Wo ich stehe

Das Jahr 2015 war für mich ein Jahr der Entfaltung. Wie eine Raupe, die lange still in ihrem Kokon verharrt hat und deren Verwandlung nur zu ahnen war, habe ich mich mit einem gewaltigen Kraftakt aus der engen Hülle befreit und war selber überrascht, wie groß die Gliedmassen und Flügel waren, die sich darin vorborgen hatten.

Ich habe letztes Jahr drei Ausbildungen abgeschlossen. Ich habe an zehn Seminaren teilgenommen und bei zweien assistiert, dazwischen lagen zahllose Termine für Übungsmassagen, Coachings, schriftliche Ausarbeitungen, Supervisionen und eine Prüfung. Zum Schluss bin ich alle zwei Wochen quer durchs Land gefahren, mal mit der Bahn, mal mit dem Fernbus, mal mit der Mitfahrzentrale. Ein paar Mal musste meine große Tochter einspringen und ihre jüngeren Geschwister betreuen. Es war toll, die Erfahrung zu machen, was alles möglich wird, wenn ich etwas wirklich will.

Jetzt ist es Zeit, zu fliegen. Ich mache mich als „Gesundheitspraktikerin für weibliche Sexualität“ selbständig. Mit 47 Jahren habe ich endlich einen Beruf. Ich mache einen grossen Schritt nach vorne, nach draussen, ganz alleine, ohne mich hinter einem „wir“ zu verstecken. Eigentlich wäre das ein Fall für Fanfaren, Feuerwerk und Champagner, doch mein Umfeld nimmt diese Entwicklung kaum zur Kenntnis, sie erstaunt wohl niemanden so sehr wie mich.

Ende November hatte ich den letzten Kurs abgeschlossen und freute mich auf eine ruhige Adventszeit mit meinen Kindern, aber die wurden erst mal ausgiebig krank, so dass die restlichen Hausaufgaben für meine Ausbildung liegen blieben und vieles andere auch. Zum Anfang diesen Jahres wollte ich einen Raum für meine Arbeit haben, aber auch das hat noch nicht geklappt. Ich muss geduldig sein. Es ist, als würde ich auf jeder Hand fünf volle Tabletts balancieren, da kommt man nicht so flott voran. Und ich bin zwar schnell im Denken, aber langsam im Tun.

Ich habe grosse Pläne. Ich möchte einen Raum für Frauen schaffen. Ich möchte Vorträge halten und Artikel schreiben, ich möchte mit Schwangeren arbeiten und mit jungen Mädchen, ich möchte die Sexocorporel-Ausbildung machen und eine Trauma-Fortbildung. Ich denke über Crowdfunding nach und über eine eigene Praxis. Ich beteilige mich in der Initiative „mein Grundeinkommen“. Zur Zeit bin ich mit der Konzeption meiner Homepage beschäftigt. Ich habe viele Ideen und viele tolle Freunde und Kontakte, die mich bei der Umsetzung unterstützen.

In meinem Alltag fühle ich mich oft überfordert und alleine. Meine drei Kinder, die alle auf ihre Art noch viel Betreuung brauchen, mein abgelegener Wohnort, die unklare, komplexe und spannungsreiche Koexistenz mit meinem Ex-Mann, meine nervenschwache Mutter und meine pflegebedürftige Großmutter, die vielen Altlasten in Haus und Garten, die angespannte finanzielle Situation – oft weiß ich nicht, was ich zuerst machen soll und wie ich eine Balance zwischen den vielfältigen Anforderungen und meinen eigenen Zielen und Bedürfnissen herstellen kann.

Manchmal strotze ich vor Optimismus und Euphorie und manchmal sitze ich an meinem Tisch und weine, weil ich das alles nicht schaffe, weil ich mich kraftlos, müde und ratlos fühle, weil der Tag nicht genug Stunden hat und mein Fell nicht dick genug ist. Ich kann brillant sein, wenn ich mich ganz auf eine Aufgabe konzentriere, Multi-Tasking wird nie meine Stärke sein. Meine Ausbilderinnen, meine Kolleginnen und Klientinnen sind begeistert von mir und meiner Arbeit, als Mutter und Hausfrau fühle ich mich unzulänglich.

Es fällt mir schwer, mein Privatleben mit derselben Klarheit anzugehen wie professionelle Fragen. Es scheint da eine Menge Tabus in mir zu geben: „Du darfst nicht unabhängig sein!“, „Du darfst keinen Erfolg haben!“, „Du darfst nicht frei sein!“. Ich versuche, mir das anzusehen und herauszufinden, was mich zurückhält. Warum mir immer wieder der Mut und die Energie abhanden kommen. Was ich loslassen darf und wodran ich festhalten möchte, was mich trägt und was mich hindert. Welche Hürden real sind und welche nur in meinem Kopf bestehen. Ich versuche, nicht mit den Umständen zu hadern sondern das Gute zu sehen und meine Chancen zu nutzen.

Letzte Woche habe ich wieder bei einem Seminar assistiert. Als ich gefragt wurde, war ich kurz davor abzusagen, obwohl es wohl keinen Ort gibt, an dem ich mich so wohl fühle wie diesen. Aber das Team war so groß geplant, dass mir meine Anwesenheit nicht notwendig genug erschien, um dafür  meinen Kindern und meinem Ex-Mann schon wieder Unannehmlichkeiten zuzumuten. Ich bin dann dennoch gefahren und obwohl es auch ohne mich gegangen wäre, war es gut, dass ich dort war. Ich habe mir das gegönnt. Ich habe die Atmosphäre in dem verschneiten Seminarhaus genossen, das leckere Essen, die anregende Gesellschaft von Menschen, die meine Interessen teilen, die Wertschätzung, die Umarmungen, das Lachen, die Nähe, die Unbeschwertheit.

Ich war zufrieden mit mir. Für ein paar Tage war ich gut genug. Ich konnte den Prozessen in der Gruppe und im Team vertrauensvoll ihren Lauf lassen, ohne mich für alles und jeden verantwortlich zu fühlen. Ich war nicht King Kong, ich war ein Fisch im Wasser. Wenn ich eine Pause brauchte, konnte ich die Tür meines Zimmers hinter mir schliessen und am Ende des Tages gab es nichts mehr zu tun als zu schlafen. Ich habe noch nie so eine Ruhe und Leichtigkeit in mir erlebt, so eine Gelassenheit und Unerschütterlichkeit. „Ich muss nicht immer dahin gehen, wo es brennt, ich darf auch einfach mal dahin gehen, wo ich mich wohlfühle, wo ich glücklich bin. Es darf auch mal leicht sein!“ lautete meine Erkenntnis. Davon hätte ich gerne mehr in meinem Leben!