Ab-Trennung

Ab-Trennung

Gestern habe ich es erfahren: Zum 1.12. zieht er aus.

Ich kann gerade nichts anderes machen als schreiben.

Er hat eine Wohnung in der nächsten Kleinstadt gefunden, zusammen mit seiner Freundin. Drei Zimmer werden sie haben, eins mit einer Schlafcouch für unsere Kinder. Das ist alles gut und das ist alles total schrecklich. Und obwohl ich seit Monaten kaum etwas anderes mache, verstehe ich noch immer nicht, was gerade passiert, um mich herum und in mir drin. Ich versuche, oben auf der Welle zu bleiben, mein Geschick mit zu lenken oder zumindest zu sehen, wo es hingeht, aber die meiste Zeit habe ich das Gefühl, zu treiben. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Ich weiß nicht, in welche Richtung ich das alles bürsten soll, damit es einen Sinn ergibt.

Vorgestern Abend, noch bevor ich die Neuigkeit mit dem Auszugsdatum erfahren habe, habe ich mir ein Profil bei „Parship“ angelegt. Vielleicht ist das der Panik geschuldet, die mich manchmal erfasst, wenn ich daran denke, dass ich hier bald ganz alleine sein werde, mit allem. Mit den Kindern, mit Haus und Garten, mit den Altlasten der letzten zehn Jahre, mit meiner kranken Mutter und Großmutter, mit der nächtlichen Einsamkeit und seltsamen Geräuschen vor dem Haus, mit dem Gefühl von Überforderung, das manchmal über mir zusammenschlägt. Vielleicht ist das auch die Konsequenz daraus, dass ich es schon seit einer Weile nicht mehr spannend finde, ständig neue Männer kennenzulernen. Es fing an mich zu ermüden, da habe ich es gelassen. Mein Hunger auf Abenteuer ist vorerst gestillt. Mir ist nach Nähe und Vertrautheit.

Als ich neulich mit einem Freund im Bett war, habe ich es am meisten genossen, mich hinterher in seinen Arm zu kuscheln. Als mir ein anderer Freund schrieb, wie es sich für ihn anfühlt, mit einer Frau, die er liebt, Sex zu haben, konnte ich es kaum ertragen, das zu lesen. Mir ist schlecht geworden vor Sehnsucht. In den letzten Monaten habe ich einige Staffeln der Serie „Good Wife“ gesehen und irgendwann entdeckte ich bei youtube kleine Clips, in denen die Liebesszenen zwischen den beiden Hauptdarstellern zusammengeschnitten und mit romantischer Musik untermalt sind. Ich habe im Bett gelegen und mir das angesehen, immer und immer wieder und gemerkt, wie sehr ich mir das wünsche. So sehr, dass mir das Herz davon wehtat.

Ich bin immer noch verletzt, unendlich verletzt.

In den Sommerferien ist mein Ex mit seiner Freundin und unseren beiden Kindern in den Urlaub gefahren, zwölf Tage lang. Ich hatte mich irrsinnig auf diese Zeit gefreut. Vor mir lagen zwölf Nächte, die ich in fremden Betten verbringen konnte oder in denen sogar mal ein fremder Mann in meinem Bett liegen konnte, in denen ich das Haus auf den Kopf stellen, in Ruhe an meiner Homepage schreiben und auch sonst all das machen konnte, was sonst nicht geht. Aber schon am Abend vor ihrer Abreise, als ich mit den Kindern von einem Ausflug nach Hause kam, kippte es plötzlich. Sie packten mit ihrem Vater für den Urlaub und mir wurde klar, dass wir das früher zusammen gemacht haben und dass sie mir fehlen werden. Und dass ich keinen Urlaub mit ihnen mache. Dass ich überhaupt keinen Urlaub mache. Als die drei dann mit unserem vollgepackten Auto abgereist waren, erlaubte ich mir endlich, auf dem Sofa zusammenzubrechen und hemmungslos zu weinen.

„Irgendwann war Familie ja auch mal eine gute Idee“ schrieb mir eine alte Freundin per SMS. Ja, das war es. Ich wollte etwas Echtes erschaffen, zusammen etwas aufbauen, gemeinsam wachsen. Das ist vorbei, für immer. Der Mann, den ich mal wirklich, wirklich gewollt habe, den habe ich nie bekommen, nicht richtig, nicht so, wie er mich gehabt hat, ohne etwas damit anfangen zu können, ohne es überhaupt zu bemerken. Während ich in Selbstmitleid versank, rief meine Lieblingsnachbarin an und fragte: „Na, sind sie weg? Magst du einen Kaffee und ein Stück Kuchen?“ Ich trocknete meine Tränen und setzte mich dankbar zu ihr auf die Terrasse. Sie fand es in Ordnung, dass ich mir leid tat. „Wenn man nicht mehr tiefer fallen kann, spürt man den Boden unter sich“ sagte sie, während sie mir erzählte, wie verzweifelt sie vor vierzehn Jahren war, mit zwei kleinen Kindern, ganz allein, ohne Geld, ohne Hoffnung. Seitdem hat sie ihr Leben Stein für Stein aufgebaut und es sieht jetzt stabil, bunt und sehr individuell aus.

Sowas möchte ich auch. Aber in diesem nun schon ein paar Monate dauernden Augenblick, wo ich gesagt habe, dass ich springen will, wo ich die Hände vom Rand der Helikoptertür gelöst habe und in die Tiefe schaue, weiß ich nicht, wo ich auftreffen werde und ich weiß auch nicht, wie ich auftreffen werde. Ich weiß nicht mal, ob sich mein Fallschirm öffnen wird, ob nicht der kurze Moment des Fliegens und der Traum davon, was alles möglich ist, im Rückblick das einzig Gute an dieser Entscheidung gewesen sein werden. Es kommt mir vor, als würde ich gerade alles, einfach alles loslassen. Ich weiß, dass es richtig ist und es tut schrecklich weh und macht mir Angst.