Auf hoher See

Mein Tag fängt wie immer um 6 Uhr an und die Stunden bis zu unserer Verabredung wollen nicht vergehen. Ich bin zu früh bei dem Café, das ich für das Treffen vorgeschlagen habe, doch kaum habe ich den Vorraum betreten, kommt er durch die Tür: Der Pirat. Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Ich hatte gehofft, es wäre vorüber, aber es ist genau wie damals.

Wir bestellen etwas zu Trinken und später ein Frühstück. Er trägt zwei Jacken über seinem T-Shirt, doch ich nehme seinen Körper wahr, als würde er wieder neben mir liegen, sein Herzschlag auf meiner Haut, sein Atem an meinem Ohr. Mir ist nicht nach Reden, ich möchte seine Stimme hören. Er erzählt mir von seiner Herkunftsfamilie, die aus meiner Stadt kommt, von dem Haus, in dem er groß geworden ist, von seinen beruflichen Plänen, seinen Reisen und seinen Kindern. Dann spricht er die kleine OP an, die mich am nächsten Tag erwartet. Am liebsten würde ich fragen, ob er mich nicht an Stelle meines Ex-Mannes zu dem ambulanten Eingriff begleiten kann. Aber das ist Quatsch. Er hat sein Leben und ich habe meinen Scherbenhaufen.

Seine Hände bewegen sich immer weiter auf die Mitte des Tisches zu und tasten an dem Gestell entlang, auf dem Salz und Pfeffer untergebracht sind. Schließlich rückt er die Dekoration beiseite, die den Tisch zwischen uns teilt und nimmt meine rechte Hand. Er küsst sie und birgt sie dann zwischen seinen Händen, seinen wunderschönen Händen, die Leben retten können und ein Teil von mir denkt, dass es auf dieser Welt keinen besseren Platz mehr für sie geben wird.

Wir gehen durch den eisigen Park zu meinem Auto, das ich nahe bei dem Bahnhof geparkt habe, von dem aus er zurück in die Stadt fahren wird. Wir gehen dicht nebeneinander, unsere Hände berühren sich fast. Wir stehen vor meinem Wagen. Er umarmt mich kurz und streicht mit einem Finger über meine Wange. „Ich bin so froh, dich getroffen zu haben.“ sagt er und „In zwei Jahren ist wieder ein Kongress“. Dann ist er fort. Ich steige ein und drehe den Zündschlüssel im Schloss. Winzige, gefrorene Wassertropfen bedecken die Windschutzscheibe wie ein Spitzenschleier. Während ich langsam losfahre, verschwimmen die Pünktchen auf der Scheibe mit den Tränen in meinen Augen.

Die Straßen sind dumpf und matt, der Frost hat noch den Rest der Farben verschluckt, die der Herbst zurückgelassen hat. Als ich die Schule erreiche, warten meine Kinder schon im Foyer, der Große mit der Gitarre in der einen und der kleinen Schwester an der anderen Hand. Sie gucken mich neugierig an, fragen aber nicht, woher ich komme und warum ich heute nicht die abgetragenen Schuhe anhabe und die zerschlissenen Jeans. Wir gehen zum Auto und fahren nach Hause.