Das Popo-Seminar

Das Popo-Seminar

Vor zwei Wochen war ich bei dem dritten Modul meiner Tantramassage-Ausbildung. Um es hinter mich zu bringen: Das Thema war „Beckenboden-, Anal- und Prostatamassage“. Als ich zum ersten Mal gelesen habe, was da in der Mitte der Ausbildung auf mich zukommen würde, habe ich einen Riesenschreck bekommen. „Alles, nur das nicht!“ dachte ich. Ich hatte zwar im privaten Kontext schon Männer an diesen Stellen angefasst, aber da wir ja nicht an Puppen üben sondern uns gegenseitig massieren, wusste ich, dass ich auch würde „hinhalten“ müssen und das war etwas, worum ich mich in meiner sexuellen Biografie bislang herumgedrückt hatte. Überhaupt ist mein Po der einzige Körperteil, mit dem ich im Unfrieden bin und die Vorstellung, dass er tagelang im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sein würde, erfüllte mich mit Unbehagen und tiefer Scham. „Modul 3“ – das war meine Eiger-Nordwand, mein Dschungelcamp und ich konnte kein bisschen über die Kalauer lachen, die jedes Gespräch über den Gegenstand dieses Seminares begleiteten. Aber da ich das Zertifikat machen will, führte kein Weg an meinem Hinterteil vorbei.

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Der Hinweis einer Ausbildungskollegin machte mir klar, dass es bei der Analmassage nicht nur darum geht, eine Körperöffnung zu stimulieren, die bei vielen Menschen sehr erogen ist, sondern dass in diesem Teil des Körpers auch das Wurzelchakra, zuständig für Sicherheit und Standhaftigkeit, Urvertrauen, Stabilität und Durchsetzungsfähigkeit sitzt und durch die Massage belebt und geöffnet werden kann. Das Wort „Wurzelmassage“, das ich im Internet fand, gefiel mir schon besser und ich begann, den tieferen Sinn dieses Moduls zu begreifen und zu ahnen, dass es gerade für mich und gerade weil ich einen solchen Widerwillen dagegen hatte, besonders wertvoll sein könnte. Beim Peergroup-Treffen Ende Dezember dann berührte mein Massagepartner überraschend diesen Punkt und nach ein paar tiefen Atemzügen breitete sich eine heiß-rauhe, erdige Erregung in meinem Becken aus, die mir gänzlich neu war und meine Neugierde weckte. Daher wich meine Panik in den letzten Wochen der Zuversicht, dass die Ausbilder auch diesmal alle meine Befürchtungen entkräften würden und der Freude darüber, im geschützten Rahmen noch einmal etwas ganz Neues kennenlernen zu können. Ich packte zusätzlich zu meinem üblichen Massageequipment Enthaarungscreme und ein Neccessaire in den Koffer und war gespannt, was auf mich zukommen würde.

In den Tagen vor dem Seminar ist ein Ausbildungskollege zu Besuch in meiner Stadt und so steigen wir nach einem ausgiebigen Frühstück am Hauptbahnhof gemeinsam in die Bummelbahn. Der Zug überquert den breiten Fluss und ich lackiere mir die Nägel. Das ist mein Ritual, um mich auf das Massieren vorzubereiten. Am anderen Ufer ist die Landschaft zart mit Raureif überpudert. Während wir uns gemächlich dem Meer nähern, verliert die Welt jenseits der Fensterscheiben ihre Farben. Kahle Bäume zeichnen sich scharf vor den weißen Flächen ab, ihr Geäst scheint wie mit schwarzer Tinte auf Pergament gestrichen.

Wir werden vom Bahnhof abgeholt und fahren durch die Leere zu dem Seminarhaus, das wir vom letzten Sommer kennen. Der dichte Ring aus hohen Bäumen, der die alten Gebäude gegen die Witterung und die Außenwelt abschirmt, ist nur noch ein filigranes Netz aus Ästen und Zweigen und doch fühle ich mich gleich wieder geborgen. Am nächsten Morgen hängen Eiszapfen vom Reetdach, der Garten ist über und über mit feinen Kristallen überzogen und glitzert im Sonnenlicht. Ab dem Mittag fallen dicke Flocken. Wir verbringen die vier Tage Seminarzeit wie in einer Schneekugel. Es herrscht eine andere Energie diesmal. Die Stimmung ist ungewohnt ruhig, sogar im Speiseraum, jeder ist mit sich beschäftigt, in sich gekehrt.

Der Koch bekommt Anweisung, uns keine Zwiebeln, keinen Kohl und keine Hülsenfrüchte vorzusetzen und schreibt zum Frühstück „have a nice day“ auf die Butter. Meine Gelassenheit verblüfft mich selber. Ich habe diesmal keine Kopfschmerzen und keine Spannungen im Kiefer. Die Körperübungen, die wir morgens statt der Chakren-Meditation machen, geben mir Kraft. Ich finde die Massagen des Beckens und der Pofalte sehr entspannend und die „Entjungferung“ meines Hintereingangs verläuft dank Gleitgel und einfühlsamer Massagepartner unspektakulär und erstaunlich lustvoll.

Unruhig werde ich nur, als wir zu einer bioenergetischen Übung angeleitet werden, die ich aus dem Tantra-Seminar für Frauen kenne, das ich vor drei Jahren besucht habe: Das Becken-Bouncing. Dabei liegt man mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken, hebt das Becken und lässt es in schnellem Rhythmus auf die Unterlage fallen, während der Partner einem die Füße hält. Damals fing ich nach kurzer Zeit an zu hyperventilieren und kalte Angst stieg in mir hoch, eine Angst, die ich nicht verstehen und nicht sehen wollte und die doch da war, übermächtig und lähmend. Aber diesmal verläuft die Übung anders: Als die Energie aus dem Becken aufsteigt,  gebe ich ihr Raum und Stimme. Mein Körper bäumt sich auf und meine wütenden Schreie übertönen die Musik, bis sich prickelnde Freude und schließlich totale Erschöpfung in mir ausbreiten. Keine Angst mehr weit und breit. Das ist der Lohn für drei Jahre harte Arbeit an mir.

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Bei der Partnerwahl für die Abschlussmassage kommt Bewegung in die Gruppe, die bislang wie ein ruhiger Fluss durch dieses emotionsgeladene Modul geglitten ist. Ich möchte die Massage gerne mit dem Assistenten machen. Das ist nicht üblich. Die Assistenten sind die Joker, die Tantra-Ambulanz. Ich habe kein Problem, ich habe nur einen Herzenswunsch und ich ringe lange mit mir, bevor ich das Risiko auf mich nehme, ihn auszusprechen. Ich bin es nicht gewohnt zu sagen, was ich will. Ich habe Sorge, mich angreifbar zu machen und am Ende gar nicht mehr wählen zu können, wenn ich alles auf eine Karte setze. Und tatsächlich geht die Wahl nicht glatt auf, für eine Frau bleibt nur ein Partner übrig, mit dem sie bereits massiert hat. Erst kritisiert sie, dass wir uns (entgegen der Absprache) alle vorher verabredet hätten, dann fängt sie an zu weinen. Ich spüre Schuld und Verantwortung und bin kurz davor, meinen Platz zu räumen und mich für eine andere Konstellation zur Verfügung zu stellen – bevor gar mein Wunschpartner mir zuvorkommt und ich es bin, die alleine zurückbleibt. Doch plötzlich spüre ich etwas Neues: Meinen Willen und meine Wut. Ich beschließe abzuwarten, ob sich nicht auch ohne mein Zutun eine Lösung ergibt. Ich finde, dass ich dasselbe Recht auf meine Wahl habe wie alle anderen. Bin ich nicht schon oft genug flexibel gewesen und habe mich arrangiert?

Wir machen eine kurze Pause. Ich bin aufgeregt. Ich merke, wie wichtig die Sache für mich ist. Mir fällt der Satz ein, mit dem ich vor zwei Jahren aus der psychosomatischen Klinik nach Hause gefahren bin. Mein Satz, der mich zunächst in der Mitte der Gruppe zusammenbrechen ließ, weil ich ihn nicht über die Lippen bringen konnte: „Ich habe das Recht, meine Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen.“

Das Seminar geht weiter. Wir machen eine Meditation auf die grüne Tara, eine weibliche Buddha-Gestalt und ich kann förmlich mit Händen greifen, wie sich der Kreis schließt. Mein Satz ist ein Wurzelchakra-Thema. Er bringt auf den Punkt, was mir immer gefehlt hat, was die Quelle meiner Depressionen und des Leidens an mir selber war.  Als wir nach der Mittagspause wieder zusammenkommen, haben sich zwei neue Massagepaare gefunden, der Konflikt ist gelöst. Ich bekomme was ich will und es ist gut. Ich habe mich herausgefordert und gewonnen. Der Massagetausch ist wunderbar, eine Sternstunde, eine unvergessliche Erinnerung in meinem Schatzkästchen.

Am Morgen vor der Abfahrt taut es. In der Dusche treffe ich T. „Dein Po sieht irgendwie glücklicher aus!“ stellt sie nach einem Blick auf meinen Hintern fest. Alle lachen. „Er ist auch glücklicher!“ sage ich. „Du hast Arsch in der Hose!“ hat meine liebe Freundin A. mal zu mir gesagt, aber sie hat es nicht wörtlich gemeint. Doch jetzt fühle ich meinen Arsch. Er fühlt sich gut an und er mag es, wenn er angefasst wird.

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Heute war ich mit meiner kleinen Tochter draußen. Als wir durch den Garten gegangen sind, habe ich daran gedacht, dass ein Gärtner mir mal erklärt hat, dass die Pflanzen im Sommer nach oben wachsen und im Winter nach unten. Im Winter bilden sie ihre Wurzeln. M. stampft auf die gefrorenen Pfützen, bis schlammiges Wasser zwischen den Eisscheiben hervorquillt. Ich sehe die frischen Treckerspuren und die Wälle aus dampfendem Mist am Rande der Äcker und freue mich auf den Frühling. Es wird ein gutes Jahr, das spüre ich. „2015 steht im Zeichen des Jupiter“, hat eine Freundin gesagt, „es wird ein Jahr der Ernte“.

Die Welt ist weiß und starrgefroren, doch ich bin erfüllt von Wärme und stiller Kraft. Ich konzentriere mich auf das Wesentliche – auf meinen Körper, meine Kinder und meine Projekte. Ich mache die Yogaübungen, die das „innere Feuer“ wecken und meditiere jeden Tag. Zum Einschlafen brauche ich keine Wärmflasche mehr, ich lege eine Hand auf mein Herz und die andere auf meinen Unterleib und fühle mich getragen und gehalten. Es geht mir gut.