#Momsrock oder: Ein Lob auf die Stiefmutter (mich)

Das Blog Mama arbeitet von Christine ist außerordentlich lesenswert und sie inspiriert mich sehr. (Unter uns: Ich habe sogar schon mal geträumt, ich würde sie persönlich kennenlernen :-).) Heute bin ich durch ihren Post auf die famose Blogparade #Momsrock oder „Sie machen das wirklich gut!“ von Lucie Marshall aufmerksam geworden, die Mütter dazu auffordert, sich selbst oder eine andere Mutter zu loben. Man soll bis zur Schamesröte Lobhudeln und erst aufhören, wenn die Ohren glühen – so oder so ähnlich sind ihre Worte. An dem humorigen Unterton, der sich in meinen Schreibstil schleicht, merke ich, wie peinlich mir die Sache jetzt schon ist, aber ich bin fest entschlossen durchzuhalten:

Als ich die Überschrift „Sie machen das wirklich gut!“ las, fiel mir ein, wann ich einen ähnlichen Satz schon mal gehört hatte: Es war vor zweieinhalb Jahren auf einem Seminar mit 30 Frauen. Während einer der Mahlzeiten hatte eine junge Frau am Tisch von ihren Überlegungen berichtet, mit ihrem Freund zusammenzuziehen, der zwei kleine Kinder aus einer früheren Ehe habe. Ich hatte daraufhin erzählt, wie es für mich war, einen Mann zu heiraten, der schon ein Kind aus einer früheren Beziehung hatte und wie wir über die Jahre zu einer Familie geworden sind. Am letzten Abend wurden wir aufgefordert zu überlegen, ob es Frauen in der Runde gäbe, denen wir noch etwas zu sagen hätten. Sofort setzte sich eine ältere Frau vor mich hin, mit der ich während der ganzen Woche kein Wort gewechselt hatte. Sie sah mir in die Augen und sagte: „Du hast mir eine Geschichte erzählt, eine Geschichte von einem kleinen Mädchen, das du in dein Herz geschlossen hast.“ Ich lächelte ratlos und dachte: „Nun ja, sie ist schon etwas älter, bestimmt verwechselt sie mich.“ Aber ich irrte mich. Sie hatte mit am Tisch gesessen, als ich die Geschichte meiner Patchworkfamilie erzählt hatte. Als mir klar wurde, was sie meinte, liefen mir die Tränen runter, ohne dass ich wusste warum. Sie fuhr mit ruhigen, bedächtigen Worten fort mir zu sagen, wie sehr meine Liebe zu diesem Mädchen und die Selbstverständlichkeit, der Respekt und die Geduld, mit denen ich aus ihr und meinen drei eigenen Kindern eine Familie gemacht hätte, sie berühren und beeindrucken würden. Und dass sie ihren Enkelkindern wünschen würde, dass ihr frisch geschiedener Sohn eine Frau wie mich als neue Partnerin finden würde. Ich konnte nicht aufhören zu weinen und mir wurde klar, dass mich noch nie jemand in meiner Rolle als „Stiefmutter“ gewürdigt hatte. Nicht einmal ich selber.

Das möchte ich hier und jetzt nachholen: C. hat gerade ihren 25. Geburtstag gefeiert und auch aus dem Abstand vieler Jahre kann ich sagen, dass ich das wirklich gut gemacht habe. Ich kann aber auch sagen, dass es gut war, dass ich vorher nicht wusste, wie schwer es werden würde.

Als ich mich in C.s Vater verliebt habe, war ich 26 und C. war 5. Ich hatte bis dahin nichts mit Kindern zu tun gehabt. Ich bin ein Einzelkind und hatte als Kind kaum Freunde. Wahrscheinlich, weil ich nicht wusste, was man als Kind macht. Als Kind wollte ich kein Kind sein und als ich erwachsen war, wollte ich keine Kinder. Bis ich mit 22 das erste Mal schwanger wurde. Ich ließ das Kind abtreiben, zurück blieb ein Gefühl von Leere und Verlust und der zaghafte, vage Wunsch, irgendwann Mutter zu werden. Als C. in mein Leben kam, war es, als hätte sich diese Lücke auf wundersame Weise geschlossen. Nach zwei Monaten habe ich meine Einzimmerwohnung untervermietet und bin bei ihrem Vater eingezogen. Alles war plötzlich so einfach.

Nach einem weiteren Monat war ich schwanger von ihm. Alles wurde plötzlich sehr schwierig. C.s Mutter hatte Bedenken, meine Eltern hatten Bedenken, ich versuchte, schnell die letzten Scheine für mein Studium zu machen, der zukünftige Vater meines Kindes ging stoned zur Arbeit und machte die Nächte mit seinen Kumpels im Übungsraum durch. Ich bin der Marathon-Typ. Ich gebe nicht auf. Ich wollte die sein, die es hinkriegt und das habe ich auch. Ich habe ihn zur Paartherapie geschleppt und zur Familienberatung. Ich habe mich mit C.s Mutter zu Gesprächen getroffen und Bücher über Patchworkfamilien (der Begriff war damals noch ganz neu) gelesen. Ich habe mit C. Bücher über Schwangerschaft und Babys angeguckt, um sie auf ihr Geschwisterchen vorzubereiten. Ich habe meinen Eltern gesagt, dass ich mich entschieden habe und dass sie sich auch entscheiden müssen. Ich habe meine Scheine gemacht und mir ein Kleid aus weinroter Seide für die Hochzeit nähen lassen.

Ich hatte damals kein Vorbild dafür, wie eine Familie jenseits der traditionellen „Mutter-Vater-Kind“-Konstellation aussehen könnte. In einem der schlauen Bücher wurde eine Familie wie unsere „Schmetterlingsfamilie“ genannt, weil sie ihre Schwingen über zwei Häuser ausbreitet. Das wurde mein Leitbild. C.s Mutter wohnte gleich um die Ecke, C. verbrachte anfangs gleich viel Zeit bei ihr wie bei uns, später lebte sie vorwiegend bei der Mutter, konnte aber jederzeit vorbeikommen. Weil unsere Wohnung grösser war, haben wir C.s Geburtstage meistens bei uns gefeiert, mit ihrer Mutter und deren jeweiligen Partnern. Wir haben auch alle zusammen Weihnachten gefeiert. Ich habe nie die Wörter „Halb-„ und „Stief-„ benutzt. Es gibt keine halben Kinder. Sie ist die älteste Schwester meiner Kinder. Punkt.

In dem Buch wurde eine Patchworkfamilie auch mit einem Garten verglichen, der aus alten und neuen Pflanzen neu angelegt wird und allmählich zusammenwächst. So ein Garten braucht viele Hände, die ihn pflegen, Nachbarn, die mal vorbeikommen, um die Sträucher zu schneiden oder im Sommer beim Gießen zu helfen, statt über den Zaun zu schielen und sich über die Unordnung zu ereifern. Und nach sieben Jahren der aufmerksamen Fürsorge blüht der Garten dann so üppig, dass jeder an der Pforte stehenbleibt und ihn bewundert und nicht auf den Gedanken kommen würde, dass es einmal anders gewesen sein könnte. Sieben Jahre! Da stand, dass es sieben Jahre dauern würde, bis alle alten Wunden geheilt und die Familie zu einem Ganzen geworden sein würde. Das kam mir damals unvorstellbar lange vor und natürlich hatte ich den Ehrgeiz, es schneller zu schaffen, aber das war tatsächlich die Zeit, die es gedauert hat. Und so lange habe ich gewartet, bis ich ein weiteres Kind bekommen habe.

C. kommt immer noch regelmäßig zu Besuch, obwohl wir schon lange außerhalb der Stadt wohnen. Ihre Geschwister lieben sie heiß und innig und für mich ist und bleibt sie ein Geschenk. Aber in den Schoss gefallen ist mir nichts, ich habe viel dafür getan, ich musste über viele meiner Schatten springen und ich habe wenig Unterstützung und Anerkennung bekommen. Aber ich weiß, dass ich meine Sache richtig gut gemacht habe und ihr wisst es jetzt auch. Und ich wünsche meinen Kindern, dass mein Noch-Ehemann eine Frau wie mich findet, wenn er sich eine neue Partnerin sucht.