Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn

Heute ist so ein Tag, wo ich versuche, möglichst wenig nachzudenken, denn alles, was ich mit meinen Gedanken streife, geht zu Bruch. Eigentlich ist es noch schlimmer, wie beim Domino: Der erste Gedanke stößt den nächsten an und ehe ich mich versehe, liegt alles, was ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe, vor meinen Augen im Dreck. Aber ich und nicht nachdenken – haha! Da könnte man genauso gut einer Katze sagen, sie solle sich nicht das Fell putzen.

Ich versuche also, mich auszutricksen. Als es plötzlich ganz schlimm wird, habe ich den Impuls, ins Bett zu gehen. Das mache ich sonst immer, wenn ich nicht mehr weiter weiss. Aber das führt auch immer dazu, dass ich noch mehr nachdenke. Darum gehe ich spazieren. Es ist ja Frühlingsanfang. Die Abendsonne streichelt mein Gesicht und bringt das matte Braun und Grün der Landschaft zum Leuchten. Ich suche nach einer Stelle, wo ich ungestört weinen kann, aber auf den Wegen durch die Felder und Wälder sind ausser mir noch viele andere Menschen unterwegs.

Schliesslich entdecke ich einen Trampelpfad, der am oberen Rand einer Weidefläche entlangführt und folge ihm bis zu einer Stelle, wo der Knick eine Böschung bildet, auf die ich mich setzen kann. Ich sitze lange dort und lasse meinen Blick über die Landschaft schweifen, die ihre karge Schönheit vor mir ausbreitet. Da die Bäume noch kahl sind, kann ich durch sie hindurch bis zu dem grossen Teich und dem Hügel daneben schauen und die Ausflügler beobachten, die aus dieser Entfernung wie Spielfiguren wirken. Hier könnte ich unbeobachtet weinen, aber die Tränen kommen nicht. Ich kann nur spüren, wie erschöpft ich bin, wie alleine ich mich fühle und wie sehr ich mich nach dem Alleinesein sehne.

Als mir die Füsse kalt werden, stehe ich auf und mache mich auf den Heimweg. Ich mache einen kleinen Umweg zu den Hühnern, die gerade mal wieder in meiner Obhut sind, und stelle fest, dass ein Hahn noch unschlüssig im Gehege herumläuft, obwohl es bereits dämmert und die restliche Schar schon im warmen Stall auf der Stange sitzt. Während ich versuche, ihn mit guten Worten und einer Hand voll Körnern zur offenen Luke zu locken, kommt meine Nachbarin S. mit dem Spaten in der Hand des Weges. „Das ist jeden Abend so,“ erklärt sie mir teilnahmsvoll, „er traut sich nicht rein, weil der andere Hahn immer nach ihm hackt und bleibt so lange draussen, bis die Angst vor der Dunkelheit die Oberhand gewinnt.“

Dann sieht sie mich an und fragt: „Geht es dir gut?“ „Nein“ sage ich. Eine halbe Stunde stehen wir da an der Weggabelung und sie hört mir einfach zu. Bis unsere Söhne den Weg entlang kommen, vor uns stehenbleiben und fragen, was es zu essen gibt. Wir gucken uns an, lachen und zucken mit den Achseln.

Es ist dunkel geworden und der Hahn hat sich nun doch in den Stall zurückgezogen. Ich schliesse die Luke hinter ihm und stelle mir den Wecker, um mich daran zu erinnern, ihn am nächsten Morgen rauszulassen, sobald es hell wird. Und damit ich nicht zu lange im Bett liege und nachdenke.