Der Porsche

Ich habe einen Porsche in der Garage. Jeder, der einen Blick auf ihn erheischt, sagt: „Wow, geiler Porsche!“ Aber wenn man sich wie Bambi fühlt, dann macht einem die Vorstellung, im Porsche über die Autobahn zu rasen, einen Riesenschiss. Und es stresst mich, dass er so viel Aufmerksamkeit und Erwartungen auf sich zieht. Manchmal hätte ich lieber einen unauffälligen Kleinwagen. Aber es ist kein Kleinwagen, es ist ein Porsche, auch wenn ich versuche ihn zu tarnen wie einen Erlkönig. Nachdem ich mit dem Porsche vor über zwanzig Jahren gegen die Wand gefahren bin, habe ich die PS nicht mehr so richtig von der Leine gelassen, sondern bin nur kleine Runden um den Block gefahren, im dritten Gang, die Airbags fest im Blick. In den Tantra-Seminaren höre ich oft, wie der Motor schnurrt und bekomme Lust, ihn mal wieder auszufahren. Aber weiss ich überhaupt noch, wie man bei hoher Geschwindigkeit durch die Kurven lenkt? Funktionieren Gas und Bremsen zuverlässig? Sollte der Wagen nicht besser erst mal zur Inspektion? Brauche ich ein paar Fahrstunden?

Am Wochenende habe ich meine erste Supervisions-Tantramassage gegeben, das heißt, ich sollte unter den Augen meiner Ausbilder zeigen, was ich in den letzten zehn Monaten gelernt habe. Das lief ganz gut, bis ich nach anderthalb Stunden zur Intimmassage kam. Sobald ich zwischen den Beinen sass, waren meine Selbstsicherheit und Souveränität verschwunden. Ich war angestrengt und unsicher, das ist auch meinen Ausbildern nicht entgangen. Der Empfänger hat in den folgenden 30 Minuten häufig und herzhaft gegähnt und ist ein paar Mal kurz eingenickert. Das ist bei Elementen wie der Fuß- und Kopfmassage nicht ungewöhnlich, bei der Lingammassage schon und es ist mir nicht zum ersten Mal passiert. Ich habe die Massage tapfer zu Ende gebracht, aber als ich dann ruhig neben dem mit einem Lunghi bedeckten Mann saß und darauf wartete, dass die zehn Minuten Nachspürzeit vorüber waren, hätte ich heulen mögen. In mir wallten Trauer und tiefe Verzweiflung auf, ich fühlte mich nutzlos und beschämt, wie eine Mogelpackung.

Das war alles nicht neu, es gab bisher bei fast jeder Lingammassage einen Punkt, wo ich ins Schlingern gekommen bin, aber diesmal war es besonders heftig und zudem besonders peinlich. Und endlich wurde mir klar, wo mein Problem liegt: Die Pornosucht von meinem Mann und der Druck, den er auch vorher schon auf mich ausgeübt hat, um mich dazu zu bringen, seinem Konzept von Sexualität zu entsprechen, haben in mir die Überzeugung hinterlassen, dass ich sexuell inkompetent, dass ich „nicht gut genug“ bin. Das ist etwas, was ich kenne. Ich will immer gut sein. Richtig gut, nicht nur „gut genug“. So habe ich als Kind Aufmerksamkeit und Bestätigung von meinen Eltern bekommen. Wenn ich vor den Augen von jemandem, von dem ich gemocht werden will, damit konfrontiert bin, dass ich nicht perfekt bin, führt das bis zu einem gewissen Grad dazu, dass ich Ehrgeiz entwickele. Liegt die Latte zu hoch, ziehe ich mich zurück und leide, waidwund und tief getroffen in meinem Selbstwertgefühl.

Mit der Performanz von Pornodarstellerinnen und Prostituierten konkurrieren zu müssen ist sicher einer der kürzesten Wege in die Hölle und ich habe es auch nicht ernsthaft versucht. Ich habe immer öfter resigniert und mich innerlich aus dem Feld der Erotik zurückgezogen, was zu noch mehr Druck von meinem Mann geführt hat. Ich habe mich nicht mehr um mein Äußeres gekümmert und mir gewünscht, dass er endlich tun möge, womit er häufig gedroht hat: sich anderswo zu holen, was er braucht. Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe haben. Gegen Ende meiner Ehe fühlte ich mich nicht mehr begehrenswert und hatte den Kontakt zu meinem Körper, zu meiner Lust und meiner Sinnlichkeit komplett verloren. Ich hatte keine Ahnung, woran es lag, dass ich beim Sex kaum noch etwas spürte, dass mein Bewusstsein meinen Körper quasi verliess, über ihm schwebte und mich kopfschüttelnd fragte, was ich da eigentlich mache. Die Zusammenhänge waren mir nicht klar, ich mutmasste, dass auch das irgendwie daran lag, dass ich unzulänglich/ verkehrt/ nicht gut genug war und ich hatte schon genug andere Sorgen.

Erst als ich wegen meiner Depressionen in Therapie ging und darüber nachdachte, was ich vor meiner Ehe für eine Frau war, wann ich mich lebendig gefühlt hatte, fiel mir wieder ein, dass das alles mal ganz anders war. Dass viele Männer mich begehrt hatten, dass ich Spaß an Sex hatte, dass ich auf diesem Gebiet angstfrei, neugierig und offen war und viel Kraft und Energie daraus gezogen hatte. Dass ich nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen, aber viele aufregende Erfahrungen dabei gemacht hatte.

Bis ich auf der Party einer Freundin einen Mann kennenlernte, der ganz anders war als alle anderen davor: Extrem versiert und mit einem ausgeprägten Sinn für Dramaturgie und Inszenierung. Ich erfuhr bald, dass er ein erfolgreicher Künstler war, aber ich merkte lange nicht, dass er psychisch krank war. Obwohl ich das Wort nicht mag, benutze ich es jetzt, denn es ist das einzige, das passt: Er hat einfach alles aus mir herausgefickt, wovon ich bis dahin glaubte, dass es mich ausmachen würde: Meine Schönheit, meinen Stolz, meine gute Erziehung, meinen Verstand und meine Würde. Er hat mich durch die Gosse geschleift und in den Himmel katapultiert, beschmutzt und wieder rein gewaschen, bis an die Grenze zur Selbstaufgabe. Den besten Sex meines Lebens hatte ich leider mit ihm. Sechs Wochen lang. Als sein Drang, mich besitzen und kontrollieren zu wollen in einem sexuellen Übergriff eskalierte, begriff ich, dass es nicht um Liebe sondern um Macht ging und warf ihn raus.

Daraufhin stalkte er mich, ein Begriff und ein Straftatbestand, den es damals in Deutschland noch gar nicht gab. Er belagerte meine Wohnung Tag und Nacht, griff mich auf offener Strasse an, beschimpfte mich vor Passanten, überzog mich und mein Umfeld, meinen Therapeuten, meine Freunde, meine Familie mit ellenlangen Briefen, in denen er meine Persönlichkeit sezierte und meine sexuellen Vorlieben schilderte. Wäre Scham eine Landschaft, dann war ich die Sahara. Ich fiel ins Bodenlose, es war ein einziger Alptraum, die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich konnte weder studieren noch schlafen und musste zudem die schmerzhafte Erfahrung machen, dass die Freundin, über die ich ihn kennen gelernt hatte, seine Gunst meiner Freundschaft vorzog. Es gab Phasen, in denen ich nur den Ausweg sah, entweder ihn oder mich umzubringen.

Ich habe zwei Jahre gebraucht, um meine Selbstachtung wieder zu finden und genauso lange, um mich durch ein Gerichtsurteil vor ihm zu schützen. Zwischenzeitlich hatte ich in einer Therapiegruppe meinen Mann kennengelernt. Der Sex mit ihm war schön, aber er brachte mich nicht an meine Grenzen und ich war froh darüber. Ich wollte diese Art von Sexualität nicht mehr, ich wollte diesem Tier in mir nicht mehr begegnen, denn es hatte mich fast umgebracht und mich zwei Jahre meines Lebens gekostet. An dem Tag, an dem ich von meiner Anwältin ein dickes Paket mit den Akten des abgeschlossenen Prozesses zugeschickt bekam, stellte ich fest, dass ich schwanger war. Ich war glücklich. Ich wollte heiraten und Mutter werden, ich wollte Sicherheit und Liebe.

In den letzten beiden Jahren konnte ich mir viel von dem zurückerobern, was mir in den zwanzig Jahren davor verloren gegangen war. Ich kenne mich und meinen Körper und fühle mich an guten Tagen mit meinen 46 Jahren attraktiver und weiblicher als je zuvor. Ich habe genug Tantra-Seminare besucht und Bücher über Sexualität gelesen, um zu wissen, dass es Wege zu absoluter Intimität, Hingabe und Ekstase gibt, die nicht destruktiv sind. Was geblieben ist, ist die Angst, in der sexuellen Interaktion mit einem Mann zu versagen, nicht zu genügen, die Kontrolle zu verlieren. Mir ist am Wochenende klar geworden, dass der Wunsch, mich auf diesem Gebiet kompetent und sicher zu fühlen, Teil meiner Motivation war, eine Ausbildung als Tantra-Masseurin zu machen.

Der Porsche steht nun schon so lange in der Garage und doch habe ich mir noch nicht genau genug angesehen, welche Spuren die letzten zwanzig Jahre auf ihm hinterlassen haben. Ich werde ihn jetzt vor die Tür stellen und mir den Schaden bei Licht besehen und ich werde nicht mit Tränen sparen. Die Ausfahrt muss noch etwas warten.