#WasAndersWäre, hätte ich das Y-Chromosom

Die Autorin und Publizistin Almut Schnerring hat auf ihrem Blog die Frage gestellt, wie das eigene Leben, der eigene Alltag vom Geschlecht beeinflusst wird und Christine von „Mama arbeitet“ hat mir dieses „Blogstöckchen“ zugeworfen – danke dafür! Ich finde die Frage sehr interessant, aber auch schwer zu beantworten. Wie alle Fragen, die mit „Was wäre wenn…?“ beginnen, denn was tatsächlich anders wäre, wenn nur ein einziger Schalter auf dem großen Mischpult umgelegt werden würde, kann ich unmöglich wissen. Die Versuchung liegt nahe mir auszumalen, dass dann Vieles einfacher wäre.

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?

Ganz allgemein stelle ich mir vor, dass ich viele Dinge mit einer anderen Selbstverständlichkeit tun würde, wenn ich ein Mann wäre. Frauen tun oder lassen oft Dinge, weil sie eine Frau sind. Frauen sind „Das andere Geschlecht“, schrieb Simone de Beauvoir 1949 und daran hat sich nichts geändert. Die Norm ist das Männliche, das Weibliche wird immer in Relation dazu betrachtet. Wie eine Frau ihr Leben gestaltet, ist immer ein Politikum – ob sie nun Kinder bekommt oder nicht, ob sie berufstätig ist oder nicht, ob sie heiratet oder nicht – weil sie sich damit zu den Erwartungen, die an sie als Frau gestellt werden, positioniert. Und egal wie sie sich verhält, sie kann sicher sein, dass über sie „als Frau“ geurteilt wird, nicht als Mensch – im Guten wie im Schlechten. Daher denke ich, dass die Entscheidungen, die ich treffe, viel öfter durch mein Geschlecht beeinflusst werden als es der Fall wäre, wenn ich ein Mann wäre. Ob ich das will oder nicht.

Ganz konkret fällt mir zu der Frage ein, dass meine Biografie wohl weniger Brüche hätte. Ich hätte vermutlich mein Studium mit einem Abschluss beendet und würde seitdem Geld verdienen. Ich wäre finanziell unabhängig und würde Bestätigung und Selbstwertgefühl aus meiner Arbeit beziehen. Ich müsste meine Aufmerksamkeit und Kraft nicht so oft auf fünfzig Sachen gleichzeitig verteilen sondern könnte mich mehr auf das jeweilige berufliche Projekt fokussieren.

Ich hätte vermutlich einen Vollzeit-Ernährer-Job und würde meine Kinder viel seltener sehen.

Ich hätte nicht zwanzig Jahre lang Hormone zur Empfängnisverhütung geschluckt. Ich hätte keine Abtreibungen hinter mir, keine Dammriss- und Kaiserschnittnarbe. Die Narben die ich habe, hätte ich nicht, wenn ich ein Mann wäre.

In meinem Alltag würde ich kaum auf mein Aussehen/ meine Frisur/ meine Kleidung angesprochen werden, was mir in den meisten Fällen sehr recht wäre. Meine Mutter würde mich z.B. wahrscheinlich nicht unterbrechen, wenn ich ihr von einem neuen Job erzähle, um die Meinung zu äussern, dass der Schnitt meines T-Shirts meinem Alter nicht angemessen sei.

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?

Ich habe mich mein Leben lang viel damit beschäftigt, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Ich habe feministische Literatur gelesen, in feministischen Arbeitsgruppen diskutiert und mein eigenes Verhalten intensiv unter diesem Aspekt reflektiert. Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich mich sicher nicht so viel damit beschäftigt, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Siehe oben.

Ich habe gerade eine Ausbildung in Frauenmassage und Sexualcoaching für Frauen begonnen, weil ich eine Frau bin und andere Frauen an meinem Wissen und meinen Erfahrungen als Frau teilhaben lassen will.

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?

Alle Antworten, die mir dazu einfallen, haben mit Sexualität zu tun. Da fühle ich mich als Frau besonders angreifbar, in Taten und in Worten. Die Angst vor Ächtung, Abwertung und männlichen Übergriffen sitzt tief.

Ich erinnere mich, dass ich in der Redaktion, in der ich während des Studiums gejobbt habe, immer sehr darauf bedacht war, meine sexuellen Kontakte geheim zu halten, damit ich meinen „ Ruf“ nicht ruiniere oder wie „Freiwild“ behandelt werde. Damit offen oder gar offensiv umzugehen wäre mir nicht eingefallen.

Wenn ich Übungsmodelle für meine Tantramassage-Ausbildung brauche, gebe ich nicht einfach Inserate in einem Erotikforum im Internet auf, wie meine männlichen Kollegen, weil mir das zu riskant ist.

Ich blocke engere Kontakte zu Männern oft deshalb ab, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass meine Grenzen nicht respektiert werden, selbst wenn ich sie deutlich kommuniziere und ich schon manches Mal nach etwas Körperkontakt beim Tanzen oder einem freundschaftlichen Gespräch mit Kuscheln auf dem Sofa plötzlich eine Hand zwischen den Beinen oder im BH hatte.

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Wenn Männer älter als ich und mir an fachlicher Kompetenz überlegen sind (zum Beispiel weil sie Arzt oder Automechaniker sind), behandeln sie mich manchmal mit einer jovialen Herablassung, die es mir schwer macht, mich wie eine erwachsene Frau zu fühlen und zu benehmen. Ich habe dann die Wahl, kühl und spitz zu reagieren oder das „Weibchen-Schema“ zu bedienen, beides finde ich anstrengend, weil es mir nicht entspricht.

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.

Als mein Sohn lernte, mit dem Fahrrad alleine von der U-Bahn nach Hause zu fahren, ist mein Ex-Mann ihm einmal heimlich hinterhergeradelt, um zu gucken, wie das klappt. An der zweiten Kreuzung wurde er von einer Autofahrerin zur Rede gestellt die dachte, er würde einem fremden Jungen nachstellen. Als Frau war ich noch nie so einer Verdächtigung ausgesetzt. Andere Mütter setzen mir sogar kommentarlos ihre Babys auf den Schoss, es wird einfach allgemein angenommen, dass Kinder in meiner Obhut gut aufgehoben sind.

Nach dem Abitur war ich sehr froh, mich nicht um die Wehrdiensverweigerung kümmern zu müssen.

Ich habe es jedes Mal sehr genossen, schwanger zu sein und zu stillen und ich möchte auch die Erfahrung, Kinder zur Welt gebracht zu haben, nicht missen.

Ich fühle mich sehr wohl mit anderen Frauen, ich habe auch körperlich einen sehr innigen Kontakt zu manchen meiner Freundinnen, wir kuscheln, halten Händchen, umarmen und küssen uns, schlafen in einem Bett. Das erlebe ich immer als sehr nährend, ich kann da gut auftanken. Nach allem was ich mitbekomme ist es für Männer viel schwieriger, sich Nähe und Wärme unter Männern zu holen.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ich bin überzeugt davon, dass das Geschlecht immer eine Rolle spielt. Zum einen, weil jede meiner Zellen zwei X-Chromosomen hat und die Erfahrungen von Generationen von Frauen in sich trägt. Zum anderen, weil mein Fühlen, mein Denken und mein Handeln vom ersten Atemzug an dadurch geprägt wurden, dass ich von meiner Umwelt als Frau behandelt werde.


Da ich gerne noch mehr Männerstimmen zu diesen Fragen hören würde, habe ich mich mal auf dem mir bislang unbekannten Terrain der Papablogs umgesehen und rufe nun

frohgemut zu: „Wir kennen uns nicht, aber ich nominiere euch trotzdem!“


Folgende Blogsposts sind bisher meines Wissens zu dem Hashtag #WasAndersWäre erschienen:

Okay, ich höre auf, es sind wohl viel mehr als ich geahnt hatte…