Gute Absichten 2014 – November/ Dezember

Ich schiebe das Schreiben dieses Postest schon seit Wochen vor mir her, inzwischen ist der Dezember fast rum und hier werden allerorten Jahresrückblicke verfasst. Ich weiß nicht, was ich sagen soll und ob ihr hören wollt, was ich zu erzählen habe. Das wird jetzt ziemlich krass:

In meinem Text über September/ Oktober hatte ich von meiner Überraschung und Freude berichtet, als ich während des Seminares nach einer Pause von vielen Monaten wieder meine Blutung bekommen hatte. Exakt einen Monat später setzte die nächste Blutung ein. Ich dachte: „Wow, jetzt also wieder ein richtiger Zyklus – ich komme doch noch nicht in die Wechseljahre!“ und: „Mist, ich muss wieder verhüten, sollte ich ein geregeltes Sexleben haben. Oder ein Sexleben. Oder Sex.“. Die Blutung war stark, ich kaufte XXL-Tampons und XXL-Binden und wechselte beides zweimal in der Stunde, wobei etwas, das wie Leber aussah, aus mir herauspladderte. Ich organisierte meinen Alltag um die Verfügbarkeit von Toiletten herum, war das nicht möglich, wurde es dramatisch. Ich fühlte mich ausgelaugt, hatte Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme.

Nach drei Wochen ging ich zu meiner Frauenärztin und ließ mir Gestagen-Tabletten verschreiben, ein Hormon, das ich in den letzten Jahren schon zweimal mit gutem Erfolg genommen hatte, um diese Art von Blutung zum Versiegen zu bringen. Nach einer Woche musste ich die Tabletten absetzen, weil ich davon Migräne, nächtliche Wahnvorstellungen und Sehstörungen bekommen hatte. Meine Ärztin war alarmiert, offenbar hatte das Medikament auf die Gefäße in meinem Kopf gewirkt. Die Blutungen kamen zurück, mein Eisenwert lag mittlerweile bei 8,4 und ich fühlte mich, als könnte mich jeder Windhauch umpusten. Meine Frauenärztin riet nun mangels Alternativen energisch zu einem Eingriff, der den gleichermaßen anschaulichen wie Grauen erweckenden Namen „Ausschabung“ trägt.

Einen halben Tag verbrachte ich für „präoperative“ Untersuchungen in der Klink, die eigentliche OP wurde dann ambulant und unter Vollnarkose von einem sehr sympathischen Frauenteam durchgeführt. Sie waren behutsam mit mir, ich hatte hinterher keine Schmerzen, dafür endlich Klarheit über die Ursache: ein Myom, ein kleines Gewächs an der Gebärmutterinnenwand. Mein Ex-Mann begleitet mich und kochte mir Hühnersuppe und Ingwertee. Ich war mal wieder angewiesen auf ihn, eine schwierige Situation für uns beide.

Die Blutungen waren vorbei, aber die Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Sehstörungen blieben, so dass ich drei Wochen später ein Schädel-MAT machen ließ. Es war unauffällig, auch mein Kopf ist laut Befund in einem „dem Alter angemessenen Zustand“. Eigentlich ist nun alles wieder in Ordnung, aber ich erhole mich nur langsam von diesen zwei Monaten. Ich bin müde, müde, müde, schaffe kaum meinen Alltag, vom Wichtigsten die Hälfte, es ist keine Kraft über für die Dinge, die mir wichtig sind und mir wohl tun. Das macht mich unzufrieden und depressiv, der alte Teufelskreis. Ich ertappe mich dabei, wie es mir wieder vor jedem neuen Tag graut und ich am Abend froh bin, ihn irgendwie in einer Art seelischem Dämmerzustand hinter mich gebracht zu haben. Als wäre das der einzige Zweck meiner irdischen Existenz.

Meine 18jährige Tochter P. musste ihr Praktikum auf dem Rehagestüt abbrechen, weil sie dem Arbeitspensum nicht gewachsen war. Da ihr Vater seit der Trennung ihr Zimmer bewohnt, ist sie nach ein paar Nächten zu meiner Mutter und meiner Großmutter gezogen, die ein paar Häuser weiter wohnen. Sie will dort für den Realschulabschluss lernen. Ihre Anwesenheit deprimierte mich anfang so sehr, dass ich ihre körperliche Nähe kaum ertragen konnte. Alles schien wieder von vorne anzufangen.

Mein Sohn hatte wochenlang krampfartige Bauchschmerzen und konnte nicht in die Schule, wir ließen diverse Untersuchungen machen und probierten Vieles aus, nichts half. Seine kleine Schwester schloss sich den Klagen an. Wärmflaschen, Thermoskannen, Medikamentenschachteln, ich kann das alles nicht mehr sehen. Dazwischen Termine über Termine, Ärzte, Elternabende, Wintermarkt, Schulaufführungen, Theater mit der Oma, Pfadfinderwochenenden, Geburtstage, Laternelaufen, Halloween, Advent, Nikolaus, Weihnachtsvorbereitungen.

M. hat jetzt länger Schule und es entwickeln sich erste Fahrgemeinschaften. Das ist eine Entlastung, aber ich merke andererseits, wie gut es mir tut, einmal am Tag das Haus zu verlassen, mich ins Auto zu setzen und irgendwohin zu fahren. Ich komme mir dann vor wie ein exotisches Tier, das für eine Stunde seine Höhle verlässt, sich wie ein Mensch anzieht, sich wie ein Mensch benimmt und wie ein Mensch behandelt wird. Eine Stunde Normalität, für eine Stunde dazugehören. Und Autofahren ist Bewegung, zumindest äußerlich, das bringt meine Gedanken in Fluss. Manchmal denke ich, ich sollte Fernfahrerin werden und meinen Lebensmittelpunkt auf die Bundesstraße verlegen.

Weihnachten war schrecklich. Anfangs dachte ich: wir bekommen es ganz gut hin, wir sind Profis, ein gut eingespieltes Team. In den letzten Wochen hatte er mich geschont und in Ruhe gelassen, wir hatten die Kunst, umeinander herum zu wohnen und für die Kinder das gewohnte Familienleben zu simulieren, ganz gut gemeistert. Er kann mich immer besser ertragen wenn es mir schlecht geht.

Seit dem Nachmittag waren meine Oma und meine Mutter da, meine Mutter blieb noch zum Essen und sagte: „Hoffentlich könnt ihr euch diesen harmonischen Umgang bewahren!“ bevor auch sie sich verabschiedete. Wir haben mit den Kindern noch eine Partie Uno gespielt, er hatte schon ein paar Gläser getrunken und fing an mir zu sagen, wie ich legen sollte. Ich habe mir das verbeten, P. hat Partei für mich ergriffen. Er hat das Spiel gewonnen und ich habe mich beeilt, M. ins Bett zu bringen, bevor die Stimmung weiter eskalierte.

Als ich aus ihrem Zimmer kam, sah ich auf meinem Handy eine Nachricht von ihm, in der er mich übel beschimpfte. Mein Herz raste, meine Hände zitterten, ich war wütend und zugleich tief getroffen und von einer unerklärlichen Scham erfüllt. Am liebsten hätte ich auf der Stelle das Haus verlassen, aber wohin? Und meine Kinder mit ihm zurücklassen? Ich habe ihnen gute Nacht gesagt und bin ins Schlafzimmer gegangen. Ich musste mich zusammenreißen, nicht die Tür abzuschließen. P. ging rüber zu meiner Mutter, mein Mann machte noch eine Flasche auf und brachte den heiligen Abend zum Abschluss, indem er mit unserem 13jährigen Sohn einen brutalen Actionfilm anguckte. Ich hörte das Geballer und Gewummer von unten und lag wie versteinert im Bett, einen Kloß Tränen im Hals.

Seitdem habe ich die Zeit über mich ergehen lassen. Ich habe ihm das Feld überlassen. Ich esse, was er auf den Tisch stellt, ich spreche kaum ein Wort, mein Blick geht in die Ferne. Ich bin ein Schatten, die Füße kaum am Boden, das Herz ein Stein in meiner Brust. Ich muss mich immer wieder selber daran erinnern, dass dies mein Leben ist, meine Familie, mein Haus, meine Kinder. So oft wie möglich schließe ich mich im Bad ein, um durchzuatmen. Ich habe das Handy stets griffbereit, es ist mein Anker, meine Rückversicherung, dass es irgendwo noch etwas anderes gibt und ich hoffentlich irgendwann diesen Alptraum hinter mir lassen werde. Ich gehe jeden Abend um halb neun ins Bett, um ihm aus dem Weg zu gehen. Ich fühle mich ihm nicht gewachsen. Ich hasse mich für mein Schweigen, meine Angst, mein Phlegma, meine Unfähigkeit, mein Selbstmitleid, meine Schwäche, für das Bild, das ich vor meinen Kindern abgebe. Ich habe beschlossen, mich an eine Beratungsstelle für Angehörige von Suchtkranken zu wenden. Ich habe viele Fragen und ich brauche mehr Unterstützung.

Habe ich mir Raum genommen für …

Etwas Schönes?

S. aus meiner Ausbildungsgruppe ist mich für ein Wochenende besuchen gekommen, wir waren in einem Konzert und in einer Ausstellung. Sowas habe ich ewig nicht gemacht und ohne sie hätte ich es auch nicht gemacht.

Ich habe über fb einen ersten Kontakt zur hiesigen (leider sehr kleinen) Tantra-Szene geknüpft und mich trotz aller Widrigkeiten mit einem Mann, der da gut vernetzt ist, auf eine Suppe und ein nettes Gespräch getroffen.

Ich habe mit dem Piraten gefrühstückt.

Etwas für mich?

Ich habe mir meine zweite professionelle Tantra-Massage geben lassen, diesmal von einer Frau. Das war eine der Voraussetzungen, die ich erfüllen muss, um nächstes Jahr zur Prüfung zugelassen zu werden.

Eigentlich wollte ich zu einem Wochenendseminar meines Ausbildungs-Institutes fahren, bei dem es noch mal um die Intimmassage ging, aber ich habe kurzfristig abgesagt. Wir hatten ein paar Tage zuvor den Kindern von der Trennung erzählt und ich wollte bei ihnen sein.

Ich habe meinen kleinen Home-Office-Job gekündigt. Er hat zu viele Aspekte in sich vereint, die mir nicht gut tun und nimmt mir zu viel von der Zeit und der Energie, die ich für meine Ausbildung brauche.

Obwohl das Peer-group-Treffen diesmal am Wochenende vor Weihnachten stattfand, bin ich hingefahren.

Etwas Altes?

Ich bin hier mit dem Umräumen und Umbauen für die räumliche Trennung noch kein Stück voran gekommen. Mir fehlte die Kraft.

Etwas Neues?

Ich werde in meinem Alltag immer offener und ehrlicher. Ich bin wieder mit einer Mitfahrgelegenheit zum Peer-Group-Treffen gefahren und als mich die Fahrerin fragte, was ich denn an diesem Wochenende machen würde, habe ich die Wahrheit gesagt. Zuerst wurde sie rot, dann wurde sie neugierig. Schnell entwickelte sich ein intensives Gespräch zwischen uns. So viel wie in diesen zweieinhalb Stunden habe ich in den ganzen zwei Monaten nicht gelacht. Am Ende hat sie sich mit einer Umarmung für meine Offenheit bedankt und gesagt, sie hätte schon viele interessante Menschen als Mitfahrer gehabt, aber ich hätte sie alle getoppt.

Der Hashtag #notjustsad hat mich dazu ermutigt, einen Beitrag dazu zu leisten, das Schweigen über diese Krankheit zu brechen: Ich trage in jeden Anamnesebogen ein, dass ich Depressionen habe, sogar beim Zahnarzt, wo es dafür keine medizinische Notwendigkeit gibt.

Eins meiner größten Probleme war es immer schon, in den Tag zu kommen. Da ich jetzt wieder alleine schlafe und meine Tochter, seit sie zur Schule geht, nicht mehr so früh wach wird, habe ich nun zumindest die Möglichkeit, die Zeit vor der „Morgenschicht“ für mich zu gestalten. Ich habe mir also meine Wecker-App eine halbe Stunde früher gestellt und meditiere, bevor ich die Kinder wecke. Das tut mir gut und gibt mir das Gefühl, mit mir selber in Kontakt zu kommen, bevor ich in die Mutterrolle schlüpfe.

Als ich mich im Internet darüber informiert habe, was ein Myom überhaupt ist, bin ich auf das Buch „Die Weisheit der Wechseljahre“ gestoßen und habe es mir gleich bestellt. Um dieses Thema hatte ich bisher noch einen grossen Bogen gemacht, das Wort klang in meinen Ohren alt, dröge, freudlos, bitter, es erinnerte mich an meine Mutter, die damals monatelang weinend am Küchentisch saß und ihrer Weiblichkeit hinterherzutrauern schien, die sie nie gelebt und die sich viel zu früh aus ihrem Körper verabschiedet hat. Aber schon beim Durchblättern der ersten Kapitel wurde mir klar, dass die Wechseljahre die große Chance in sich bergen, endlich im eigenen Körper und dem eigenen Leben anzukommen und das ist ja genau das, womit ich schon lange beschäftigt bin. Es ist mir immer schwer gefallen, Verantwortung für meinen Körper und meine Gesundheit zu übernehmen, auch auf dieser Ebene für mich zu sorgen. Jetzt fange ich damit an.

Ich habe mir zum ersten Mal eine Dating-App installiert. Als ich neulich Nacht nicht schlafen konnte, habe ich mit V. telefoniert und er hat mir von „Tinder“ erzählt. Das waren für mich mal wieder Geschichten aus einer anderen Welt und ich merkte, dass mich nichts daran mehr triggerte, weder sein Sexleben noch die Vorstellung, mit irgendwelchen Männern irgendwelchen Sex zu haben. Da hat die Tantra-Ausbildung  viel verändert bei mir. Aber für ihn passte es und das konnte ich mir ohne Neid anhören. Am nächsten Tag saß ich dann zwischen 800 Menschen mit M. in der Aula und sah mir zum ichweissnichtwievielten mal das Christgeburtspiel an. Ich überlegte, was ich in diesem Moment lieber machen würde und da fiel mir plötzlich „Tinder“ ein. Ich stellte mir vor, wie lustig es wäre, jetzt sehen zu können, wie viele paarungswillige Singlemänner um mich herum säßen. Am Abend habe ich dann die App installiert und mir ein Profil angelegt.

Dieses Thema würde sich hervorragend für eine Glosse eignen (vielleicht schreibe ich mal eine darüber), aber am interessantesten finde ich es, mein eigenes Verhalten zu beobachten: Welche Männer like ich? Warum? Nach ein paar Tagen bin ich mutiger geworden, habe die Altersspanne meiner Zielgruppe heruntergesetzt und mein eigenes Alter ebenfalls. Dadurch ist die Sache richtig spannend geworden: Das Zögern und das Kribbeln in meinem Bauch, wenn ich Fotos von Männern sehe, die ich rein optisch sexuell attraktiv finde, Männer, die ganz anders sind als die, mit denen ich bisher zu tun hatte. Wie überrascht, geschmeichelt und erschrocken ich bin, wenn „Tinder“ ihr Foto mit meinem zusammenführt und jubelt „Es passt! Du und X, ihr steht aufeinander!“ Und wenn sie mir dann eine Nachricht schicken. Und dann?? Statt Möglichkeiten zu suchen, diese Männer zu treffen, fallen mir Gründe ein, warum es nicht möglich ist. Sicher habe ich Angst vor den Kommentaren meines Mannes, wenn ich sage, dass ich das Haus verlasse, weil ich verabredet bin. Aber das ist nicht alles. Innerhalb meiner Tantra-Gemeinschaft fühle ich mich sicher und in der Lage, das richtige Maß an Nähe und Distanz zu finden. Außerhalb davon nicht. Ich habe Angst, dass mir meine Bedürfnisse und Wünsche aus dem Ruder laufen, dass ich verletzt und enttäuscht werde oder jemanden anderes verletze und enttäusche. Dass ich zu viel oder zu wenig will oder dass der andere zu viel oder zu wenig will.

Ich spüre deutlich meine Ambivalenz, meine Unsicherheit und meine Sehnsucht. Ich brauche Nähe, Berührung, Körperkontakt, meine Haut hungert danach, das habe ich gemerkt, als wir bei dem Peergroup-Treffen am ersten Abend eine kleine Kuschelparty gemacht haben. Bei den Tantra-Massagen erlebe ich, wie viel Kraft es mir gibt, wenn die sexuelle Energie in meinem Körper freigesetzt wird, wenn dieser Turbo in meinem Becken anspringt, der mir das Blut in den Kopf und den Schweiss aus den Poren treibt. Davon zehre ich jedes Mal noch lange. Auch für meine berufliche Qualifikation wäre es sinnvoll und wichtig, jemanden zu haben, mit dem ich all die spannenden Dinge ausprobieren kann, die wir lernen, von denen ich höre und lese, denn Selbsterfahrung ist ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung, schließlich kann ich Männer und Frauen schlecht zu Techniken anleiten, dich ich selber nicht beherrsche. Innerhalb des klaren rituellen Rahmens der Massagen ist das kein Problem, aber meine Ausbildungskollegen wohnen alle viel zu weit weg, als dass ich sie regelmäßig treffen könnte. Und jenseits davon wird es schwierig. Sex ist für mich kein Intimsport, das ist mir in den letzten Jahren sehr deutlich geworden. Er schafft eine tiefe energetische Verbindung, er erzeugt weit mehr Gefühle als Lust und Ekstase. Dafür bin ich im Moment nicht bereit und deshalb habe ich „Tinder“ wieder gelöscht.

Etwas Kreatives?

Ich habe wieder mit dem Stricken angefangen, denn das ist eine Tätigkeit, bei der ich mich im Alltag gut entspannen kann. Ich habe eine Mütze für K.s Tochter gestrickt und fange jetzt mit einer Flötentasche für M. an. Ein Projekt – und sei es noch so klein- mit Erfolg abzuschließen, ist gerade ein wertvolles Erfolgserlebnis für mich.

Ich habe zwei Fotoposts gemacht, im November und im Dezember. Die Qualität der Bilder, die ich mit der Handykamera mache, ist schlecht, aber wenn ich eine bessere Kamera nehmen würde, würde es Tage dauern, die Fotos hochzuladen – so träge, wie unser Internet ist. Ich lerne langsam, meinen Perfektionismus abzulegen und Dinge einfach deshalb zu machen, weil sie mir Spaß bringen – sei das Ergebnis auch noch so unprofessionell. Ist ja schließlich mein Blog und wem es nicht gefällt, der braucht nicht hinzugucken.

Als ich vom Peer-group-Treffen kam, war ich zwar übernächtigt und verwirrt, aber zu meiner eigenen Überraschung dennoch besser drauf als in den Wochen zuvor und habe den Auftrieb genutzt, um mit den Kindern ein größeres Weihnachtsgeschenke-Bastelprojekt zu machen: Origami Schachteln aus Kleisterpapier als Verpackung für selbstgemachte Pralinen. Stundenlang habe ich mit M. Papierbögen mit Tempera grundiert und dann mit Kleisterfarbe bestrichen, die wir anschließend mit Hilfe von verschiedenen Gerätschaften oder auch einfach mit den Fingern verteilt und zu Mustern gestaltet haben. Das war verblüffend einfach und hat zu tollen Ergebnissen geführt. Irgendwann hat M. ihr Oberteil ausgezogen, das immer in die Farbe hing und angefangen, die Finger an der nackten Haut abzuwischen. Sie war so begeistert davon, dass ich ihr vorgeschlagen habe, mit der restlichen Farbe in der Badewanne weiterzumachen. Als ich ihr im Bad beim Ausziehen half, hatte ich plötzlich auch Lust dazu und so kam auch ich unter großem Gekreisch zu meinem ersten Bodypainting.

Mein Fazit

Ich bin froh, dass das Jahr vorbei ist und ich diese Texte für die Blogparade nicht mehr zu schreiben brauche. Das ist jedes Mal viel Arbeit und zum Verlinken und für viele andere Zwecke, für die man Blogposts sonst benutzen kann, ist dieses Format nicht geeignet. Andererseits hätte ich mir sonst nie die Mühe gemacht, mir so genau anzusehen, wie der Monat gelaufen ist und darüber in dieser Form Rechenschaft abzulegen. Ich habe dadurch ein präzises Bild davon, was ich dieses Jahr alles erlebt habe, wie weit ich mich von meinen ursprünglichen Zielen entfernt habe und ihnen dennoch viel näher gekommen bin, als ich mir in meiner Phantasie vorstellen konnte. Dafür hat sich die Mühe allemal gelohnt.

Wir haben gerade die Rauhnächte, so bezeichnet man die 12 Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Diese Zeit ist dazu da, sich mehr dem Innenleben zuzuwenden als der Außenwelt, zur Ruhe zu kommen und sich auf das zu besinnen, was wichtig ist. Jede Nacht ist einem Thema, einer Frage gewidmet, die man mit in den Schlaf nehmen kann. Für die vergangene Nacht lautete sie: „Was mache ich am liebsten? Was bringt mein Herz zum Leuchten? Wobei empfinde ich Erfüllung und tiefe Freude?“ Ich habe davon geträumt, mit den Leuten aus meiner Ausbildungsgruppe in dem großen Seminarraum zu tanzen.

Dazu passt dieser Text, den ein Mann aus der Gruppe uns gerade geschickt hat:

Ich segne die Nacht, die mein Herz nährte um die Geister der Sehnsucht ins Fließen zu befreien und die Traumgestalt, die kam, um aus dem Dunkel unsichtbares Brot für den Hunger zu ernten.

Alles, was ewig in mir ist heißt das Wunder dieses Tages willkommen, das Feld der Helligkeit, das es erschafft.

Das allen Dingen Zeit bietet zu entstehen und zu erleuchten.

Auf den Altar der Morgendämmerung lege ich:

Die stille Treue des Atems,

Das Gedankenzelt, das mir Unterschlupf bietet,

die Welle des Begehrens, der ich Ufer bin,

und alle Schönheit die vom Auge angezogen wird.

Möge mein Verstand sich heute der unsichtbaren Geographie bewusst werden die mich zu neuen Grenzen einlädt, das tote Gehäuse der vergangenen Tage zu zerbrechen, zu riskieren, gestört und verändert zu werden.

Möge ich heute den Mut haben das Leben zu leben, dass ich lieben würde, meinen Traum nicht länger hinaus zu schieben, sondern endlich das zu tun, wofür ich hierher gekommen bin und mein Herz nicht länger an die Angst zu verschwenden.

John O’Donohue

Ich wünsche euch viel Mut und viel Liebe für das neue Jahr!