Latex zum Überziehen … my ass!

Heute musste ich für einen Zahnarzttermin in die Kleinstadt, der unser Wohnprojekt postalisch zugeordnet ist und bei der Gelegenheit wollte ich Fingerlinge und Kondome kaufen. Fingerlinge brauche ich für die Probemassagen meiner Tantramassage-Ausbildung, denn mindestens bei einem Viertel der Übungsmodelle soll ich laut Ausbildungsplan den Anus „betreten“. Und Kondome … ich weiß auch nicht, warum ich es plötzlich wichtig fand, welche zu haben. Eigentlich brauche ich aktuell keine, denn es gibt da ja niemanden. Oder genau genommen gibt es schon jemanden, aber der hat schon jemanden. Mal wieder. Das hat System, das fällt sogar mir auf. Ich interessiere mich nur für Männer, die weit weg wohnen und in einer Beziehung sind. Das ist sicher. Da kann nichts passieren. Wozu brauche ich dann noch Kondome? Es war mehr so ein Bedürfnis, vorbereitet zu sein, welche im Haus zu haben. Oder in der Handtasche. Das macht frau doch so, wenn sie Single ist, oder? Das ist ein Zeichen von Verantwortungs- und Selbstbewusstsein.

Ich weiß noch genau, wann ich meine ersten Kondome gekauft habe. Ich war 17 und wollte in den Sommerferien zum ersten Mal ohne meine Eltern verreisen: mit einem alternativen Busreiseunternehmen an die französische Atlantikküste. Meine Freundin J., die zwei Klassen über mir und in allem etwas weiter war, hatte mir den Tipp gegeben. Den mit der Reise und den mit den Kondomen. Ich bin in eine kleine Apotheke gegangen, die ich nie zuvor betreten hatte und die ich auch nie wieder betreten sollte und habe eine Packung Kondome gekauft. Der Urlaub war wunderschön. Ich habe fast jede Nacht im Meer gebadet und am Strand geschlafen, zum ersten mal Muscheln gegessen, zum ersten mal gekifft, zum ersten mal eine Frau geküsst und ich hatte meinen ersten richtigen Sex mit einem Mann. Die Nacht vor seiner Weiterfahrt nach Portugal habe ich in seinem Zelt verbracht. Er hat mir erst den Rücken massiert und dann mit mir geschlafen, wobei er eins der Kondome benutzt hat, die ich in der kleinen Apotheke gekauft hatte. Ich frage mich gerade, was ich mit dem Rest gemacht habe, denn als ich aus Frankreich zurück kam, habe ich mir die Pille verschreiben lassen und als er aus Portugal zurück kam, wurde er mein erster fester Freund.

Wenn ich so darüber nachdenke bin ich sicher, dass das nicht nur das erste, sondern auch das letzte Mal war, dass ich Kondome gekauft habe. Seit ich 17 war, habe ich mit kurzen Unterbrechungen die Pille genommen bis mein Ex-Mann sich nach der Geburt unserer jüngsten Tochter hat sterilisieren lassen. Ich habe wenig Erfahrung mit Kondomen, denn bei den One-Night-Stands und Affären, die ich in den neun sexuell aktiven Jahren vor meiner Ehe hatte, habe ich selten welche benutzt. Mir ist inzwischen bewusst, dass das nicht nur anderen, sondern auch mir selber gegenüber verantwortungslos war und deshalb stehe ich jetzt wohl im Drogeriemarkt vor der Stirnseite eines Warenträgers und studiere gewissenhaft das Sortiment. Wenn ich die mit Farbe, Geschmack und Noppen bzw. Rillen abziehe bleibt immer noch eine grosse Auswahl übrig. „Gefühlsecht“, „zuverlässig“, „passgenau“, „hauchzart“ – warum prangt auf jeder Packung nur eins dieser Adjektive? Sollte das Produkt nicht alles gleichzeitig sein? Nach welchem Kriterium soll ich mich entscheiden? Ästhetik der Verpackung? Preis? Größe?? Sollte die nicht derjenige auswählen, der es überzieht? Dieser Mr. X, dem ich weiträumig aus dem Weg gehe? Die Vorstellung, mit einer dieser Schachteln zur Kasse zu gehen erscheint mir mit einem mal absurd und ich komme mir nicht mehr selbstbewusst sondern ziemlich albern vor.

Dabei sitze ich eigentlich an der Quelle. Die Männer, denen ich meine Probemassagen gebe, sind alle aus der Tantra-Szene, sie sind sympathisch, attraktiv und Singles. Da würde durchaus was gehen. Die letzten beiden habe ich zu Hause besucht und nach Abschluss des Rituals wäre Zeit und Raum für mehr gewesen. Der eine bot zaghaft an, mich noch ein bisschen zu streicheln, nachdem ich ihn immerhin zweieinhalb Stunden lag massiert hatte und dagegen sprach eigentlich gar nichts. „Ja, gerne“ habe ich gesagt und bin erst mal Duschen gegangen. Danach habe ich gebeten, mir ein Brot schmieren zu dürfen und dann habe ich mit ihm das Feedbackgespräch für das Massageprotokoll geführt. Bis wir damit fertig waren hatte ich mal wieder erfolgreich den letzten Funken erotischer Stimmung zerplappert. Er ist dann noch auf eine Party gegangen und ich bin mit der U-Bahn nach Hause gefahren. Jeder dieser Männer hatte mir auch angeboten, sich mit einer Rückrunde zu revanchieren, aber ich habe keinen Termin vereinbart.

Plötzlich habe ich die Eingebung, dass ich doch im Internet Kondome bestellen könnte. Zum Beispiel diese hippen Einhorn-Condoms, von denen ich neulich einen tollen Werbespot gesehen habe und die es in dieser popeligen Provinzdrogerie natürlich nicht gibt. Ich verlasse das Geschäft mit einer Flasche Haarshampoo und steuere die Apotheke auf der anderen Straßenseite an, denn ich brauche ja noch die Fingerlinge. Ich bin die einzige Kundin und heute steht auch nicht die nette Mutter hinter dem Tresen, die ich vom Kinderturnen kenne sondern ihre blondierte Kollegin mit dem polnischem Akzent. Ich sage, dass ich eine 100er Packung Fingerlinge in der Größe M brauche. Sie holt eine Kiste aus dem Lager, aber leider sind die Tüten nicht wie bei dem Seminar mit Buchstaben von S-L beschriftet sondern mit Zahlen von 1-4. Sie fragt, für welchen Finger ich sie brauche und ich zeige auf meinen rechten Mittelfinger. Sie gibt mir einen in Größe 4 zum Anprobieren, aber er wirft Falten, die bei der Massage stören würden. Sie fragt, ob ich noch etwas darüber hätte und ich sage: „Ja, Gleitgel“. Sie zieht die Augenbrauen hoch, offenbar war die Frage anders gemeint. Mir fällt auf, dass ich gar nicht weiß, für welchen Zweck man die Dinger sonst noch benutzt, aber es ist mir egal was sie denkt. Die Sache fängt an, mir Spass zu machen. Wir führen ein sachliches Verkaufsgespräch. Der Nächste ist in Größe 2 und lässt sich schwer aufziehen. Ich sage, dass ich sonst etwas Puder benutze, weil das Gummi dann nicht so leicht reisst und sie hört interessiert zu, aber er sitzt so stramm, dass mein Finger taub wird. Ich kaufe also für 2,98€ 100 Fingerlinge in Größe 3. Während ich die Packung in meine Handtasche gleiten lasse, gucke ich der Apothekerin direkt in ihre schönen blauen Augen, verabschiede mich mit einem Lächeln und bin sehr zufrieden mit mir.