Point of no Return

Ich habe mich vor zwei Wochen von meinem Mann getrennt. Dieser Satz klingt banal und doch kostet es mich Überwindung, ihn niederzuschreiben, denn so alltäglich und gewöhnlich dieser Vorgang ist, so gravierend wird er für mich und mein kleines Universum sein. Er ist der Wendepunkt in einer Beziehung, die ich vor fast zwanzig Jahren eingegangen bin und in der ich fast die Hälfte meines Lebens verbracht habe. Es waren Jahre mit viel Licht und viel Schatten und mir ist klar, dass die wechselvollen Zeiten noch lange nicht vorüber sind, habe ich doch am Beispiel meines Mannes miterlebt, wie anspruchsvoll die Aufgabe ist, gemeinsam Eltern zu bleiben, nachdem man sich als Paar getrennt hat. C. war 5 Jahre alt, als ich meinen Mann kennenlernte und sie konnte sich schon nicht mehr daran erinnern, wie es war, als ihre Eltern noch zusammengelebt haben, so lange lag die Trennung zurück. Inzwischen ist C. 25 Jahre alt und ihr Vater und ich haben drei gemeinsame Kinder. Diesmal ist die Ausgangslage also um einiges schwieriger als die, die ich damals vorgefunden habe.

Es ist jetzt zweieinhalb Jahre her, dass wir den dicken Vorhang aus Schweigen beiseite gezogen und angefangen haben, uns den realen Stand unserer Liebesbeziehung, unserer Ehe, unseres Familienlebens und unserer jeweiligen persönlichen Verfassung anzusehen. Das war hart, aber es war erst der Anfang. Hinter dem ersten Vorhang verbarg sich ein zweiter und dahinter noch viele weitere. Hinter der schönen Fassade, um die uns viele beneidet haben, hatten wir uns tief verstrickt und eingegraben in Abhängigkeiten, Angst, Sucht, Depressionen und Lügen. Es war nicht angenehm, das alles ans Licht befördern und ansehen zu müssen. Und uns klar zu machen, welchen Schaden wir uns gegenseitig und unseren Kindern zugefügt hatten – trotz bester Absichten. Wir kamen immer wieder an den Punkt, die Beziehung beenden zu wollen – mein Mann im Affekt und ich, wenn ich es gewagt habe, in mein Herz zu horchen – und nach einem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik fühlte ich mich stark genug, zumindest eine räumliche Trennung zu vollziehen. Doch immer wieder hat mich der Mut verlassen und ich habe glauben wollen, dass doch noch ein Weg daran vorbei führt.

Aber die ganze Zeit ist etwas in mir gewachsen: das Bewusstsein für meinen eigenen Wert. Jedes Mal, wenn ich mich aus dem Haus bewegt habe, habe ich Menschen kennengelernt, die mich anders behandelt haben, als ich es aus meiner Ehe und aus meiner Ursprungsfamilie gewohnt war: In der Klinik, in meiner Therapiegruppe, in dem Männer-Selbsthilfe-Netzwerk von meinem Mann, in meiner Tantramassage-Ausbildung und auch durch dieses Blog. Da waren Männer und Frauen, die mich respektiert und geachtet haben, die mir gesagt haben, wieviel es ihnen bedeutet, dass ich so bin, wie ich bin, mit all meinen Fehlern und Schwächen, die Klarheit, Ehrlichkeit, Schönheit, Mut, Stärke, Wärme, Liebe, Reife, Poesie, Klugheit und Begabungen in mir gesehen und mir das so lange gesagt haben, bis ich all das endlich selber in mir sehen konnte, die den Kontakt mit mir schätzen, ohne dass ich viel dafür leisten muss, die mir im gleichen Masse vertrauen, wie ich ihnen vertraue, die mir zugeneigt sind, ohne mich an sich binden zu wollen, die einen Teil ihres Lebens mit mir teilen, ohne dass daraus Abhängigkeiten und Ansprüche entstehen. Und ich habe erlebt, dass die Liebe von Männern nicht bedrohlich und verpflichtend sein muss, dass sie mich nicht gefangen halten muss, sondern dass ich sie als eine Form von Wertschätzung genießen darf und kann, auch ohne ihr zu entsprechen. In mir ist das Bewusstsein gewachsen, dass ich so behandelt werden möchte, wie diese Menschen mich behandeln und dass ich nichts weniger verdiene als das.

Als vor zwei Wochen wieder eine Sturmflut kam, war dieses Bewusstsein zum ersten Mal stärker als meine Angst. In meinem Inneren war nicht mehr das nagende Gefühl, selber schuld zu sein, etwas falsch gemacht und es nicht anders verdient zu haben, sondern Wut und die plötzliche Gewissheit, dass alles besser sein wird, als mich weiterhin von meiner Angst beherrschen zu lassen. Es war ein Blogpost von „Mama arbeitet“, der mir an diesem entscheidenden Punkt den Rücken gestärkt hat. Durch ihren Text wurde mir klar, dass häusliche Gewalt nicht erst bei körperlichen Übergriffen anfängt, sondern viel früher. Und dass es einen Punkt gibt, an dem frau aufhören muss zu hoffen und zu warten, an dem sie handeln muss, für sich und für ihre Kinder. „Warum macht Papa dich immer runter?“ hat mein Sohn mich vor einem Jahr unter Tränen gefragt. Ich wusste keine Antwort auf seine Frage. Ich weiß die Antwort immer noch nicht. Aber ich weiß jetzt, dass es nicht meine Aufgabe ist, sie zu beantworten. Es ist meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass er es nicht mehr tut.

Dieses Blog zu schreiben, hat mir das letzte Jahr über sehr geholfen. Indem ich meinen Gedanken und Gefühlen, meiner ganz eigenen Wahrheit und Realität hier einen Raum gegeben habe, konnten sie immer grösser werden und eure Wertschätzung dafür hat mir geholfen, mich selber zu schätzen und ernst zu nehmen. Das bedeutet mir viel und dafür möchte ich euch danken.