Kummerland

Heute ist mein Geburtstag. Ich habe die letzte Nacht alleine in meinem Bett verbracht. Das ist gut, das ist das, was ich gewollt habe. Aber vielleicht ist es auch nicht genau das, was ich gewollt habe. Ein bisschen habe ich gehofft, dass meine kleine Tochter M. wach wird und sich zu mir ins Bett kuschelt. Dass sie ihre schmale Hand in meine Hand schiebt und ihre kalten Füße zwischen meine Schenkel – weil es da immer so schön warm ist, wie sie sagt. Aber sie ist nicht wach geworden.

19 Jahre lang haben wir immer in unsere Geburtstage reingefeiert, jedes Jahr. Dieses Jahr nicht. Ich war den Tag über bei einer Freundin und kam mit M. erst zum Abendessen nach Hause. Als ich sie ins Bett brachte, hörte ich, wie unten im Wohnzimmer ein Blumenstrauß auf den Couchtisch gestellt und die selbstgebastelten Geschenke der Kinder ausgebreitet wurden. Ich ging früh ins Bett und trödelte noch ein bisschen bei facebook herum. Ich war müde, aber ich konnte nicht einschlafen. Ich überlegte, ob ich morgens einen Geburtstagspost machen wollte und suchte nach einem passenden Zitat. Dann fiel mir ein Schlager ein, zu dem wir beim letzten Seminar getanzt hatten: „Ich will alles“ von Gitte Haenning. Ich schrieb einen launigen Spruch dazu, bereitete den Post vor und klappte das Laptop zu. Ich konnte immer noch nicht einschlafen. Alle halbe Stunde guckte ich auf die Uhr. Um 12 klappte ich das Laptop wieder auf und drückte auf „posten“. Jetzt hatte ich Geburtstag. Zum 46. Mal in meinem Leben. Ich legte mich wieder hin, versuchte meine kalten Füße in meinen Kniekehlen zu wärmen und schlief nach einer weiteren Stunde ein.

Morgens weckte mich M., ich ging im Nachthemd die Treppe runter. Unten standen meine beiden Kinder und mein Mann, der nicht mehr mein Mann ist. Ich weiß noch nicht, wie ich ihn jetzt nenne soll. Sie haben „Happy Birthday“ gesungen und ich habe sie umarmt und mich bedankt, wie jedes Jahr. Und doch ist alles ganz anders dieses Jahr. Ich habe die Geschenke ausgepackt und den Blumenstrauß bewundert, dann haben wir uns an den mit Kerzen geschmückten Frühstückstisch gesetzt. Schweigend haben wir gegessen, niemand hat viel heruntergekriegt.

Vor anderthalb Wochen haben wir den Kindern gesagt, dass wir uns getrennt haben. Die Große hatte damit gerechnet, der Sohn hat still geweint und die Kleine laut. Es war schrecklich. Aber es war auch befreiend, es endlich auszusprechen. Jetzt sind wir im Niemandsland. Das Alte ist nicht mehr und das Neue erst eine Ahnung am Horizont. Ich weiß, dass ich das einzig Richtige tue, aber es fällt mir schwer, froh darüber zu sein und die Aufbruchstimmung zu geniessen. Im Angesicht von all dem Leid, das ich verursacht habe – darf ich da glücklich sein? Ich erlaube mir ja nicht mal, selber traurig zu sein. „Du darfst auch mal weinen, Mama!“ hat meine große Tochter gesagt, als ich vor ihr stand, die Züge starr von der Last der Verantwortung. Heute Abend kommt sie, um mir einen Kuchen zu backen und ein Glas Sekt mit mir zu trinken. Vielleicht sollte ich mir heute Abend ein paar Tränen schenken.