Die Taube auf dem Dach

Sie sitzt auf dem verzinkten Geländer, das meine kleine Dachterrasse umgibt und sieht mich unverwandt an. Dann rückt sie wieder ein paar Zentimeter näher. Ihr Blick ist ratlos, ein wenig verloren. Was macht sie hier? Woher kommt sie? Ich kenne Tauben aus der Stadt, dort waren sie eine Plage und auf vielen Balkonen unseres Mietshauses saßen Raben-Attrappen, die sie vergrämen sollten. Bis vor ein paar Wochen habe ich hier nie Tauben gesehen. Unter dem Dach meines Hauses nisten Spatzen, viele Spatzen, Kolonien von Spatzen, die mehrmals im Jahr Junge bekommen, von morgens bis abends Radau machen und weisse Kleckse auf meine Scheiben fallen lassen. Um mein Haus herum sind viele andere Vogelnester, in den Nistkästen, die ich aufgehängt habe und in den Sträuchern und Bäumen drum herum. Dort wohnen alle Arten von Meisen, Amseln, Stare, ich habe auch schon Zaunkönige, Eichelhäher, Elstern, Finken, Gimpel, Rotkehlchen und Spechte in meinem Garten gesehen. Auf dem Gelände leben viele Sorten Schwalben und der Bauernhof auf der anderen Straßenseite zieht Schwärme von Krähen an. Sie kreisen über den benachbarten Feldern und krächzen dabei so laut, dass das Schnattern der Gänse auf der Wiese nebenan wie ein zärtliches Flüstern klingt.

Und jetzt diese Taube. Eigentlich sind es zwei, aber die andere fühlt sich mehr dem kleinen Hühnergehege meiner Nachbarn verbunden, die gerade im Urlaub sind. Als sie sich neulich am Fuß verletzt hatte, durfte sie ein paar Tage dort Schutz suchen und wurde von meiner kleinen Tochter mit versorgt, die jeden Morgen pünktlich um 8 ihre Gummistiefel anzieht, den kleinen blauen Stall öffnet, mit dem Wasser aus ihrer Gießkanne die Tonschalen säubert und füllt (nur zwei fingerbreit hoch, wegen der Küken), Schrot und Körner ausstreut und dann die Tür vom Auslauf sorgfältig wieder verschließt. Inzwischen ist die Taube wieder gesund, aber sie lungert immer noch dort herum und wenn ich tagsüber mal vorbeischaue, weil ich aufgeregtes Piepsen höre (meistens hat sich ein Küken unter den Stall verirrt und findet seine Mama nicht mehr) oder wenn ich die vier Hennen und drei Hähne abends anlocke und für die Nacht in den sicheren Stall bringe, sehe ich, wie sie verstohlen ein paar Krumen aufpickt, die vor dem Drahtverschlag auf dem zerscharrten Boden liegengeblieben sind. Sie trägt an jedem Bein einen roten Ring, genau wie die andere Taube. Die, die sich am liebsten auf meinem Dach aufhält.

2015-03-24 14.13.21

Sie ruckelt mit dem Kopf, wie Tauben es tun und balanciert noch ein paar Zehenlängen in meine Richtung. Ich lasse mein Buch in den Schoss sinken. Ich schaue sie an und sie schaut mich an. Ich muss an das Märchen von Aschenputtel denken: „Ruckediguh, Ruckediguh“. Ich liebe diesen Ruf, er erinnert mich an das Wochenendhäuschen, das meine Eltern hatten, als ich klein war und das sie liebevoll „Datscha“ nannten. Es war ganz hier in der Nähe, am Waldrand. Meine Kammer war so klein, dass das Bett direkt vor dem Fenster stand. Ich lag darin und sah in die Zweige des Stachelbeerstrauches, den mein Vater darunter gepflanzt hatte, weil ich es so gerne hatte, wenn die Morgensonne Schatten auf mein Bett warf und hörte den Tauben zu.

Ich weiss nicht, wem die Tauben gehören, ob sie ab und an zu ihrem Besitzer zurückkehren oder ob sie ganz hierher gezogen sind. Vielleicht machen sie Urlaub. Es ist ruhig hier im Moment. Die Nachbarn sind verreist, die Kinderkrippe nebenan hat geschlossen, die Werkstatt auch. Besonders ruhig ist es auf meiner Dachterrasse, am äussersten Ende meines Hauses. Ich ziehe die Stille an und die Stille zieht mich an.

Vielleicht ist die Taube deshalb so gerne in meiner Nähe. Sie sieht mich aufmerksam an. Ich glaube, sie versteht mich. Vielleicht wünsche ich mir das auch nur.