Der lange Weg zum Meer

Als ich vor vier Jahren anfing, über Trennung nachzudenken, habe ich zum ersten Mal einen kurzen Text geschrieben, für das Internet-Forum jetzt.de, auf dem ich damals angemeldet war. Ich habe ihn leider nicht mehr. Ich habe ihn kurz darauf gelöscht, zusammen mit meinem gesamten Account, nachdem mein Mann dahinter gekommen war, dass ich dort einen anderen Mann kennengelernt und mich mit ihm zum Sex verabredet hatte. In dem Text hatte ich das Gefühl geschildert, am Rande einer Steilküste zu stehen: „Zurück will ich nicht mehr, aber vorwärts geht es viel zu schnell!“ hatte ich geschrieben und dazu ein Foto ausgesucht, auf dem man von blütenweißen Kreidefelsen herab auf eine Ostsee blicken kann, die so türkiesblau leuchtet wie der Pazifik.

Ein halbes Jahr später, in der psychosomatischen Klinik, sagte die Therapeutin, eine energische, kleine Person mit platinblondem Pagenkopf und buntem Wollkleid, in der Gruppentherapie zu mir: „Sie sind jetzt seit zwei Wochen hier und ich weiß immer noch nicht, wer sie sind. Sie sind gar nicht hier. Ich sehe nur ihren Mann hier sitzen.“ Sie nahm einen leeren Stuhl und stellte ihn mit Schwung neben meinen. Entsetzt rückte ich ein Stück zur Seite. Sie richtete ihren Blick fest auf mich und schob den leeren Stuhl erneut mit einem Ruck gegen meinen. Ich zitterte am ganzen Leib und rutschte mit meinem Stuhl gegen den meiner Nachbarin. Ich konnte nicht anders. Am liebsten wäre ich aus dem Raum gerannt.

Vor anderthalb Jahren habe ich mich getrennt, aber den großen Sprung blieb ich mir schuldig, da konnte die Ostsee noch so türkiesblau locken. Als mein Mann in das Zimmer unserer erwachsenen Tochter gezogen ist, habe ich nicht widersprochen und als er ein halbes Jahr später den Anbau unseres Hauses, der meiner Mutter gehört, für sich umgebaut hat auch nicht. Wir haben immer noch einen gemeinsamen Hauseingang und einen gemeinsamen Flur, ein gemeinsames Auto und ein gemeinsames Konto. Er guckt in meine Töpfe und in meinen Kühlschrank, in meinen Browser und in meine Post. Er kommt zur Tür rein, wann es ihm passt und das ist vor allem, wenn ich Besuch habe. Wenn ich mich dagegen verwahre, beklagt er sich bei den Kindern und nennt mich „verkrampft“. Die Vorteile dieses Konstruktes nimmt er für sich allein in Anspruch: Er kann Karriere machen, Hobbys pflegen, seine Wohnung nach seinen Wünschen gestalten, die Freizeit mit seiner Freundin genießen und hat dabei jederzeit Zugriff auf seine Kinder und das Familienleben, das ich weitgehend alleine bewältige. Ich hangele mich von Tag zu Tag und von Woche zu Woche, sehe ihm beim Geldausgeben zu und erdulde, wie er meine Privatsphäre penetriert. Meine treudoofe Rechtschaffenheit und Nachgiebigkeit ist einem Mann wie ihm gegenüber fehl am Platz und einfach nur dämlich. Aber das ist nicht alles.

Neulich habe ich mit meinem Sohn den Film „Marsianer“ gesehen und ein bisschen komme ich mir vor wie Matt Damon, der im künstlichen Klima einer Wohninsel auf dem Mars zu überleben versucht, nachdem die anderen Mitglieder der Expedition ohne ihn zur Erde zurückgekehrt sind. Irgendwann bekommt die Schleuse aus Plastikfolie, die seine Existenz auf dem lebensfeindlichen Planeten sichert, einen Riss und fliegt ihm um die Ohren. Auf diesen Moment warte ich wie das Karnickel auf die Schlange. Ich habe Angst. Angst, die Sicherheit aufzugeben, die das Zusammenleben mit ihm mir immer noch gibt, Angst vor seiner Rache, Angst vor dem sozialen Abstieg.

Ich habe eine klassische Mädchenerziehung erhalten. Irgendwo ganz tief in mir ist der Glaube verankert, dass alles gut wird, wenn ich nur alles so mache, wie es meine Lieben von mir erwarten. Ich stelle mir vor, dass es eine Liste gibt, auf der alle meine guten Taten fein säuberlich notiert werden und wenn die Liste voll ist, bekomme ich einen Preis. Das ist irgendwie meine Vorstellung vom Leben. Unfassbar, oder? Wie kann man so naiv sein? Mit einem Abitur von 1,5??

Jetzt bin ich 47 Jahre alt und vor mir sitzt dieses hochgewachsene, ernste Mädchen mit den braven langen Haaren und dem Laura Ashley Kleid, das ich bei meiner Konfirmation war, und fragt mich, wann sie denn jetzt bitte schön ihren Preis bekommt. Sie hat sich doch immer so bemüht, es allen recht zu machen. Und ich muss ihr sagen, dass es keinen Preis gibt. Nicht für sie. Und dass sie sich zusammenreißen, dieses blöde Kleid ausziehen und verdammt noch mal erwachsen werden soll.

Ich bereue es nicht, Kinder zu haben und ich bereue es nicht, mich getrennt zu haben. Ich bereue es, bei meiner Hochzeit alles auf eine Karte gesetzt zu haben. Aus allen Optionen, die ich für mein Leben hatte, ausgerechnet diese gewählt zu haben. Erst als ich vor ein paar Jahren einen Text über meine Kindheit schrieb, wurde mir klar, dass ich das Leben meiner Mutter kopiert habe, obwohl das das Letzte war, was ich mir für meine Zukunft gewünscht habe. Aber im Gegensatz zu mir hatte sie immerhin eine abgeschlossene Berufsausbildung und hat es bei einem Kind bewenden lassen, so dass sie bald wieder arbeiten konnte. Sie hat „durchgehalten“, bis mein Vater starb, ich habe mich getrennt, als die Älteste aus dem Haus war. Jetzt wohnt sie mit ihrer pflegebedürftigen Mutter zusammen und ich ein paar Häuser weiter mit zwei von meinen drei Kindern. Die Älteste ist ausgezogen, nachdem ihr Zimmer nach der Trennung nicht mehr zur Verfügung stand. Nach all den Jahren, in denen ich ihr das klassische Rollenmodell vorgelebt habe, versuche ich nun, ihr ein Vorbild für ein selbstbestimmtes Frauenleben zu geben, aber ich wirke wohl eher wie ein Teenager, der noch zu Hause wohnt.

Gestern war ich bei einer Beratungsstelle, um mir einen Weg aufzeigen zu lassen, wie ich dahin komme, wo ich schon lange hin will: zum Meer, zur Freiheit. Ich möchte, dass mein Mann auszieht. Ich merke ganz deutlich, dass ich mit meinen beruflichen Plänen sonst nicht vorankomme. Ich will einen Raum für Frauen schaffen und habe selber nicht den Raum, den ich zum Atmen brauche. Ich will den Anbau meiner Mutter für meine Arbeit nutzen, aber darin hat sich ein Mann eingenistet, mein Ex-Mann. Ich muss ein Stück ins Ungewisse springen und meine Kinder mit mir, anders wird es nicht gehen. Das Beratungsgespräch hat mir Mut gemacht und die Aktion #einelternpride tut es auch. Die nächsten Monate werden hart, ich werde all meine Kraft brauchen, aber ich weiß, wo ich hin will.