Radikal weiblich

Ich bin in meiner Schul- und Studienzeit in vielen links-alternativen und feministischen Kreisen aktiv gewesen. Nichts davon war so radikal wie die Ausbildungen, die ich gerade mache. Sie verändern mich bis in meine Zellen. Es geht gar nicht so sehr darum zu lernen, es geht vor allem darum zu ver-lernen, all die Schichten aus Vorurteilen und Wertungen und Normen und Klischees, die mich seit meiner frühesten Kindheit eingeengt und begrenzt haben aufzuknacken und abzuschütteln. Dazu braucht es nicht mehr als eine Hand voll Menschen und jemanden, der es vormacht. Darunter entdecke ich einen unermesslichen Reichtum, ein Füllhorn voll Lust und Sinnlichkeit, das mir gehört, das mir immer schon gehört hat.

Bei einigen Ritualen und Massagen meiner Ausbildung sind Fotos gemacht worden. Sie anzusehen weckt schöne Erinnerungen, ist aber auch immer wieder eine große Herausforderung. Wenn ich die anderen Teilnehmer sehe, sehe ich das Strahlen in ihren Augen, die Liebe in ihrem Lächeln, die Schönheit, die in ihrer selbstvergessenen Hingabe an den Augenblick liegt. Wenn ich mich sehe, sehe ich Speckrollen, Cellulitis, Bindegewebsrisse, Narben und hängende Weichteile. Ich atme dann tief durch, klicke weiter und versuche zu vergessen, wie ich in Körperhaltungen aussehe, in denen ich mich aus gutem Grund noch nie im Spiegel betrachtet habe.

Doch je öfter ich mir diese Fotos ansehe, je öfter ich mich tagelang größtenteils nackt auf Tantramassage-Seminaren bewege, desto gleichgültiger ist es mir, dass ich nicht aussehe wie ein mit Photoshop poliertes Fotomodell. Es ist nicht mehr wichtig. Es bestimmt mich nicht mehr. Stattdessen fühle ich immer mehr Freiheit in mir – Freiheit, das zu tun, was mir Freude macht, was mir ein gutes Gefühl in meinem Körper gibt: Barbusig tanzen, keinen BH anziehen, die Sonne auf meine Yoni scheinen lassen, nackt baden und nackt schlafen, Kleidung tragen, in der ich mich schön fühle, Massagen geben und Massagen nehmen, anlächeln, berühren, umarmen und küssen wen ich mag. Mich selber genießen und lieben, so wie ich bin.

Auf meinem letzten Frauenmassage-Seminar haben wir „Yoni-Lesen“ gelernt, nach einer Systematik, die die Cherokee-Indianer entwickelt haben. Es werden dabei im Wesenentlichen fünf verschiedene genitale und sexuelle Typen unterschieden, die auf einem Medizinrad den vier Himmelrichtungen incl. dem Zentrum sowie verschiedenen Elementen und Tieren zugeordnet werden. Die Unterscheidung erfolgt nach anatomischen Kriterien (Form, Farbe, Größe, Geschmack, Geruch) und nach dem sexuellen Erleben und Verhalten.

Man kann das glauben oder man kann es lassen, es geht vor allem darum, sich mit dem auseinanderzusetzen, was ist. Uns ist so oft vermittelt worden, wie wir auszusehen, was wir zu tun, zu fühlen und zu unterlassen habe, dass es einer Revolution nahekommt, uns einfach nur ohne jede Wertung vor Augen zu führen, wie die eigene Realität ist.

Im Seminar hat sich eine Frau nach der anderen auf einem bequemen Platz niedergelassen und den anderen ihre „Realität“ gezeigt und beschrieben. Das gab der Ausbilderin bereits erste Hinweise auf die Typologie, entscheidend aber war das „Innenleben“. Sie fragte mit stoischer Ruhe, welche Lingam-Größe als ideal empfunden wird, wie sie am liebsten stimuliert wird, welche Stellungen sie mag, ob eine emotionale Bindung für sie wichtig ist, ob sie wechselnde Partner hat, wie sie den Orgasmus auslöst, ob sie Sex während der Mens mag und vieles mehr.

Ich habe die Frauen bewundert, die sich gleich zu Anfang auf den „heißen Stuhl“ gesetzt haben. Mir wurde mulmig bei der Vorstellung. So hatte ich mich noch nie präsentiert, so ein Gespräch hatte ich noch mit keinem einzigen Menschen geführt, erst Recht nicht vor Zuschauern. Wie sollte das gehen? Aber niemand hat gekichert, niemand hat getuschelt während sich nach und nach eine große Bandbreite individueller Einzigartigkeit vor unseren Augen und Ohren entfaltete: Es gab Frauen, die ein phantasievolles Vorspiel brauchen und Frauen, die überhaupt keins wollen. Es gab Frauen, die mit ihrem Freund in den Swingerclub gehen und erstaunlich viele Frauen, die keinen Oralsex mögen. Es gab eine Frau, die den bevorzugten Durchmesser in Zentimetern angeben kann und es gab eine Frau, die nur Sex mit Frauen hat. Es war faszinierend und plötzlich das Normalste von der Welt.

Wir sollten uns zur Vorbereitung die Texte zu den unterschiedlichen Yoni-Typen durchlesen und ich war der Meinung, dass keine der Beschreibungen auf mich passte. Im Nachhinein muss ich darüber schmunzeln, denn schon die anatomischen Merkmale waren so eindeutig wie bei keiner anderen Frau und es brauchte nicht viele Fragen, um mein sexuelles Wesen zweifelsfrei festzustellen. Ich wollte mich wohl einfach nicht so sehen. Als die Ausbilderin das Ergebnis laut und deutlich verkündete, hielt ich die Luft an. Es klang in meinen Ohren wie „Schlampe!“ und dieses Wort (und schlimmere) hatte ich schon oft genug gehört. Aber nichts passierte. Keine hat gesagt „Schämst du dich nicht?“ oder „Du coole Sau!“ Es ging nicht um Moral und es ging nicht um Selbstdarstellung, es ging nicht darum, wie ich gerne sein würde oder was andere davon halten. Es ging einzig darum, wie es ist. Ich setzte mich zurück in den Kreis und die nächste Frau kam an der Reihe. So einfach und so revolutionär.