Gute Absichten 2014 – September/ Oktober

Hier ist es gerade sehr turbulent, sowohl in meinem Leben als auch auf diesem Blog. Aber es ist wenig passiert, was in meine „Gute Absichten“-Reihe für die Blogparade passt und die beiden wichtigsten Ereignisse der letzten Monate habe ich bereits gesondert verbloggt. Daher die lange Pause.

Der Text über meine Trennung ist mit großem Abstand der erfolgreichste, den ich jemals gepostet habe, vor allem dank @junaimnetz und @mama_arbeitet, die ihn bei Twitter empfohlen haben. Während ich Sonntagabend auf dem Sofa saß und mit meinem Sohn einen Film anguckte, explodierte die Statistik förmlich und innerhalb von drei Stunden hatte ich über 1000 Klicks auf meinem Blog, der sonst an guten Tagen um die 100 verzeichnet. Seitdem gab es nur noch gute Tage und sehr gute Tage. Das ist toll, aber auch etwas verwirrend. Ist das Solidarität? Anteilnahme? Vielleicht auch ein Quentchen Voyeurismus? Auch die durchgehend positive Resonanz hat mich überrascht, ich hatte mit kritischen Stimmen gerechnet, denn ich war selber nicht sicher, ob das Thema überhaupt für einen Blogpost geeignet ist. Stattdessen bekam ich viele verständnisvolle, aufbauende Kommentare, die mich sehr berührt haben. Aber ich fühle mich nicht sonderlich grandios damit, diesen Schritt getan zu haben. Ich hatte mir das alles anders vorgestellt, als ich vor knapp 19 Jahren geheiratet habe. Doch die Trennung ist überfällig gewesen, das merke ich daran, wie wenig sie mich emotional bewegt. Über Wut, Trauer, Schmerz, Bitterkeit, Enttäuschung bin ich lange hinweg, dafür war in den letzten Jahren und in 60 Stunden Paartherapie schon ausreichend Zeit.

Im Vordergrund steht jetzt die Frage, wie es weitergeht. Wie und wann wir es den Kindern sagen, wie wir in Zukunft leben wollen und können, miteinander und doch ganz anders als bisher. Wir überlegen, ob mein Mann in den Anbau von unserem Haus zieht, der sich leicht zu einer separaten Wohnung umbauen lässt. Das wäre kostenneutral und praktisch wegen der Kinder. Aber werde ich dann nicht fast genauso überwacht, kontrolliert und gegängelt werden wie bisher? Werde ich dann genug Freiräume für mich haben und für die Menschen, die mir wichtig sind und die mir gut tun? Ist das dann wirklich ein Neuanfang? Ich sage mir, dass ich geduldig sein muss, aber das bin ich doch schon mein Leben lang gewesen. Ich sage mir, dass er Zeit braucht und dass es ihm nicht gut geht, aber ich fühle mich wie sein Punchingball. Ich bin zuversichtlich, wenn er einsichtig ist und wir konstruktive Gespräche führen doch ich sollte es besser wissen, denn auf das Zuckerbrot folgt zuverlässig der nächste Peitschenhieb. Er denkt, dass ihm ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik helfen könnte und ich denke das auch.

Habe ich mir diesen Monat Raum genommen für …

Etwas Schönes?

Ich bin seit Monaten das erste Mal wieder in die Stadt gefahren, um meine Freundin I. zu besuchen. Mal wieder stundenlanges Quatschen, Baguette und Käse, ziemlich viel Rotwein, danach mit der letzten Bahn quer durch die große Stadt, zunächst unter der Erde, dann durch Kleingartensiedlungen und Wäldchen und auf dem leeren Marktplatz in mein Auto steigen, das schon Raureif angesetzt hat. Mit 20km/h fahre ich die letzten beiden Kilometer, hier ist kein Mensch mehr zu sehen, nur verkehrsberuhigte Straßen, gediegene Einfamilienhäuser mit Spielgeräten hinter den Hecken, nach dem Ortsschild wilde Wiesen mit dösenden Rindern und der Hofladen, vor dem die schicken Mamis aus dem Speckgürtel samstags ihren ökologischen Wocheneinkauf in den blitzblanken Geländewagen laden, während Papi mit den Kindern glückliche Tiere anguckt. Vorsichtig bin ich am Rande unseres Dorfprojektes die Zufahrt mit den Schlaglöchern hochgefahren, habe den Wagen geparkt und bin im Schein meiner Taschenlampen-App um unser Haus gegangen. Drinnen war alles dunkel, doch als ich leise ins Bett gekrochen bin, war mein Mann noch wach. Seit ich ihn damals betrogen habe, ist er immer wach gewesen, wenn ich nach Hause gekommen bin. Vorher bin ich auch selten weg gewesen. Da ist er immer weg gewesen.

In den Herbstferien habe ich mit der kleinen M. eine Woche Urlaub gemacht. Das war anstrengend, weil sie noch nie alleine mit mir verreist und noch nie so lange mit der Bahn gefahren ist, aber wir haben auch viel Spaß gehabt und viel erlebt. Wir haben zuerst K. und dann T. besucht, zwei Ausbildungskollegen von mir, die selber Kinder haben. Wir waren auf dem Rummel und auf vielen Spielplätzen, ich habe mit T. zusammen massiert und mir von ihr das Nähen auf der Maschine beibringen lassen.

Etwas für mich?

Ich habe gegen den Widerstand meines Mannes meine Ausbildung fortgesetzt und das positive Feedback, das ich bekomme, bestärkt mich auf diesem Weg. Ich denke intensiv darüber nach, in welche Richtung ich mich weiterentwickeln will. Es gibt so viele Möglichkeiten und so Vieles, was mich interessiert, vor allem die Frauenmassage.

Bis zum Ende meiner Ausbildung dauert es noch zehn Monate, aber seit Modul 2 dürfte ich schon Geld für meine Massagen nehmen, Geld, das ich dringen brauche, um unabhängiger zu werden. Aber der Schritt erscheint mir noch zu groß. Seit ich bei Modul 1 erlebt habe, wie angreifbar ich mich fühle, wenn ich einem Mann eine Intimmassage gebe, habe ich mich viel damit beschäftigt, welche Erfahrungen ich bisher mit Männern gemacht habe und warum und meinte diesmal, wo es ja um nichts anderes ging, gut gewappnet zu sein. Und doch ist wieder ein ähnlicher Film in mir abgelaufen: Von dem Moment an, wo mein Partner im Vorgespräch sagte, er habe mich ausgewählt, weil er mich sinnlich, erotisch und attraktiv fände, ging es los: Schublade auf, Mann rein, Schublade zu. Meine Projektion war, dass er nicht mich sieht, sondern ein Klischee. Ich habe ihm eine professionelle, technisch tadellose Massage gegeben, aber eine Tantra-Massage soll die Seele berühren, nicht nur den Körper. Das ist mir nicht gelungen und ich war hinterher zu Tränen erschöpft, fühlte mich missbraucht, ausgeweidet und wütend, furchtbar wütend. Ich bin mit T. raus gegangen, runter vom Gelände, wir haben mit den nackten Füssen im Gras rumgetrampelt und den Deich angeschrien. Danach ging es mir besser, ich war wieder im Gleichgewicht. Doch das schale Gefühl, dass seine Blicke an mir kleben, dass er alles, was ich tue, beobachtet, jeden Bissen, den ich zum Mund führe, jede meiner Bewegungen beim Tanzen, alles, das ist geblieben. Da muss ich wohl noch mal ran.

Etwas Altes?

Noch nicht, aber das wird bald losgehen, denn – egal wie wir uns zukünftig organisieren – in jedem Fall wird hier alles auf den Kopf gestellt

Und V., der Mann mit den traurigen Augen? Ich weiß nicht, ob meine Seele schon etwas von ihm gelernt hat. Aber eine Weile lang habe ich fasziniert die komplexe Interaktion zwischen uns beobachtet: Meine Impulse, immer weiter auf ihn zuzugehen, wenn er zögert und Vorbehalte artikuliert und seine Impulse, sich ins Hemd zu machen, wenn ich sage, dass ich ihn mag und trotz allem mit ihm befreundet sein möchte. Da erscheint es vergleichsweise unkompliziert, ein rohes Ei durch ein Nadelöhr zu fädeln. Ich habe meine Energie da erst mal rausgenommen. Loslassen ist nämlich auch etwas, was ich gerade lerne. Immerhin ist es uns gelungen, ein paar Sachen zu klären und wir sind im Kontakt. Vielleicht geht es auch nur darum, nicht schon wieder einen Teil meines Lebens auf Nimmerwiedersehen versenkt zu haben. Nicht schon wieder verbrannte Erde hinter mir zu lassen. Das habe ich schon viel zu oft getan.

Etwas Neues?

Da war viel Neues in den letzten beiden Monaten. Auf dem Tantra-Massage-Seminar habe ich gleich nach der ersten Yonimassage, bei der mein Gebärmutter viel Aufmerksamkeit bekam, meine Menstruationsblutung bekommen. Das war eigentlich ein Grund zur Freude, denn es ist in den letzten zwei Jahren (trotz meines üppigen Östrogen-Status) nur ungefähr fünfmal vorgekommen, erschien mir aber zu diesem Zeitpunkt doch sehr lästig und unpassend. Die Seminarleitung hatte für diesen Fall Soft-Tampons dabei, kleine Schwämme, die bei der Massage nicht stören. Aber nachdem ich immer wieder vergessen hatte, danach zu fragen und nachdem O. im Kreis der Frauen erzählt hatte, dass die Menstruation für sie etwas Heiliges sei, ein Reinigungsritual ihres Körpers und dass sie schon mal in den Wald gegangen sei, um ihr Blut in die Erde fliessen zu lassen, wurde mir klar, dass ich mein Blut gar nicht zurückhalten und verstecken wollte. Bei den nächsten Massagen habe ich es also in Absprache mit meinen Partnern (zunächst besagter O. und dann einem Mann) fließen lassen. Das war eine neue und sehr schöne Erfahrung für mich. Ich fand es nicht peinlich, sondern durch und durch weiblich und es hat weder mich noch irgendjemand sonst gestört.

Neu für mich war auch, einfach alleine mit einem Kind quer durch Deutschland zu fahren, das habe ich noch nie gemacht. Und ich bin zum ersten Mal Autoscooter gefahren!

Ich hatte den ersten Sex seit der Trennung. Das war ganz leicht und selbstverständlich und doch, als hätte ich einen Bann gebrochen, als hätte ich Dornröschen aufgeweckt. Schön war das.

Etwas Kreatives?

M. brauchte für die Schule einen Beutel für die Rechenhilfen und ein Tastsäckchen und statt diese Aufgabe an eine näherfahrene Mutter zu deligieren, habe ich beschlossen, die Sachen selber anzufertigen. Und dann kam mir die Idee, dass T. doch so gut und so gerne näht und das wiederum brachte mich auf den Gedanken, sie zu besuchen. Vor Ort hat sich dann herausgestellt, dass M. im Kindergarten schon so gut nähen gelernt hat, dass sie das Tastsäckchen selber anfertigen und ich mich ganz auf den Beutel konzentrieren konnte. Auf den bin ich wirklich stolz. Ich habe ihn in Patchworktechnik genäht und gefüttert und  und es macht mir auch nichts aus, dass jeder den applizierten und von Hand bestickten Schmetterling für eine Schnecke hält.

Mein Fazit

Ich komme mir vor wie im Auge des Sturms. Das ist die Phase, vor der ich am meisten Angst hatte. Am liebsten würde ich wegrennen. Aber ich habe Kinder. Ich werde bleiben und ich werde kämpfen. Ich werde mich nicht wie ein kleines Mädchen behandeln lassen und ich werde mich auch nicht so verhalten. Es ist Zeit, endlich erwachsen zu sein und das macht mir zwar immer noch manchmal Angst, aber es fühlt sich auch verdammt gut an,.

Ähnlich geht es mir mit meinem Blog. Bei dem Seminar waren einige Teilnehmer, die den Blogpost gelesen hatten, in dem ich von Modul 1 berichte, denn das Ausbildungsinstitut hat ihn als Referenz auf seiner Homepage verlinkt. Irgendwann sagte jemand „Sag mal, bist du das, die das geschrieben hat?“ oder „Übrigens: Ich habe deinen Text gelesen.“ Das war eine neue Situation für mich. Ich habe überlegt, was für ein Bild sie wohl von mir hatten, bevor sie mich persönlich kennengelernt haben. Und ob ich diesem Bild entspreche. Ob sie enttäuscht sind oder überrascht und was sie jetzt wohl von mir denken. „Ich bekomme die beiden nicht zusammen, die Frau, die hier vor mir steht und die Frau, die das Blog schreibt“ sagte ein Mann. Das ging mir auch so. Aber ich bin hier so authentisch wie da. Die Brüchigkeit, die sich in meinen Texten zeigt, die übersieht man leicht, die zeige ich nicht gern und die ist mir selber bei diesen Seminaren ganz fern. Mein Leben hat so viele Farben wie meine Gefühlswelt und sie ergeben alle zusammen ein Bild, das ich selber erst zu verstehen beginne. Vielleicht schaffe ich es irgendwann, das alles in Deckung bringen, unter meinem richtigen Namen zu schreiben und euch ein Foto von mir zu zeigen, auf dem mehr zu sehen ist als meine Hand.