Die Prüfung

Am letzten Wochenende war die Prüfung meiner Tantramassage-Ausbildung. Der Beruf der Tantramasseurin ist nicht geschützt, aber seit zehn Jahren gibt es einen Berufsverband, den TMV, der hohe Qualitätsstandards entwickelt hat. Ich hatte mich für eine Ausbildung entschlossen, die diesen Anforderungen entspricht und wollte nun auch das entsprechende Zertifikat machen.

Am Morgen saß ich wieder mit den Ausbildern und einem Teil der Menschen, mit denen ich im letzten Jahr viel Zeit verbracht habe, im Kreis auf dem Boden und die kleine Kugel aus Rosenquarz machte die Runde. Wir sind zwischen 35 und 50 Jahre alt. Es war lange her, dass wir eine Prüfung abgelegt hatten. Wir waren aufgeregt und gleichzeitig amüsiert darüber.

Wir hatten mindestens an vier Ausbildungsseminaren und zwei Peer-Group-Treffen teilgenommen, 14 Übungsmassagen gegeben, protokolliert und mit den Ausbildern nachbesprochen, zwei Supervisionsmassagen gemacht und zwei Profimassagen bekommen. Einige von uns geben schon professionell Massagen. Wir hatten Bücher über die weibliche und männliche Sexualität gelesen und uns mit den spirituellen Hintergründen der Tantramassage beschäftigt. Wir waren unseren inneren Widerständen und Bedürftigkeiten begegnet, unseren Ängsten, Unsicherheiten, Projektionen und Urteilen, aber auch unserer Lust und Sinnlichkeit, unserer Liebe zu uns und zu anderen und dem Gefühl tiefer Verbundenheit mit allem.

Wir hatten Höhen und Tiefen gemeinsam durchschritten und dabei miteinander und voneinander gelernt. Wir hatten uns gegenseitig seufzen und stöhnen, schreien, weinen und lachen gehört, in Wonne, Wut, Glück, Verzweiflung und Freude und dabei gelernt, uns einander nackt zu zeigen, ohne Scham dabei zu empfinden. Wir wussten, wie man einen Raum für eine Massage vorbereitet und wie man in sich selber einen Raum findet, um einem Menschen, den man zum ersten Mal sieht, klar und authentisch zu begegnen und ihn am ganzen Körper zu berühren. Jetzt sollten wir das alles in einer schriftlichen, einer mündlichen und einer praktischen Prüfung zeigen.

Es war nach Mitternacht, als wir die rosafarbene Kugel ein letztes Mal im Kreis herum reichten. Vor uns stand ein Glas Sekt, neben uns lagen das Zertifikat und eine Rose. Wir waren müde und stolz, euphorisch und ein bisschen wehmütig. Ein aufregendes Jahr hatte seinen Abschluss gefunden und gleichzeitig wussten wir, dass die Reise noch lange nicht zu Ende war, dass es noch so viel mehr zu entdecken und zu lernen gab, dort draußen in der Welt und in uns selber.

Als ich mit der Ausbildung anfing, hatte ich keinen blassen Schimmer, wie ich das alles schaffen sollte und wohin das führen würde. Woher ich das Geld und die Zeit nehmen würde, wie ich die vielen Transfers bewältigen könnte, wie ich mit den Reaktionen meiner Familie, Freunde und Nachbarn umgehen würde und ob ich überhaupt für diese Aufgabe geeignet wäre. „Dem Gehenden schiebt sich der Weg unter die Füße.“ hat Martin Walser gesagt. So war es. Ich habe einen Schritt nach dem anderen gemacht. Ich habe eine Pause gemacht, als ich im letzten Winter keine Kraft mehr hatte und ich habe die Chancen ergriffen, die sich mir geboten haben. Ich habe gelernt, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen und ich habe viel Hilfe bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar!

Ich danke allen, bei denen ich übernachten und auftanken durfte, wenn ich erschöpft war, die mich in ihrem Auto gefahren und meinen Koffer getragen haben, wenn ich alleine nicht mehr weiter kam, die mir zu Essen gegeben haben, die mir ihre Erfahrungen und Kontakte zur Verfügung gestellt haben. Ich danke allen, die an mich geglaubt und mir vertraut haben, die mir Mut gemacht und meine Tränen getrocknet haben, die meine Qualitäten gewürdigt und sich über meine Erfolge gefreut haben. Ich danke meiner Mutter, dass sie mich mit Geld unterstützt hat und meinem Noch-Ehemann, dass er Urlaub genommen und sich um unsere Kinder gekümmert hat. Ich danke meinen Kindern, dass sie es mir leicht gemacht und sich mit mir über all das Neue gefreut haben, das im letzten Jahr in unser Leben gekommen ist. Ihr alle habt Steine aus meinem Weg geräumt und Blumen darauf gestreut. Dafür danke ich euch von Herzen!

Ich bedanke mich auch für all die Erfahrungen, die mich immer weiter von der ursprünglichen Freude an meiner Weiblichkeit und Sexualität weggeführt haben, von der körperfeindlichen Atmosphäre in meinem Elternhaus über die Übergriffe von Männern bis zu der Pornosucht meines Ehemannes, denn sie haben dazu geführt, dass ich mich auf die Suche nach Alternativen begeben und dabei mir selber immer näher gekommen bin.