Am richtigen Ort

Ich bin wieder dort gewesen. Bis endlich die ersehnte Zusage kam, waren meine Geduld und Willenskraft auf die Probe gestellt worden, doch die härteste Prüfung stellte die dramatische Anreise dar. In diesen Tagen und Stunden ist mir klar geworden, dass ich auf jeden Fall dort hin will. Dass mir das wichtiger ist als alles andere, wichtiger als Stolz und Scham, Eifersucht, Verletztheit und Angst, wichtiger als all die kleinen Sorgen und Bedürfnisse, die mich so oft beherrscht haben.

Als ich zu nächtlicher Stunde mit meinem großen schwarzen Koffer auf dem Hof stand, schlug mir das Herz vor Freude bis zum Hals. Hinter mir lagen sechs Monate Ungewissheit, vier randvolle Tage auf einem Seminar meiner Frauenmassage-Ausbildung, ein wild-ekstatisches, tief bewegendes Abschlussritual, sieben Stunden Zugfahrt unter Extrembedingungen und eine zweistündige Taxifahrt über menschenleere, von Katzen, Igeln, Hasen und Greifvögeln bevölkerte Landstraßen. Unterwegs hatte ich erfahren, dass mein Ex-Mann, der während meiner Abwesenheit unsere Kinder betreuen sollte, wegen einer bedrohlich klingenden Diagnose ins Krankenhaus musste und dass unser Konto bis zur Zahlungsunfähigkeit überzogen war. Es klingt absurd, aber ich war sicher, dass ich genau das Richtige tat, dass ich genau dort war, wo ich hingehörte. Und dass es für alles andere eine Lösung geben würde.

Ich erwachte früh am nächsten Morgen und atmete die vertrauten Geräusche dieses Ortes: das Rauschen der Bäume, das Gurren der Holztauben, den Singsang des Windspieles, das Knarren der Dielen. Ich zog mich an und ging hinunter in den großen Seminarraum, in dem vor einem Jahr alles begonnen hatte. Ich begrüßte die bekannten Gesichter mit einer herzlichen Umarmung und die neuen mit einem neugierigen Nicken. Ich war da, um etwas von dem zurück zu geben, was mir selber dort gegeben worden ist. Und um wieder ein Stück weiter herauszufinden, was ich kann und was ich will.

Wie bei jedem neuen Job waren die Herausforderungen vielfältig und oft unerwartet. Alles war genau wie beim letzten Mal und doch war für mich alles anders, denn ich hatte eine neue Rolle und musste lernen, sie auszufüllen. Die Besprechungen waren lang und die Pausen kurz, die Seminarleiter waren mehr Kollegen als überpersönliche Projektionsflächen und die Teilnehmer nicht mein Kuschelrudel sondern meine Schützlinge. Niemand hatte mir erklärt, wie man Massagen anleitet, wie man eine Demo-Massage gibt oder entgegennimmt, welche ungeschriebenen Gesetze für die Interaktion im Team gelten.

Ich plane am liebsten langfristig und vorausschauend, hier aber wurde alles von Situation zu Situation entschieden und am Ende wieder auf den Kopf gestellt, weil die Gruppe sprunghaft war wie ein Sack Flöhe. Ich hatte zum Beispiel damit gerechnet, dass ich von der Ausbilderin zur Demonstration für die Teilnehmer die (kleine) Yonimassage bekommen würde und ich hatte mich insgeheim darauf gefreut. Nachdem ich diese Demo vor einem Jahr gesehen hatte, hatte sich ein Teil von mir gewünscht, nackt in der Mitte des Raumes zu liegen und umringt von einer Gruppe mehr oder weniger vertrauter Menschen eine Intimmassage zu bekommen. Ich weiß nicht, was genau den Reiz an dieser Vorstellung ausgemacht hatte, aber es war ein Reiz. Irgendwo in mir steckt wohl eine Exhibitionistin oder eine Rampensau oder einfach eine Frau, die gerne ihre Weiblichkeit und ihre Lust in diesem sicheren Rahmen exponieren und mit anderen teilen möchte.

Doch dann war alles anders: Bislang hatten immer unsere Ausbilderin und gelegentlich die Assistenten die Demo-Massagen gegeben und der Seminarleiter hatte dabei die Techniken erläutert, diesmal kamen die beiden auf die Idee, sich abzuwechseln. Ich hatte ihn noch nie massieren sehen und fand mich plötzlich in der Situation wieder, von ihm eine Herz- und Brustmassage zu empfangen. Als wir uns auf dem Massageplatz gegenübersaßen und zu Beginn des Rituales in die Augen sahen, bekam ich eine Ahnung von dem, was mich erwartete, aber es war zu spät, etwas daran zu ändern. Ich legte mich auf den Rücken, er senkte sanft die Finger auf mein Sternum und begann mit leichten, kreisenden Bewegungen. Mein Herz begann zu glühen und sich auszudehnen. In mir stieg Panik hoch. Ich konnte spüren, wie ich dagegen ankämpfte, mein Herz zu öffnen. Und ich wusste, warum.

Es war ein Jahr her, dass ich hier in diesem Raum bei einer Meditation mein Herz zum ersten Mal nach langen Jahren geöffnet hatte und dass ich darin meine Kinder und auch mich selber spüren konnte. Aber das hier war anders. Es war ein Mann, der mein Herz zu öffnen versuchte und er tat es so behutsam und mit so viel liebevoller Anteilnahme an meinem inneren Kampf, dass die Tränen in mir hochstiegen. Ich spürte meine Angst und meine Sehnsucht so deutlich wie nie zuvor in meinem Körper und außer mir schien nicht nur er es zu spüren sondern auch all die anderen, die daneben saßen und zusahen. Die Ausbilderin war nach dem ersten Satz verstummt, die Stille im Raum war atemlos, die gesamte Aufmerksamkeit der Anwesenden auf meinen vibrierenden Brustkorb gerichtet.

Seine Hand kreiste weiter und weiter auf meinem Herzen, als würde sie ganz langsam einen Schlüssel in einem Schloss drehen, das hundert Jahre verschlossen war und irgendwann war sein Wunsch, sich zu öffnen stärker als meine Angst und es breitete seine Schwingen aus und füllte den Raum bis hinauf zur Decke. Wäre dies keine Demo-Massage gewesen, ich hätte hemmungslos geschluchzt. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind, das noch keine Schutzringe um sein Herz gelegt hat, befreit und gleichzeitig unendlich verletzbar. All die Gefühle, die ich so sorgfältig darin verberge, schienen offen zu Tage zu liegen. Nichts, absolut gar nichts hätte intimer sein können als dieser Moment und ich war erleichtert, dass er die Yoni-Massage später an der anderen Assistentin gezeigt hat.

Als die Massage beendet war, fühlte ich mich vollkommen aufgelöst und überwältig. Es gelang mir mit Mühe, mich aufzusetzen, aber meine Stimme klang fremd und ich wusste nicht, wie ich in diesem Zustand irgendjemandem in die Augen sehen sollte. Ich verstand nicht, was da vor sich gegangen war. Ich verstehe es immer noch nicht. Die Situation war mir peinlich. Zum einen, weil ich gleich die Teilnehmer bei der Massage anleiten sollte und mich überhaupt nicht im Griff hatte. Zum anderen, weil es mir schwer fällt zu zeigen, wie es in meinem Herzen aussieht. Als die Ausbilderin im Sharing ausplauderte, ich würde mich auf den neuen Koch freuen, der jung und sexy ist, war mir das ein bisschen unangenehm, doch die schillernde Aura von sexueller Freizügigkeit, die mir ihre Anspielungen verliehen, schmeichelte mir auch. Viel peinlicher wäre es mir gewesen zuzugeben, dass ich gar nicht in der Lage wäre, mit ihm ins Bett zu gehen, weil ich hoffnungslos verliebt bin in den Mann, auf dessen Stuhl ich sitze und in dessen Zimmer ich schlafe.

„Du bist so stark!“ hat meine Mutter früher immer zu mir gesagt, denn das war das, was sie von mir gebraucht hat. Als sie zu ahnen begann, dass ich nicht so stark war, wie sie mich gerne gehabt hätte, sagte sie jedes Mal „Durchhalten!“ wenn wir uns verabschiedet haben. Als würde sie die Tür zu einer Kühlkammer hinter mir schließen. Ich war nicht stark, ich war belastbar. Ich war wie ein Stück Stahl, dafür gemacht, schwere Lasten zu tragen, aber starr und leblos und irgendwann ausgezehrt und spröde. Nicht wie eine Weide, die durch ihre Beweglichkeit jeden Sturm übersteht, die Füße in der feuchten Erde und die Haare im Wind, und die ihrem eigenen Rhythmus aus Wachsen, Blühen und Ruhen folgt.

Es hat mir nie an Mut gefehlt, für meine politischen Überzeugungen und Positionen einzustehen oder mich gegen Autoritäten zu stellen, wenn es darum ging, die Rechte von anderen zu vertreten, auch wenn ich damit allein auf weiter Flur stand. Aber für mich selber einzustehen, mich in meiner Größe zu zeigen, den Platz einzunehmen, den ich gerne haben möchte und die (positiven und negativen) Emotionen auszuhalten, die das bei anderen auslöst, das habe ich meistens vermieden, davor hatte ich immer Angst. Ich fühlte mich einsam, wenn ich von anderen bewundert und geehrt wurde und es verletzte und verunsicherte mich zutiefst, wenn ich mit Neid und Ablehnung konfrontiert wurde. Mein inneres Kind wollte sich zugehörig fühlen, gleich unter Gleichen, gemocht, gebraucht, gesehen, geborgen. Dafür war ich bereit, vieles zu opfern. Ich habe mich klein und nützlich gemacht, um niemanden zu erschrecken und um nicht anzuecken.

In einem meiner vielen Seminare der letzten Monate habe ich eine „Quantum Light Breath“-Meditation gemacht. Man benutzt dabei eine bestimmte Atemtechnik, um sich in einen tranceähnlichen Zustand zu bringen. Ich hatte Angst, mich vollständig darauf einzulassen, aber ich bin weit genug gegangen, um meinen eigenen inneren Rhythmus zu spüren. Ich dachte erst, es sei mein Puls, aber es war etwas nicht-stoffliches. Seitdem merke ich, wenn ich aus meinem eigenen Rhythmus komme, wenn ich zu sehr mit den Dingen um mich herum beschäftigt bin, wenn ich andere Menschen mehr spüre als mich selber. Ich habe meine neue Ausbilderin gefragt, was mir helfen könnte, nicht immer wieder aus meiner Mitte zu gehen und mir meine Kraft wegnehmen zu lassen. Sie versprach, darüber nachzudenken. Am letzten Tag des Seminares haben wir ein Ritual gefeiert und sollten zu Beginn eine Göttinnen-Karte aus einem Stapel ziehen, der uns verdeckt hingehalten wurde. Ich zog die Karte von Kwan Yin. Ihr Name sagte mir nichts, aber ihre Darstellung traf mich ins Herz: Sie hat asiatische Gesichtszüge, ein feines, inniges Lächeln und einen warmen, teilnahmsvollen Blick. Sie ist die Verkörperung des Mitgefühls. Die Ausbilderin sagte zu mir, dass diese Kraft der Fähigkeit entspringe, sich selber und andere in ihrer Gesamtheit anzunehmen und zu lieben – „aus DEINEM Raum heraus“. Dieser Satz klingt immer noch in mir nach. Er war die Antwort auf die Frage, die ich ihr gestellt hatte.

Ich habe nach der Herzmassage so viel geweint wie selten in meinem Leben. Ich habe deutlich gemerkt, wo meine Grenzen sind und dass ich sie ernst nehmen muss, da sie den Raum schaffen, aus dem heraus ich überhaupt erst wirken kann. Auch um den Preis, es damit nicht allen recht zu machen. Und dass ich lernen möchte, auch dann im Kontakt mit meinem Körper und meinen Gefühlen zu sein und sie zu zeigen, wenn ich im Stress bin, wenn ich unter Druck bin, wenn ich meine, funktionieren zu müssen. Ich gestehe mir nie eine „Schwäche“ zu, wenn ich in der Verantwortung bin. Ich denke dann immer, dass ich meine Gefühle nicht fühlen und nicht zeigen darf. Ich stopfe sie in Weckgläser, sterilisiere sie bei 90 Grad und schichte sie so lange in mir auf, bis irgendetwas den Stapel zum Einstürzen bringt und ihr Inhalt mich komplett überschwemmt. Dabei sind meine Gefühle, meine Intuition und meine innere Wahrnehmung unverzichtbar für meine Arbeit, sowohl im körperlichen als auch im verbalen Kontakt. Aber ich merke immer wieder, dass ich nicht reden kann, wenn ich im Gefühl bin und dass ich nicht fühlen kann, wenn ich im Kopf bin.

Zum Abschluss der Woche haben wir in dem großen Seminarraum einen Kreis gebildet und konnten zu jedem Menschen gehen, dem wir noch etwas zu sagen hatten. Fast alle Seminarteilnehmer kamen zu mir. Sie haben viel über meine Präsenz, meine Größe und meine Klarheit gesagt. Das hat mich sehr gefreut. Aber am meisten hat mich gefreut, dass nicht einer gesagt hat: „Du bist so eine tolle, schöne Frau!“ Das soll nicht undankbar klingen, aber ich hatte oft das Gefühl, das mein Äußeres zwischen mir und anderen Menschen gestanden hat, dass ich deswegen von den Männern nicht wirklich gesehen wurde und von den Frauen auch nicht. Und dass es mich oft dazu verleitet hat, mich in Sackgassen zu begeben. Wenn es mir nicht gut ging, bestand immer die Versuchung, mir mit Hilfe meines Äußeren etwas zu verschaffen, wovon ich zwar wusste, dass es nicht das war, was ich wirklich brauchte, das aber angenehmer war, als meine Not anzuerkennen.

Als das Seminar zu Ende war, als alle Teilnehmer zu Mittag gegessen und sich verabschiedet hatten, bin ich noch ein letztes Mal in den Seminarraum gegangen. Ich habe mich an all die Erlebnisse, Erfahrungen und Ereignisse der vergangenen Woche erinnert und an die vielen anderen des vergangenen Jahres. Ich habe einen der hölzernen Pfeiler umarmt und geweint vor Glück und Dankbarkeit, diesen Ort für mich gefunden zu haben.

Dieses Blog war für mich am Anfang wie der „Raum der Wünsche“ in der Zauberschule Hogwarts. Es schien mir der einzige Ort zu sein, wo ich alles sein konnte und durfte, was ich bin. Der einzige Ort, wo all das einen Platz hatte, was ich in meinem Leben nicht unterbringen konnte, was ich meinte, verstecken zu müssen. Inzwischen sind die Übergänge zwischen meinem Leben und dem Blog fließend und es gibt kaum noch etwas zu verstecken. Ich habe meinen Platz im Leben gefunden.