ich achtete auf Details, ich sah in die Gesichter, ich bewegte mich frei und gelöst. In der Mitte tanzte eine splitternackte Frau mit nichts als einer langen Goldkette um den Hals. Sie sah glücklich aus. Homo, hetero, bi, trans, alt, jung, schön und weniger schön – jeder zeigte sich so, wie er sich gefiel, wie es seinem sexuellen Selbst entsprach und tat das, wonach ihm gerade war. Genau, wie ich es getan hatte.

Ich hatte alles Mögliche erwartet: Dass es mich abstoßen und ekeln würde, dass ich es künstlich, aufgesetzt und unästhetisch finden würde, dass ich mich als Objekt fühlen würde, dass ich vielleicht sogar die Kontrolle über mich verlieren und mich in irgendeinem orgiastischen Getümmel wiederfinden würde. Aber diese wogende, schwitzende, entfesselte Masse mit den leuchtenden Augen und den seligen Zügen erschien mir plötzlich nicht mehr fremd und bedrohlich, sondern wahrhaftig, wahrhaftiger als Vieles, was ich in meinem Alltag zu sehen bekomme.

Ich war angekommen. Ich hatte mal wieder eine Schwelle überschritten, mir ein weiteres Stück von diesem grandiosen, bunten, prallen, saftigen Leben erschlossen. Und das nächste Mal will ich mich auch äußerlich verwandeln. Ich will irgendwas anziehen, was ich sonst nie anziehen würde, irgendwas Extravagantes, Funkelndes, Gewagtes, Unpraktisches, Burlesques, was meinem sexuellen Selbst entspricht. Ich werde schon noch herausfinden, was das ist.