Summer of love

Noch ein letzter Blick auf das Bett, dessen weiße Laken mich am Ende der Nacht wieder in Empfang nehmen werden, dann hänge ich mir die Tasche um und steige die Stufen hinab, küsse die Kinder und schlüpfe in die hohen schwarzen Stiefel mit dem weichen Futter. Ein graubrauner Falter flattert gegen das Fenster. Ich lege meine hohle Hand um ihn und geleite ihn hinaus in den taghellen Abend. Vor der Tür blüht das Geißblatt und verführt mich mit seinem Duft dazu, den Kelch einer Blüte zwischen die Lippen zu nehmen und ihren Nektar zu kosten. Neben dem Kübel kauert die Katze, jeder Muskel zum Sprung bereit, und wirft mir einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder dem Dickicht vor dem Haus zuwendet und dem, was sie darunter vermutet.

Ich biege in den geschwungenen Gartenweg, der inmitten des strotzenden, überbordenden Grüns nur noch eine Ahnung von Ordnung und Zivilisation ist. Der aufgeweichte Boden schmatzt unter meinen Sohlen und die Walderdbeeren recken mir großzügig ihre Triebe entgegen. Ich pflücke ein paar der kleinen, rauen Früchte und zerdrücke sie an meinem Gaumen, bis sie ihren köstlichen Saft preisgeben. Aus dem gelben Beet an der sonnigen Ecke erklingt das helle Summen von einem Dutzend Bienen. Ich verharre einen Augenblick, um ihr emsiges Treiben zu bewundern, bevor ich meinen Weg fortsetze.

Ich steige in mein Auto oder auf mein Fahrrad. Ich fahre in die Stadt oder auf das Land. Ich treffe mich mit ihnen vor einem Gebäude oder auf einem Parkplatz. Manchmal kenne ich ihre Stimme und manchmal nur ein Foto. Ich lasse mich treiben. Durch die Straßen oder in den Wald, über den Fluss oder an einen See, zu einem dunstigen Ufer oder auf eine sandige Promenade, in eine Kneipe oder zu einem Fest. Ich bin Mund und Ohr, Hand und Zunge, Haut und Haar, Hartes und Weiches, Feuer und Wasser.

Wenn die Dunkelheit den ersten Sonnenstrahlen weicht, mache ich mich auf den Weg zurück. Mit der Bahn oder mit dem Wagen, mit wachen Augen und festem Schritt, durch Menschentrauben oder über leere Landstraßen, vorbei an großen Bahnhöfen oder kleinen Dörfern, zusammen mit schlaftrunkenen Gestalten oder alleine mit dem Radio.

In meinem Garten frohlocken die Vögel, Schnecken und Kröten haben den schmalen Pfad erobert, triefende Ranken schlingen sich um meine Glieder, streifen ihre Samenkapseln an mir ab und benetzen mich mit Tropfen von Tau oder Regen. Der Saum meines Kleides klebt feucht und schwer an meinen Schenkeln und die frische Morgenluft kühlt meinen erhitzten Leib. Vor dem Haus begrüßt mich wieder das wild-süße Geißblatt und ich nehme noch einen letzten, tiefen Atemzug von dieser Nacht.

Die Katze springt aus dem Busch, leckt sich die Schnauze und drängt an mir vorbei zur Tür. Ich öffne und wir gehen lautlos hinein. Müde von der nächtlichen Jagd läuft sie zu ihrem Schlafplatz und ich trete leise an die Betten meiner Kinder, bevor ich mich wohlig in mein eigenes strecke.