Alleine

Sie sind alle weg. Mein Ex-Mann, mein Sohn, meine kleine Tochter. Ich bin alleine zu Hause, die ganze Woche. Als sich das abzeichnete, dachte ich zuerst: „Prima, da kann ich ja noch schnell das Beckenbodenmassage-Seminar einschieben!“ Da merkte ich, dass mir das zu viel wird. Dann dachte ich: „Ich mache schnell meine ganzen Übungsmassagen! Wann soll ich das auch sonst schaffen – bei sechs Wochen Sommerferien?“ Da merkte ich, dass ich ohne Auto nicht weit komme. Dann dachte ich „Das ist DIE Gelegenheit, um die Kartons auszumisten/ das Haus aufzuräumen/ alte Spielsachen zu verkaufen, etc. Da merkte ich, dass ich vor etwas davonlaufe, wenn ich mich nur auf meine Pflichten konzentriere.

Ich habe also gar nichts gemacht. Ich habe nichts geplant. Das heißt, ich habe natürlich ganz viel gemacht und geplant, bis mein Sohn um 5.30 Uhr morgens mit seinem vollbeladenen Fahrrad am Bahnhof stand, um mit den Pfadfindern drei Wochen nach Ungarn zu reisen und bis meine kleine Tochter mittags mit ihrem Papa fröhlich winkend die Zuwegung hinuntergefahren ist. Aber ich habe für mich keine To-Do-Liste geschrieben, ich habe keine Termine gemacht und keine Verabredungen. Ich habe diese Woche auf mich zu rollen lassen wie eine Lawine aus Leere. Ich hatte großen Respekt vor ihr, denn ich bin seit zwanzig Jahren nicht länger als einen halben Tag alleine zu Hause gewesen. Ich wusste nicht, wie das ist, hier so viel Raum für mich zu haben.

In den letzten Jahren hat sich durch meinen Klinikaufenthalt, meine Therapiegruppe und meine Seminare eine eigentümliche Dynamik aus „kommen“ und „gehen“, aus „wegfahren“ und „nach Hause kommen“ entwickelt. Ich habe mich sehr verändert, aber das hat sich an diesem Ort noch kaum niedergeschlagen. Seit ein paar Monaten stehen überall Kartons, aber ansonsten ist alles beim Alten. Meine Kinder wissen wenig über das, was ich außerhalb dieses Hauses tue, wer ich dort bin. Sie sehen mich Essen kochen, Wäsche waschen, Geschichten vorlesen. Ich organisiere ihren Alltag, ich bin allgegenwärtig, aber ich bin vor allem eine Funktion.

Bei dem Seminar, bei dem ich neulich assistiert habe, ist mir aufgefallen, wie oft ich meinen Namen gehört habe. Er wurde genannt, wenn jemand mich angesprochen hat oder wenn über das gesprochen wurde, was ich gemacht oder gesagt hatte. Das war ganz ungewohnt für mich. Ich bin hier immer nur „Mama“, ich höre meinen Namen kaum.

Ich habe noch ein paar Tage von der Woche übrig, aber hier könnt ihr schon mal daran teilhaben, wie ich meine Zeit verbringe:

  • Während ich den Bollerwagen mit der Gemüsekiste vom Parkplatz über das autofreie Gelände zu unserm Haus hochziehe eine halbe Stunde lang mit einer Nachbarin plaudern und ihr zum Abschied einen Salatkopf schenken, weil ich von allem viel zu viel habe.
  • Nackt in der Sonne dösen und mich von winzige Ameisen kitzeln lassen. (Das trägt übrigens sehr zur Verkehrsberuhigung auf dem Feldweg neben meinem Haus bei. Ich fürchte nur, dass irgendwann einer der Gärtner mit dem Traktor gegen einen Baum fahren wird.)
  • Vier Stunden später aufstehen und drei Stunde später schlafen als sonst.
  • Jeden Morgen Schafskäse und Tomaten und jeden Abend Pellkartoffeln mit Quark und Salat essen. Und dazwischen ein paar Schokoladenkekse.
  • Zu meiner Lieblingsfriseurin in die Stadt fahren und mir einen Modellschnitt machen lassen. „Jetzt hast du wieder einen Hinterkopf“ hat sie gesagt. Es hat sich also gelohnt.
  • Von morgens bis abends auf der Terrasse lesen und schreiben.
  • Stachelbeeren, Himbeeren und Johannisbeeren von den Sträuchern naschen, statt sie zu ernten.
  • Meiner großen Tochter und meiner Mutter freundlich sagen, dass ich lieber die Zeit alleine genieße, statt sie zu besuchen.
  • Mich mit meinen Gefühlen zu anderen Menschen beschäftigen, mit Liebe und Freundschaft und manchmal ein bisschen weinen. Das hat wohl noch mit dieser magischen Herzmassage zu tun.
  • Im warmen Abendlicht barfuß durch den Garten gehen und den Pflanzen zu trinken geben.
  • Die Schmetterlinge beobachten.
  • Meine Puls spüren.
  • Atmen

Mein Handy schweigt, das Telefon klingelt nicht, niemand steht vor der Tür. Es ist ruhig und es wird ruhig in mir. Es ist reinigend, wie Fasten.

Gestern Abend hatte ich eine kleine Krise. Ich bekam Kopfschmerzen und Langeweile. Ich fragte mich, ob das wirklich das Beste war, was ich aus dieser einzigartigen Woche machen konnte? Nichts tun und darüber schreiben?  Ob ich nur deswegen meine Tage im Garten verbringe, weil mir nichts Besseres einfällt? Weil ich keine Alternativen habe? Weil ich Angst habe, mich ausserhalb einer geleiteten Gruppe unter Menschen zu begeben? Ob ich nicht zufriedener wäre, wenn nach dieser Woche das Haus umgeräumt und der Garten geordnet wäre? Ob ich nicht zumindest meditieren, Yoga machen oder spazieren gehen sollte?

Ich kann gut alleine sein, ich brauche viel Zeit für mich, aber ich weiss auch, wie leicht dieser selbst gewählte Zustand bei mir in eine Gefühl von Nicht-Dazugehören umschlägt, in Einsamkeit und Depression, aus dem ich schwer wieder herausfinde. Ich habe während meines Studiums lange Phasen so verbracht. Und während meiner Ehe auch. Für mich stellen andere Menschen eine grössere Herausforderung dar als das Alleinesein. Und doch brauche ich sie. Das richtige Mass zu finden ist eine grosse Aufgabe für mich. Ich glaube, das hat viel mit Erwartungen zu tun. Und mit meinem Vater. Da muss ich wohl noch mal genau hingucken.

Ich habe schlecht geschlafen und die Kopfschmerzen sind immer noch da. Letzte Nacht war ein Gewitter, zwei kurze Blitze und dann rauschte der Regen in den Rinnen. Ich habe lange wach gelegen und meine Gedanken fuhren Kreisverkehr. Was will ich mit den letzten beiden freien Tagen anfangen? Heute bin ich auf einer Party bei meiner Nachbarin eingeladen. Hoffentlich gehe ich hin. Morgen bin ich für ein Telefonat verabredet. „Ich brauche Klarheit von dir.“ habe ich gesagt. Aber ich habe auch Angst, dass diese Klarheit den Abschied von etwas bedeutet, was ich mir sehr gewünscht habe.