Tagebuchbloggen: Mit Tinder & Co. im digitalen Panic-Room

6.00 Meine Weckerapp lässt die Musik meiner Morgenmeditation erklingen und ich sitze 15 Minuten in Stille. Danach schalte ich das Handy online und gehe zu meiner kleinen Tochter M.. Sie wirkt etwas fiebrig und in der Nacht habe ich sie husten gehört. Ich entscheide, sie heute zu Hause zu lassen. Ich wecke meinen Sohn, schmiere M. ein Rosinenbrot und gehe wieder ins Bett. Während ich höre, wie er aufsteht und sich für die Schule fertig macht, bekomme ich eine SMS von meinem Ex. Wir tippen hin und her, es geht um Absprachen und Kommunikation.

7.00 Ich versuche erfolglos, mich mit ihm für ein Gespräch zu verabreden. Via facebook höre ich mich um, wie das Seminar läuft, bei dem ich nicht assistieren kann, weil ich Ende der Woche zu einer Fortbildung fahre.

Mein Sohn verlässt das Haus, M. spielt leise in ihrem Zimmer und die Katze lässt sich schnurrend auf meiner Bettdecke nieder. Ich gebe den Versuch auf, noch etwas zu schlafen, schalte das Laptop ein und logge mich beim Joyclub ein, der Community für stilvolle Erotik. Mein Profil ist noch nicht freigeschaltet, weil ich noch keine Beschreibung von mir eingegeben habe. Ich entdecke die Seiten von ein paar Freunden und studiere deren sexuelle Vorlieben. Ich bin weder überrascht noch irritiert, trotzdem komme ich mir etwas voyeuristisch vor.

8.00 M. kommt zu mir ins Bett gekrabbelt. Wir kuscheln, dann stehe ich auf und mache Frühstück.

Die Lovoo-App, die ich vor drei Tagen installiert habe, meldet sich im Minutentakt: Thomas (33) findet mich hübsch, Uwe (42) möchte mich kennenlernen, Kai (19) hat alle meine Fotos geliked. Ich lese M. zwei Kapitel vor und messe Fieber. Ihre Temperatur ist normal.

9.00 Ich räume die Küche auf, dusche und ziehe die ausgeleierte Yogahose und das graue Frotteeshirt an, das M. so liebt. Sie strahlt. Dann kippt sie die Kiste mit den Bausteinen auf dem Wohnzimmerteppich aus und baut mit der Katze auf dem Schoss Figuren zusammen.

Tinder zeigt mir ein neues Match an. Ich habe die App vor zwei Tagen wieder aktiviert, nachdem ich sie Anfang des Jahres gelöscht hatte. Da ist weniger los als bei Lovoo, aber es gibt bessere Männer. Oder zumindest bessere Fotos. Fotos von Männern ohne Bierflasche in der Hand und ohne Sonnenbrille vor den Augen. Das Prinzip dieser Apps ist ganz einfach: Man sieht ein Foto und wenn es einem gefällt, „wischt“ man es nach rechts, wenn nicht, nach links. Wenn der andere einen auch nach rechts „wischt“, gibt es ein Match. Ich habe sieben Matches und drei Chats. Der Badmintonstudio-Besitzer aus Graz (42) von gestern wünscht mir einen „Guten Morgen“. Ich antworte, dass ich heute keine Zeit zum Schreiben habe, weil mein Kind krank ist. Das ist gelogen, aber er wohnt sowieso zu weit weg.

Zwei Dating-Apps innerhalb von drei Tagen und jetzt noch der Joyclub – ich weiß inzwischen wie ich ticke: Ich habe Stress mit dem Ex, es wird Herbst und mir fällt die Decke auf den Kopf. Übermorgen fahre ich zu einem tollen Seminar, danach werde ich wahrscheinlich alles wieder löschen.

10.00 Es regnet. M. möchte mit mir spielen, aber ich habe keine Lust.

Ich brüte über meinem Profil. Die Multiple-Choice Fragen sind schnell beantwortet: „Wonach suchen Sie?“ Männer, „Wofür?“ Sex, Freizeit, „Beziehungsstatus?“ Single,  „Swinger-Erfahrung?“ Nein, „Interesse an Fotoshootings?“ Nein. Das mit der persönlichen Beschreibung ist schon schwieriger. Ich versuche, einen supersmarten, etwas überheblichen Text zu verfassen, der die Masse abschreckt und das Interesse der Richtigen weckt.

Schon neun Matches bei Tinder. Uwe (37) schickt mir bei Lovoo eine Chatanfrage. Nettes Lächeln, aber blond. Ich lösche ihn. Mein Handy ist nur noch auf 40%. Die Dating-Apps benötigen die GPS-Funktion, das lutscht den Akku aus.

11.00 M. hat Hunger, ich mache ihr einen Obstteller und einen Erkältungstee.

Jürgen von Lovoo, mit dem ich gestern telefoniert habe, wünscht mir bei WhatsApp einen schönen Tag. Ich grüße zurück.

M. geht ein bisschen raus, sie will sich „auslüften“.

Ich suche zwei Fotos für das Joyclub-Profil aus und klicke mich durch das schwüle Layout. Es gibt Foren und Gruppen, Nachrichten und Chats, Freunde und Kontakte und ein mehrstufiges Verifizierungssystem. Das sieht komplex, aber auch effizient aus. Kein Rumgeeier, klare Verhältnisse. Die Profile sind aussagekräftig, die erweiterte Suchfunktion nach sexuellen Präferenzen ist aber nur für Prime-Mitglieder verfügbar.

M. ist zurück, es war nichts los draußen. Sie denkt sich ein lustiges Spiel aus, bei dem sie Murmeln hochwirft und versucht, sie aufzufangen. Dazu singt sie laut. Ich bitte sie, etwas leiser zu sein, damit ich mich konzentrieren kann. Mein Ex schickt mir seine Urlaubstage per Mail, ich trage sie in unseren google-Kalender ein.

Bei Lovoo habe ich jetzt 260 Match-Votes und 35 Chatanfragen. Ralf (22) fragt: „Hey, was machst du heute Abend so?“. Ich lösche ihn.

12.00 Der Text für den Joyclub ist fertig, ich bin ganz zufrieden damit. Jetzt soll ich meine sexuellen Vorlieben benennen und einstufen. Wie wichtig ist mir Küssen? Gefällt mir FFM besser als MMF? Wie stehe ich zu Natursekt und Nylons, Fußerotik und Fesseln? Würde ich gerne mal Analsex ausprobieren? Ist ja schön, dass mal jemand danach fragt, aber so aus dem Kontext heraus ist das alles schwer zu beantworten. Immerhin verstehe ich die Fragen. Glaube ich jedenfalls. Aber was genau ist der Unterschied zwischen Kuschelsex, normalem Sex und hartem Sex? Ich ändere meine Angaben mehrfach. Ich merke dass es mir schwer fällt, zu benennen was ich mag. Ich habe Sorge, auf irgendetwas festgelegt zu werden. Vielleicht habe ich auch Angst davor, tatsächlich zu bekommen was ich mir wünsche.

M. läuft mit der Katze auf dem Arm herum und deklamiert laut ein Gedicht, das sie in der Schule gelernt hat.

13.00 Ich wärme zum Mittagessen den Rest der Gemüse-Reis-Pfanne von gestern auf. Danach lese ich M. auf dem Sofa drei Kapitel vor.

Mein Joyclub-Profil ist jetzt freigeschaltet. Während ich aufräume und Wäsche wasche, trudeln Nachrichten in meinem Postfach ein. Die erste ist von einem Hobbyfotografen, der ein Fotoshooting machen will. Lesen kann der schon mal nicht. Ich lösche ihn.

14.00 Ich packe das Leergut und die Kisten von unserer Wirtschaftsgemeinschaft zusammen und schleppe alles zum Parkplatz an der Straße. Dann gehe ich zu den Nachbarn und fülle die Bestellzettel aus.

Meine große Tochter schreibt mir bei WhatsApp, ihr sei nur noch nach Heulen und sie wolle den Therapeuten wechseln. Vor ein paar Tagen musste sie ihr Antidepressivum wegen starker Nebenwirkungen absetzen. Ich lade sie für den nächsten Tag zum Essen ein, aber sie ist schon mit ihrem Freund verabredet.

M. spielt mit ihren Puppen Schule.

Bei Tinder habe ich ein Match mit einem coolen Typen mit Wuschelhaaren. Ich warte erst mal ab, ob er mir schreibt. Beim Joyclub häufen sich anzügliche Komplimente für mein Foto, auf dem man nur meinen geneigten Kopf und die Schultern sieht. „Seeehr attraktive Pose“ schreibt einer, ein anderer meint, ein Lederhalsband würde mir sicher gut stehen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich ein anderes Foto auswählen sollte.

15.00 Mein Sohn schickt mir ein Bild von dem Kugelfisch, den er im Plastizierunterricht aus Ton gemacht hat. Ich koche M. einen Kakao und mir einen Milchkaffee.

Ich mache ein paar Überweisungen und sehe, dass das Konto total überzogen ist. M. geht wieder raus.

Beim Joyclub entdecke ich einen gutaussehenden Mann mit passendem Profil in meinem Radius und like ihn.

16.00 M. kommt mit den Händen voller Eicheln rein. Sie setzt sich auf das Sofa und pult die Hütchen ab. Während ich für das Abendessen Kartoffeln schäle und hobele kommt mein Sohn nach Hause. Ich schalte das Handy stumm und rede mit ihm über Tagespolitik, dann geht er in sein Zimmer.

Meine Mutter ruft an, sie ist nervös. Sie will abends mit einer Freundin ins Kino und es ist abgesprochen, dass ich zwischendurch nach ihrer Mutter gucke, die bei ihr wohnt. Sie sagt, der Tag mit ihr sei sehr schwierig gewesen, sie wolle aber trotzdem weggehen. Ich sage, dass ich das hinkriege und stelle mir die Weckerapp auf 21 Uhr.

M. geht wieder raus.

Der gutaussehende Mann vom Joyclub hat mir eine Nachricht geschickt. Er fragt nach der Bedeutung meines Profilnamens. Der Interessemodus zieht bei mir immer, außerdem ist er genau mein Typ. Ich schreibe zurück.

17.00 Ein „Dom“ schreibt mir, er würde sich gerne etwas Besonderes für mich einfallen lassen. Er schaltet seine Fotogalerie für mich frei. Ich antworte, unsere Neigungen würden weit auseinanderliegen. Er widerspricht. Ich lösche ihn. Ich gucke mir die Profile der Männer an, die mein Foto mit Kommentaren versehen haben, zwischendurch „swipe“ ich ein bisschen bei Lovoo und Tinder. Männer neben dem Auto: links, Männer mit Golfschläger: links, Männer auf dem Segelboot: links, Männer im Anzug hinterm Schreibtisch: links, Männer mit nacktem Oberkörper: links, Männer mit Rolex: links, Männer mit Freundin im Arm: links. Ich fange an mich zu fragen, wie viele meiner Liebhaber ich nach einem Foto ausgewählt hätte. Naja, einige schon.

18.00 Mein Sohn holt mit dem Bollerwagen die vollen Lebensmittelkisten vom Parkplatz und bringt sie in den Schuppen. M. fällt vor dem Haus hin und weint. Ich trage sie rein und tröste sie. Sie hilft mir, das frische Brot einzufrieren und die Milchprodukte in den Kühlschrank zu räumen. Zum Abendessen gibt es Kartoffelgratin mit grünem Salat. Die Kinder haben gute Laune und albern herum.

19.00 Ich scheuche M. die Treppe rauf zum Ranzenpacken, Ausziehen und Zähne putzen. Unser Lieblingsplatz auf der Dachterrasse ist nass, also lese ich ihr im Bett vor und kraule sie in den Schlaf.

20.00 Ich klettere vom Hochbett, räume die Küche auf und sammele das Obst und die Tomaten aus der Gemüsekiste im Schuppen.

Ronald (35) schickt mir im Joyclub eine Einladung zum Videochat. In meinem schlabberigen Frotteeshirt ist das keine Option. Ich lösche ihn. Simon (28) würde gerne meine Phantasie anregen. Seine offensichtlich eregierten Genitalien werden notdürftig von Blitzen und Sternchen verdeckt. Ich lösche ihn. Ich schreibe mit dem sexy Typen von vorhin. Er heißt Tom und klingt sympathisch und offen. Ich bin interessiert.

Mein Sohn hat Besuch von einem Nachbarjungen, die beiden sitzen im Anbau in der kleinen Wohnung von meinem Ex auf dem Futon und gucken einen Film.

21.00 Meine Wecker-App klingelt. Ich stecke den Schlüssel von meiner Mutter ein und mache mich auf den Weg zu ihrer Wohnung ein paar Häuser weiter. Vorher gehe ich noch bei der Nachbarin vorbei, die heute zum Bauernhof gefahren ist und hole unsere Würstchen ab.

Die Tür zum Zimmer meiner Oma ist angelehnt. Ich spähe hindurch und sehe, dass sie die Leselampe an und die Augen geöffnet hat. Sie macht Anstalten aufzustehen. Ich gehe hinein und spreche sie an. Sie erkennt mich und ich setze mich auf ihre Bettkante. Sie macht sich große Sorgen, weil ihre Tochter mit einer Schulfreundin weggegangen und noch nicht wieder zu Hause sei. Ich nehme sie in den Arm und erkläre ihr ein paar Mal, was los ist. Dann frage ich, ob sie nicht müde sei. „Nein!“ verkündet sie mit blitzenden Augen und schelmischem Lächeln. Wir reden eine Weile über die Familie und meine Kinder, dann versuche ich es mit mütterlicher Autorität, gebe ihr einen Gutenachtkuss, decke sie zu, knipse die Lampe aus und verlasse den Raum.

In der Wohnung meiner Mutter habe ich keinen Handyempfang, daher gehe ich auf den Balkon. Der mit den Wuschelhaaren schreibt, dass er auf einem Kneipenquiz sei. Er fragt, was ich abends so mache. Ich überlege eine Weile, dann schreibe ich, dass ich gerne tanzen gehe. Er fragt, ob ich im Verein tanze. Ich schreibe: „Nein, barfuß“. Damit ist das Gespräch beendet.

Ich höre meine Oma noch eine Weile vor sich hin murmeln, dann ist es ruhig.

22.00 Ich gehe mit den Würstchentüten unter dem Arm nach Hause. Im Anbau ist noch Licht. Mein Sohn hat sein Bettzeug auf dem Futon ausgebreitet und spielt mit der Katze. Wenn sein Papa bei seiner Freundin ist, schläft er lieber in der leeren Wohnung als nebenan bei seiner Schwester und mir. Ich sage ihm „Gute Nacht“.

Ich stapele die Würstchen in den Kühlschrank und gehe nach oben. Ich beende die Dating-Apps und schreibe noch ein bisschen mit Tom, dann ziehe ich mich aus, mache mich im Bad fertig, schalte das Handy in den Flugmodus und gehe ins Bett.

23.00 Ich kann nicht einschlafen.

Mir fällt ein, dass ich vergessen habe, auf dem Dachboden nach Eurythmieschuhen für M. zu gucken.

00.00 Irgendwann schlafe ich doch ein.

1.40 Das Telefon klingelt. Ich gehe nach unten und nehme ab. Es ist meine Mutter. Sie sagt, Oma sei aufgestanden und hingefallen, sie habe sich am Knie verletzt. Sie würde das jetzt alles nicht mehr schaffen, Oma müsse ins Heim. Ich beruhige sie und verspreche, dass ich morgen früh vorbeikomme und nach ihr sehe. Dann rate ich ihr, das Bettgitter hochzuziehen und sich noch mal hinzulegen.

2.00 Ich schlafe wieder ein.