Sexarbeit – eine Selbst-Verortung

„Siehst du dich auch als Sexarbeiterin?“ fragt mich B. in der verqualmten Kneipe des Kinos „Zukunft“, das aussieht, als wäre hier vor dreissig Jahren die Zeit stehengeblieben, irgendwo im Osten von Berlin. Wir haben gerade den Dokumentarfilm „SEXarbeiterin“ über Lena Morgenroth gesehen, die u.a. Tantramassagen anbietet. Gleich in der Anfangszene wird gezeigt, wie sie eine Frau zum Orgasmus bringt.

Ich habe B. in Berlin bei einem „Sexocorporel“-Seminar kennengelernt. Sie hatte die Zusage für einen Platz in dieser Ausbildung für Sexualtherapie schon vor Monaten bekommen, ich war erst auf den letzten Drücker über die Warteliste nachgerückt, weil es eine Quote für „die Tantra-Leute“ gibt. Die sogenannte „hands-on“-Arbeit gilt also auch hier als anrüchig.

Ich bin so überrascht, dass ich glatt das grosse Glas mit selbstgebrautem Bier („Dunkle Zukunft“) vergesse, das vor mir auf dem Tisch steht. Dabei ist die Frage nicht unberechtigt. Auch bei der Prüfung für mein TMV (Tantramassage-Verband)-Zertifikat sollte ich die Frage beantworten, ob die Tantramassage eine sexuelle Dienstleistung sei. Der Prüfer sagte, sowohl „ja“ als „nein“ seien gültige Antworten, entscheidend sei die Begründung. Ich habe mit „nein“ geantwortet. Ich verstehe meine Tätigkeit anders als Lena Morgenroth und ich übe sie auch anders aus.

Als Gesundheitspraktikerin für weibliche Sexualität arbeite ich mit Frauen, gelegentlich gebe ich aber auch in einem Studio Tantramassagen für Männer. Weder in dem einen noch in dem anderen Fall lasse ich mich dafür bezahlen, dass ich eine sexuelle Dienstleistung erbringe. Ich lasse mich dafür bezahlen, dass ich für eine vereinbarte Zeit ein Begegnungs- und Massageritual kreiere, in dem auch sexuelle Lust willkommen ist. Das ist ein entscheidender Unterschied, an dem ich mich während meiner Ausbildungen immer wieder abgearbeitet habe. Bei den Männermassagen, weil ich mit meiner Rolle gehadert habe („Was mache ich hier eigentlich?“, „Was würde meine Mutter sagen, wenn sie mich so sehen könnte?“) und bei den Frauenmassagen, weil ich mein Ego niederringen musste („Yesss! Schon wieder eine Happy-End-Massage – cool!“).

Nach zahllosen Übungsmassagen, Feedbackgesprächen und Supervisionen bin ich in diesem Punkt absolut klar und unanfechtbar. Das musste auch die Kollegin feststellen, mit der zusammen ich neulich an einem Tag drei Massagen gegeben habe und die mir am späten Abend vom Kopfende des Empfängers aus durch energische Gesten zu verstehen gab, ich möge doch bitte mittels entsprechender Techniken zügig einen Absch(l)uss herbeiführen und damit den Feierabend einläuten. So läuft das mit mir aber nicht.

Es ist ein Unterschied, ob ich einen Höhepunkt mache, oder ob ich ihn geschehen lasse. Ob ich eine sexuelle Erwartung erfüllen will (meine oder die des anderen) oder ob ich offen dafür bin, dass in der Massage Lust entsteht und die Impulse des Empfängers aufgreife. Es ist so viel schöner, wenn die Energie einfach fliessen darf, wohin sie möchte und wenn der Orgasmus sich vielleicht irgendwann aus der Entspannung heraus löst wie eine reife Frucht die vom Baum fällt, statt unter Spannung heruntergerubbelt zu werden. Zielorientiertheit ist eines der Grundübel in der Sexualität und ich habe schon von einigen Männern und Frauen gehört, dass sie enttäuscht und ernüchtert waren, wenn sich auch in der Tantramassage alles nur wieder um den  OrgasMUSS gedreht hat, wenn er ihnen ungefragt abgerungen oder aufgenötigt wurde. Ich habe das auch schon erlebt und ich fühlte mich schal danach und seltsam beschämt. Der Grat ist schmal und entscheidend ist weniger die Technik als die Absicht und die Haltung.

Am ersten Tag des Seminares in Berlin sollte sich jeder einzelne Teilnehmer in die Mitte des Raumes stellen und vor vierzig Leuten sagen, wer er ist und warum er diese Ausbildung machen möchte. Ich habe meinen Werdegang geschildert und auch mit Stolz von meiner Tantramassage-Ausbildung berichtet. In der Pause sagte eine Teilnehmerin zu mir, sie fände, dass Tantramassage in den privaten Kontext gehöre, ansonsten sei sie Prostitution mit der Hand.

Soweit ich weiss, wird in der Prostitution meist entweder ein gegenseitiges sexuelles Interesse simuliert oder ein Machtgefälle inszeniert bzw. strukturell herbeigeführt. Das ist in der Tantramassage grundsätzlich anders. Es ist ein Ritual, keine Inszenierung. Es geht nicht um Interaktion. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe, aber sie ist einseitig. Ich tue nicht so, als wäre ich erregt und wenn ich es bin (was vorkommt), ist das okay, aber es hat keinen Einfluss auf mein Tun. Ich bin in einem anderen Modus. Ich richte meine Aufmerksamkeit komplett auf den Empfänger und leite diesen an, dasselbe zu tun. Dieser hat die Augen geschlossen und behält die Hände bei sich, um sich ganz auf die Empfindungen in seinem Körper konzentrieren zu können. Meine eigenen Bedürfnisse, seien sie körperlicher oder sonstiger Natur, lasse ich aussen vor. Das heisst, dass jeglicher Ehrgeiz fehl am Platz ist.

Am letzten Tag des Seminares fragte mich eine Teilnehmerin, ob ich ihr auch einfach mal so eine Massage geben würde, ohne ein spezielles Anliegen. Sie sei zwar verheiratet, würde aber gerne mal etwas bekommen, ohne etwas zurückgeben zu müssen. Das ist völlig in Ordnung für mich. Ich habe auch kein Problem damit, wenn im Vorgespräch der Wunsch geäussert wird, einen bzw. eine bestimmte Art von Orgasmus zu erleben. Dann setzte ich gerne mein Wissen und mein Können ein, erwarte aber auch, dass der andere seinen Teil dazu beiträgt. Denn erstens bin ich kein Vibrator und zweitens ist Sexualität etwas, was man lernen muss, aber auch lernen kann. Wenn derjenige dann jede Woche mit demselben Wunsch zu mir käme, würde ich ablehnen. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Szene aus dem Film „The Sessions“ ein, in dem Helen Hunt eine Sexualbegleiterin spielt. Sie erklärt ihrem 38jährigen Klienten, der eine schwere Behinderung hat und noch Jungfrau ist, den Unterschied zwischen ihr und einer Prostituierten: „Die Prostituierte will, dass Sie immer wieder zu ihr kommen. Ich will, dass Sie mich irgendwann nicht mehr brauchen.“

„Wie viel gibst du denn von dir in die Massage hinein?“ fragt B. weiter. „Viel“, lautet meine Antwort. Die Begegnung trägt meine ganz persönliche Handschrift. Mein Gegenüber spürt meine Weiblichkeit mit allen Sinnen, ich setze meinen ganzen Körper ein und gebe viel Hautkontakt. Das dient dazu, eine Atmosphäre von Entspannung, Sinnlichkeit und Geborgenheit zu schaffen, in der der andere sich ganz fallen lassen kann. Es geht nicht darum, das erotische Interesse auf mich zu lenken.

„Ich könnte mir nicht vorstellen, das alles mit einem fremden Menschen zu tun, ohne Liebe.“ sagt B. nachdenklich. „Das könnte ich mir auch nicht vorstellen.“ sage ich. Das Tantramassage-Ritual beginnt immer mit dem „Namasté“-Gruss. Das bedeutet so viel wie: „Ich grüsse das Göttliche in dir!“ Für mich ist das keine esoterische Floskel. Ich versuche, das zu sehen, was hinter der Fassade ist und ich gebe aus dem Herzen. Ich höre noch genau die Stimme meiner Ausbilderin: „Geh nicht unter dem Herzen durch!“ mahnte sie, wenn ich den inneren Kontakt zu meiner Empfängerin verloren hatte. Sie hat es immer gemerkt und ich merke es inzwischen auch. Wenn es anstrengend wird, ist es falsch. Osho hat gesagt: „Massage ist eine der subtilsten Künste – und es ist nicht einfach nur eine Sache der Kunstfertigkeit. Es ist mehr eine Sache der Liebe.“

Wenn man einen Menschen so berührt, dann ist alles möglich. Dann kann eine Tantramassage ein unvergessliches Erlebnis werden. Sie ist die Chance, ganz neue Erfahrungen mit sich zu machen, den eigenen Körper ganz anders wahrzunehmen: das Becken so weit wie ein Bassin, die Gebärmutter wie eine leuchtende Kugel und den Brustkorb wie einen geöffneten Taubenschlag. Sie ermöglicht uns, so angenommen zu werden und uns selber so anzunehmen, wie wir sind: als zarter Mann, als wilde Frau, als verletztes Kind, als alles gleichzeitig.

Sexuelle Energie ist Lebensenergie und wenn sie geweckt, geschürt und im Körper verteilt wird, kann das Gefühl von Lebensfreude so überwältigend sein, wie wir es vielleicht noch nie erlebt haben. Die Energie kann aber auch an unseren Grenzen rütteln oder Aspekte unserer Persönlichkeit ans Licht bringen, die uns neu sind und uns verwirren. Sie kann heilsam sein, ohne heilen zu wollen. Sie kann durch und durch befriedigend sein, ohne befriedigen zu wollen. Sie kann alles sein, aber sie wird nie anrüchig, schal oder peinlich sein.

Der Film hat mir übrigens gut gefallen und die Musik finde ich herausragend, sie trägt m.E. viel zu der ästhetischen Qualität des Werkes bei: