„Mama, wer passt auf dich auf?“

Auf dem Küchentisch von meinem Ex steht seit ein paar Tagen ein zartgrauer, rechteckiger Untersetzer, darauf drei weiße Kerzen mit der Aufschrift „you & me“. Das ist süß. So romantisch. Meine Stimme klingt eine Spur gereizt, als ich ihn frage, ob ich dieses Ensemble beiseite räumen dürfe, um den Tisch für das Pizzaessen mit unserem Sohn zu decken, der von einer dreiwöchigen Pfadfinderreise zurückkommt. Es ist das zweite Mal innerhalb von vier Monaten, dass er sich verliebt hat und holterdipolter eine neue Frau hier auftaucht, in dem Haus, in dem wir noch zusammen mit unseren Kindern wohnen, weil er es so wollte. Ich finde es gerade nur anstrengend.

Beim ersten Mal war ich erleichtert, denn sechs Monate nachdem ich mich von ihm getrennt hatte, läutete das die lange ersehnte Entspannung in unserem fragilen Zusammenleben ein. Endlich hatte er anderes zu tun, als mir Affären zu unterstellen, die ich nicht hatte. Plötzlich war alles, was er als inakzeptabel bezeichnet hatte, bevor ich überhaupt mit dem Gedanken daran gespielt hatte, gerade noch einen Nebensatz wert: „Ich habe jemanden kennengelernt, sie heißt S., sie geht mit auf die Party bei den Nachbarn und übernachtet hier.“ Zur gleichen Zeit lernte unsere große Tochter P. ihren ersten festen Freund kennen und so saßen die beiden mit entrücktem Lächeln am Esstisch, tippten auf ihren Handys und waren nur schwer für andere Gesprächsthemen zu gewinnen. Ich fragte mich, ob ich nicht ein kleines bisschen neidisch sei, schließlich war Frühling, aber ich war einfach nur froh, dass beide emotional versorgt waren und ich meine Ruhe hatte.

S. war Journalistin, eine erfolgreiche Journalistin, wie er gerne betonte und schrieb an einem Buch. Außerdem war sie hochsensibel. Sie war mir wohl zu ähnlich. Nach sechs Wochen beendete sie die Beziehung. Mein Ex litt fürchterlich, entwickelte mysteriöse körperliche Symptome und zog mich über alle Aspekte seines Scheiterns ins Vertrauen. Seine erwachsene Tochter (Krankenschwester), deren Mutter (Psychologin) und ich taten unser Bestes, ihm in dieser schweren Zeit mit unserer geballten Kompetenz zur Seite zu stehen. Er fing eine Einzeltherapie an und kaufte zum ersten Mal in seinem Leben einen Beziehungsratgeber. Er lieh sich sogar ein paar von meinen Sex-Büchern.

Die Symptome blieben und kurz nachdem ich für elf Tage zu einem Seminar-Marathon aufgebrochen war, ließ er sich ins Krankenhaus einweisen. P. zog zu uns und kümmerte sich um den Haushalt und ihre jüngeren Geschwister. Als er wieder auf den Beinen war, fuhr er mit unserer kleinen Tochter M. für ein paar Tage weg und brachte auf dem Heimweg „Luna“ mit, ein Katzenkind, das er als große Bereicherung für das Familienleben anpries. Einen Tag später ging er wieder ins Krankenhaus, diesmal für länger, denn die erste Behandlung hatte nicht angeschlagen.

Als ich am Telefon sagte, es sei nicht ganz einfach mit Luna, die noch nicht alleine sein mochte, die meine Hände, Kissen und Kabel zerkaute, hinaufstieg, wo sie nicht herunterkam und verständlicherweise nicht den ganzen Tag als Spielzeug für M. herhalten wollte, fand er mich zickig. Er müsse sich jetzt auf seine Genesung konzentrieren und außerdem bekomme er gleich Besuch. Er habe nämlich im Urlaub „jemanden“ kennengelernt. Ihr Name fängt zufällig auch mit S. an. Kurz darauf musste ich wegen meiner Ausbildung über ein langes Wochenende wegfahren. Unsere große Tochter P. kam wieder. Sie kümmerte sich um Luna und ihre kleine Schwester und holte ihren Vater aus dem Krankenhaus ab. Sie kochte gerade für ihn, als plötzlich S. vor ihr stand. „In meiner Küche“, berichtete sie mir empört, als ich zurückkam. Genau genommen ist es meine Küche. Es war auch mein Bett, in dem sie mit ihrem Freund geschlafen hat.

Die Sommerferien haben ihren Zenit überschritten und unser Sohn ist wieder da. Hier wohnen jetzt zwei Eltern (in getrennten Wohnungen), zwei Kinder und ein Katzenkind, das immer noch nicht weiß, wo nun eigentlich sein Schlafplatz ist. Ich kümmere mich um meine Ausbildungen, meine Jobs, meine Kinder und den Haushalt. „Lebt der eine Partner ein Leben jenseits der Familie, gerät der andere in die Rolle des Hüters ebendieser, damit die Fliehkräfte nicht zu groß werden.“ habe ich neulich gelesen. Ich bin also jetzt die Familienhüterin. Das ist ja nicht neu. Aber leider habe ich ein schrecklich gutes Gedächtnis und erinnere noch gut, wie mein Ex im März, als er in den Anbau zog, mit einem bitteren Beben in der Stimme sagte, er würde hier so lange wohnen bleiben, wie seine Kinder ihn brauchen. Es klang wie eine Drohung.

Er hat bei WhatsApp eine Gruppe mit dem Namen „Großfamilie“ eingerichtet. Wenn er an meinem Esstisch sitzt, summt sein Handy munter vor sich hin. Er ist immer noch krankgeschrieben und verbringt jede freie Minute mit S.. Er glaubt, dass es diesmal etwas Längeres ist. Das ist gut möglich. Sie arbeitet als Personal Trainerin und Vertreterin für Kochautomaten. Als er neulich morgen von ihr zurück kam und sich an unseren Frühstückstisch setzte, hatte er ein Schraubglas mit einem grünen Smoothie dabei. Er füllte den Inhalt in zwei Gläser und stellte sie erwartungsvoll vor unsere Kinder. Sie nippten höflich daran und liessen den Rest stehen.
Die kleine M. sagt oft zu mir, dass sie ihn vermisst.

Gestern kam sie und kuschelte sich an mich. „Papa hat gesagt, jeder braucht jemanden, der auf ihn aufpasst.“ verkündete sie und legte dabei nachdenklich den Kopf schief. „P. (ihre große Schwester) hat M. (ihren Freund) und Papa hat S.“ zählte sie auf. „Und du hast Papa und mich. Wir passen auf dich auf!“ sagte ich, drückte sie an mich und küsste sie auf den Scheitel, denn ich glaubte, damit die Frage zu beantworten, die sich hinter ihren Ausführungen verbarg. Sie murmelte etwas in meinen Bauch. Ich beugte mich zu ihr runter und sagte „Nochmal bitte!“, denn ich hatte die Frage nicht verstanden. „Mama, wer passt auf dich auf?“ fragte sie und sah mich mit großen, besorgten Kinderaugen an. Ich blinzelte und brauchte einen Moment, bis ich antworten konnte: „Ich bin erwachsen. Ich passe selber auf mich auf.“

Ich will keinen, der auf mich aufpasst. Jedenfalls nicht so, wie M. es gemeint hat. Das heißt nicht, dass ich nichts und niemanden brauche. Ich brauche zum Beispiel Freunde. An diesen lauen Sommerabenden fehlt mir hier draussen oft jemand, mit dem ich etwas unternehmen kann. Irgendwo sitzen und etwas essen und etwas trinken und etwas reden. Und manchmal fehlt mir auch jemand, der dann noch eine Runde mit mir schwimmt, mich lachend trockenrubbelt und knutschend mit mir im Sand landet. „Freundschaft plus“ wäre gut. Locker, aber nicht unverbindlich. Leicht, aber nicht oberflächlich. Ich glaube, das liegt mir. Ich bin ganz gut in Freundschaft und nachdem der letzte Versuch ganz erfolgreich war, glaube ich auch wieder, dass ich eine ganz gute Liebhaberin bin. Bei Liebe und Beziehung bin ich mir nicht so sicher. Es hat noch nie ein Mann mit mir Schluss gemacht. Das habe immer ich gemacht. Und ich habe immer viel zu lange damit gewartet. Ich habe immer zu spät gemerkt, dass ich zwar gut für ihn war, aber dass er nicht gut für mich war.

Vielleicht kommt irgendwann einer, der mir einen neuen Versuch wert ist. Einer, den ich mir in mein Leben und in das meiner Kinder wünsche. Einer, der mir nah sein will, aber der mich nicht braucht. Einer, der mein Herz berührt und der sich von mir berühren lässt. Einer, der nicht auf mich aufpassen will und auf den ich nicht aufpassen muss.