Wer bin ich?

Wer bin ich?

Letzte Woche war ich beim vierten und letzten Seminar meiner Tantramassage-Ausbildung. Es war Zeit, das Gelernte zu vertiefen und uns vor Augen zu führen, welchen Weg wir im vergangenen Jahr gegangen sind, wo wir stehen und wohin wir wollen. „Wer bin ich?“ war die zentrale Frage und sie führte mich näher an meine Abbruchkante als alle anderen Herausforderungen, die ich in den vergangenen Monaten zu meistern hatte, als es galt, immer neue Teile meines Körpers für Berührungen zu öffnen. Viele alte Schatten tauchten in mir auf und ich hatte zum ersten Mal Probleme, vor der Gruppe frei zu sprechen. Wir fehlten die Worte und die Stimme.

Ich bin der Wassertropfen, der alle Farben in sich trägt.
Ich bin der Vulkan, der hundert Jahre schläft und dann Feuer speit.
Ich bin der Berg, auf dessen Gipfel immer Schnee liegt.
Ich bin der Phoenix aus der Asche.

Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich fuhr so gelöst und gestärkt wie noch nie von zu Hause los, nachdem mein Exmann, mit dem ich noch unter einem Dach wohne, ein paar Tage verreist und stattdessen meine liebe Ausbildungskollegin T. zu Besuch gewesen war. Wir hatten im Garten gearbeitet und den Wagen zur Werkstatt gebracht, wir hatten Regale aufgebaut und meine Bücher eingeräumt. Wir hatten den Geburtstag meiner ältesten Tochter zusammen gefeiert und sie hatte meine ganze Familie kennengelernt. Es hatte mir gut getan, meinen Alltag mit ihr zu teilen und abends mit ihr in dem großen Bett zu liegen und mit fachkundigem Blick und glühenden Wangen Massagefilme von Josef Kramer und Annie Sprinkle anzugucken.

Ich bin eine Frau.
Ich bin Mutter, Tochter, Enkeltochter und Freundin.
Ich bin eine Schreiberin.
Ich bin eine Berührungskünstlerin.

Bei strahlendem Frühlingswetter machten wir uns mit ihrem Auto auf den Weg und überquerten den breiten Fluss diesmal mit der Fähre. Wie Königinnen standen wir an der Reling und grüßten die Wasservögel, die sich nicht stören ließen von dem großen Schiff, das lautlos durch die flache Tide dem Ufer zu trieb. Ich dachte, ich wäre unangreifbar, wunschlos glücklich und offen für alles, was da kommen würde, doch das war eine Illusion. Ich hatte Hoffnungen und Wünsche und das hätte mir klar sein können, denn aus welchem anderen Grund hätte ich sonst wieder das große Laken in meine Reisetasche packen sollen.

Ich bin das Schwert.
Ich bin die Schlange.
Ich bin der Orkan.
Ich bin der Duft einer Blüte.

Das Gelände des Seminarhauses war auch zu dieser Jahreszeit wunderschön, wildromantisch und beseelt, die gepflasterten Wege gesäumt von Primeln und Tulpen, die Beete gepolstert mit Scharbockskraut, die Luft vibrierend von Summen und Brummen, Zwitschern und Tschilpen. Ich hatte zum ersten Mal ein Einzelzimmer gebucht und machte mich mit Andacht daran, das Bett zu beziehen und den Schrank einzuräumen. Ein Zimmer für mich allein – was für ein Luxus! Jedes Mal, wenn ich die Tür zu meinem Reich geöffnete habe, habe ich mich zu dieser Entscheidung beglückwünscht, obwohl ihre Konsequenzen mich überfordert haben.

Ich bin die, die die andere Wange hinhält.
Ich bin eine Grenzgängerin und ein Freigeist.
Ich bin das Tier, das gestreichelt werden will und sich versteckt.

Der Hintergrund war, dass ich ein paar Wochen zuvor einen Artikel über das männliche und das weibliche Prinzip gelesen hatte. Grob gesagt ist das männliche Prinzip „Aktivität“, „Handeln“, „auf etwas zugehen“, das weibliche Prinzip dagegen „Passivität“, „Empfangen“, „etwas anziehen“. Ich wollte versuchen, die Dinge weniger zu steuern und stattdessen abzuwarten, was passiert wenn ich nichts tue, wen oder was meine Weiblichkeit anzieht. Vielleicht sollte ich nicht alles glauben, was ich lese, vielleicht brauche ich mehr Übung oder vielleicht hatte ich falsche Vorstellungen, jedenfalls habe ich vor allem eine alte Bekannte angezogen: die Einsamkeit.

Ich bin die Amazone mit dem Bogen in der Hand.
Ich bin die, die um Mitternacht den Ball verlässt und keinen Schuh verliert.
Ich bin der Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach.

Ich fühlte mich an Modul 1 erinnert, wo ich alleine in meinem (Dreibett-) Zimmer lag und mich fragte, was ich schon wieder falsch gemacht hatte, warum ich nicht dazugehörte, warum die Party immer dort stieg, wo ich nicht war und warum mich eine gläserne Mauer von all dem zu trennen schien, wonach ich mich so sehr sehnte und was zum Greifen nah und doch unerreichbar schien: Berührung, Sinnlichkeit, Nähe, Körperkontakt, Leichtigkeit, Freiheit, Abenteuer, Ekstase. Die Tage verstrichen und irgendwann ließ ich alles los, woraufhin alles gleichzeitig zu mir kam, wie von selbst, als wäre vorher eben Ebbe gewesen und dann Flut. Ganz einfach. Die Kunst besteht wohl darin, nicht zu wollen, sondern zu sein, egal ob männlich oder weiblich, aber diesmal gelang mir das nur für kurze Momente. Ich fühlte mich verloren in den halbbewussten Zuständen, in die wir in den Meditationen und Übungen geführt wurden, nicht „geborgen im Ungeborgenen“*, ich suchte nach Halt und fand nicht genug davon in mir selber. Mein Weggefährte hat mir gefehlt, mein engster Vertrauter, der Hüter meines Schlafes, meiner Tränen und Träume. Unsere Verbundenheit war fraglos, aber sie roch nach einem Abschied, für den mein wehes Herz nicht bereit war. So schlich ich in meinem cremefarbenen Seidennachthemd hin und her über den kalten Flur und lag doch jede einzelne Nacht alleine in meinem Bett und wartete auf den Schlaf.

Ich bin die Liebe.
Ich bin die Quelle, der Fluss und das Meer.
Ich bin der Fels in der Brandung.
Ich bin ein Kind auf dünnem Eis.

Der Höhepunkt und Abschluss unserer Ausbildung bestand aus einem Ritual, bei dem wir zu Dakinis und Dakas initiiert wurden, also zu Botschaftern der tantrischen Lehre, zu Geburtshelfern einer erwachten Sexualität, die sich Liebe und Bewusstheit verpflichtet fühlen. Wir sollten dazu in weiß gekleidet erscheinen und ich fühlte mich wie eine Braut in dem festlichen Kleid und der Spitzenunterwäsche. Dazu trug ich ein Stück Familienschmuck, das alte Granatcollier, das mir meine Mutter zu meiner Hochzeit geliehen und zu Geburt meines ersten Kindes geschenkt hatte. Wir sollten in den Tagen zuvor einen Satz finden, der ausdrückt, was unser Geschenk an die Welt ist, wofür wir uns mit Freude auf den Weg machen. Mir war dabei ein Zitat von Anaïs Nin eingefallen: „And the day came when the risk to remain tight in a bud was more painful than the risk it took to blossom.“ und als ich meinen Satz vor den anderen aussprach, als ich sagte: „Ich verbinde Frauen mit ihrer weiblichen Kraft und bringe sie zur Blüte“ da spürte ich an dem Kloß in meinem Hals, dass ich in mir selber noch viele Blütenblätter zu öffnen habe.

Ich bin die, die jeder sieht und keiner erkennt.
Ich bin die Wüste, endlos und öde.
Ich bin der hellste Stern und die finstere Nacht.

Die Rückfahrt kam mir endlos vor. Wegen Gleisbauarbeiten musste ich fünfmal umsteigen, irgendwann dachte ich, ich würde zusammenbrechen unter der Last meiner beiden schweren Gepäckstücke. Ich fühlte mich, als hätte ich eine Woche lang nicht geschlafen, nicht gegessen, nicht getrunken, mein Hunger war nicht gestillt und mein Akku nicht aufgeladen.

Ich bin nicht zusammengebrochen. Ich habe meine Tasche geschultert und den Koffer gehoben, ich habe ihn bestimmt hundert Treppen rauf und runter geschleppt und durch die Pisslaachen am Hauptbahnhof gezogen. Als ich die letzten Meter durch meinen Garten zurücklegte sah ich, dass die Geburtsbäume von allen vier Kindern blühten. Meine kleine Tochter empfing mich an der Tür und erspähte sofort die neue Kette um meinen Hals mit dem silbernen Anhänger, der das weibliche Geschlecht symbolisiert. Ich erlaubte ihr, sie zum Schlafen unter ihr Kopfkissen zu legen und am nächsten Morgen zur Schule zu tragen.

Ich bin die Lust und der Schmerz, die Hingabe und das Verlangen.
Ich bin im Geist ein Adler, im Körper ein Delfin und in der Seele ein Einhorn.
Ich bin so leicht wie schwer.

Ich bin in den letzten drei Jahren einen weiten Weg gegangen und das Thema Sexualität hat mich dabei stets begleitet. Es kam mir lange wie ein Störfeuer vor, bis ich begriff, dass der Weg zu mir selbst genau durch dieses Feuer, durch mein Feuer hindurch führt. „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“ hatte meine Therapeutin vor 1,5 Jahren Dietrich Bonhoeffer zitiert, als ich ihr sagte, wie sehr ich eine erfüllte Sexualität vermissen würde und dabei milde gelächelt. Ähnlich war es in der Paartherapie, in der psychosomatischen Klinik und in der Körpertherapiegruppe. „Ja, ja, Sexualität ist wichtig“ hieß es bestenfalls und damit war ich dann genauso schlau wie vorher. Als ich vor gut einem Jahr zum ersten Mal auf das Wort „Tantramassage“ stieß und Videos sah, auf denen nackte Menschen andere nackte Menschen am ganzen Körper auf sinnliche und doch integere Weise massieren, als ich las, dass eine zertifizierte Ausbildung zu diesem Beruf führt und wieviel Heilung er in unsere berührungsarme und körperfeindliche Kultur bringen kann, war ich euphorisch. Ich wusste sofort, dass mir so eine Massage helfen und dass diese Ausbildung für mich der Schlüssel zu einer beruflichen Perspektive sein würde.

Ich bin ohne Alter.
Ich bin die Klarheit.
Ich bin die, die den Weg kennt und ihn immer wieder von vorne geht.
Ich bin die, die mit leeren Händen kommt und mit leeren Händen geht.

Und so war es auch. Diese zehn Monate haben mich und mein Leben verändert wie kaum etwas anderes zuvor. Hier wurde beides geschätzt: mein klares Bewusstsein und meine sexuelle Energie, hier wurde ich in meiner Weiblichkeit verehrt und angefasst als die Frau die ich bin und das eine war so wertvoll und heilsam wie das andere. Ich wurde weder als Objekt behandelt noch auf einen Sockel gestellt, meine Spiritualität war so heilig wie meine Sexualität. Ich hatte vielfältige Kontakte zu den Männern und Frauen, ich habe mich an ihnen gerieben und bin mit ihnen gewachsen, ich habe sie berührt und mich von ihnen berühren lassen, ich habe mich verschenkt und bin beschenkt worden. Ich habe jeden Kelch zur Neige getrunken, auch wenn mir die Luft knapp wurde. Ich fühle mich nicht mehr nackt, wenn ich nackt bin. Ich habe Gefallen an Intimrasur und Nagellack gefunden, ich rede in großer Runde über die G-Fläche und weibliche Ejakulation als ginge es um Pastarezepte und Urlaubstipps. Ich habe die Unterschiede zwischen Gipfel- und Tal-, klitoralem, vaginalem und Muttermund-Orgasmus am eigenen Leib erfahren, ich spüre meine Chakren und die Kundalini-Energie in meinem Körper. Ich bin ganz.

Ich bin grösser als mein Leben.
Ich bin das Licht, der Strahl, das Auge.
Ich bin eine Himmelstänzerin, eine Dakini.

In ein paar Tagen fängt meine Ausbildung in Frauenmassage und Sexualcoaching an.

* Den Ausdruck „geborgen im Ungeborgenen“ habe ich aus diesem Gedicht:

Ich suche nicht – ich finde.

Suchen – das ist Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuem.

Finden – das ist das völlig Neue!

Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!

Die Ungewißheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewißheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.

Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.

Pablo Picasso