Eine Woche Tantra, oder: Ich war da, wo die Liebe ist

Letzte Woche bin ich vom zweiten Modul meiner Tantra-Massage-Ausbildung zurückgekehrt. Es ist anders als letztes Mal. Ich bin noch nicht ganz wieder da und ich fühle mich weniger kraftvoll, dafür gelöster und offener. Ich habe etwas zugenommen, meine Hüften und mein Bauch sind weich und meine Haut ist vollgesogen mit Massageöl, Sinnesfreuden und Glücksgefühlen. Als ich vorhin durch die Herbstsonne gefahren bin, durch die Farben, die ich so liebe, habe ich voll Überschwang die Fenster geöffnet, laut die Popsongs im Radio mitgesungen und mit den Fäusten gegen das Autodach getrommelt. Jeder, der mich missbilligend ansah, bekam ein strahlendes Lächeln von mir geschenkt und ein „Namasté!“

Aber am Anfang war wieder die Angst. Je näher der Termin rückte, desto stärker überkam mich das ungewöhnlich dringende Bedürfnis, mein äußeres Erscheinungsbild zu optimieren. Pediküre, Enthaarung, Kosmetik, Körperpflege, all die Dinge, auf die ich normalerweise kaum Zeit und noch weniger Geld verwende, erschienen mir plötzlich sehr bedeutsam. Es ist dann bei einem kostenlosen Modellschnitt beim Friseur geblieben, aber die Erkenntnis lag nahe, dass ich wohl doch nicht so cool bin, wie ich gerne wäre. Zu einem Seminar zu fahren, um eine Woche lang Intimmassagen zu geben und zu bekommen, das erschien einerseits konsequent, hatte ich doch Modul 1 und die erforderlichen Probemassagen und das Peergroup-Treffen erfolgreich absolviert, aber andererseits völlig abwegig, ein großes Abenteuer, eine gewagte Reise in die Tiefen und Untiefen meiner Sexualität. Außerdem wusste ich, dass viele neue Leute dabei sein würden, Quereinsteiger und sogenannte „Auffüllmänner“, um den Überschuss an Frauen auszugleichen. Neugierde und Nervosität, Vorfreude und Vorbehalte hielten sich die Waage. Das Thema war „Vertrauen“, Vertrauen zu Männern, aber vor allem wohl zu mir selber. Ich hatte Angst, dass etwas passieren könnte, was mich aus der Bahn werfen würde oder dass einfach gar nichts passieren würde. Ich hatte Angst, für attraktiv gehalten zu werden und ich hatte Angst, nicht für attraktiv gehalten zu werden.  Ich hatte Angst, dass ich sehr viel Lust empfinden könnte oder dass ich überhaupt keine Lust empfinden würde. Und ich wusste nicht, was schlimmer wäre. Mir war ständig kalt, mein Brustkorb fühlte sich an, als wäre er in ein Korsett geschnürt und ich war ziemlich sicher, eine Blasenentzündung zu bekommen.

Die Spannungen zwischen meinem Mann und mir waren noch grösser als beim letzten Mal. Sie sind über die Wochen immer stärker geworden, bis ich zum Schluss nicht mehr wusste, wie ich die letzten Tage überstehen sollte: Seine Anspielungen und Sticheleien vor den Kindern, seine Drohungen, seinen Argwohn, die Packung Kondome, die er oben auf den Stapel mit meinen gepackten Sachen gelegt hatte. Es hat mich viel Kraft gekostet, mich immer wieder grade zu machen, den Dreck, den er auf mich geworfen hat, abzuschütteln, mich zu schützen und doch so gut es ging offen zu bleiben im Kontakt. Am Anreisetag habe ich dann gemerkt, dass ich diesen Zustand keine Stunde länger ertragen konnte und habe den Moment, als ich alleine zu Hause war, genutzt, um mich wie ein Teenager heimlich zur Tür hinauszuschleichen, mit dem schweren Gepäck die Dorfstraße hinunter bis zum Bus, immer noch die Angst im Nacken, dass er mich irgendwie aufhalten könnte. „Bitte verzeih mir, aber ich ertrage nicht mehr“ habe ich geschrieben und am Bahnhof gerade noch den nächsten Zug in die Stadt erwischt. Ich war viel zu früh, egal, alles war besser als noch länger der Ungewissheit ausgeliefert zu sein, was als nächstes passieren würde.

K. hat mich vom Bahnhof abgeholt und ich konnte es nicht abwarten, endlich wieder da zu sein und alles hinter mir zu lassen. Durch den Deich zu fahren und dann noch ein kleines Stück bis zu dem Tagungshaus, das wie eine Insel in der Marsch liegt, umgeben von hohen Bäumen und einem verwunschenen Garten. Das weiße, geflügelte Pferd an der Auffahrt ist wie ein Zeichen, dass hier eine andere Welt beginnt, meine Welt, mein Heimatplanet. Hier interessiert es nicht, woher ich komme und wovon ich lebe, hier stehen die Uhren auf JETZT und alles ist möglich. Meine Zellen vibrieren und meine Poren öffnen sich, meine Antennen sind auf Empfang und eine glasklare Wachheit ist in mir, die ich aus meinem Alltag nicht kenne. Hier kann ich die sein, die ich bin. Hier kann ich alles ablegen, die Klamotten, die Sachzwänge, die Konventionen, die alten Rollen und Muster, hier ist alles leicht für mich, hier kann ich nichts falsch machen.

Es gibt keine wichtigeren Fragen als „Wo ist meine Wasserflasche?“, Welchen Tee trinke ich vor der Morgenmeditation und wo trinke ich ihn? Alleine mit Blick auf den Sonnenaufgang oder in Gesellschaft, auf der Bank vor dem Haus?“ „Wo will ich in der Runde sitzen?“ „Von wem möchte ich jetzt eine Umarmung oder wer sieht aus, als könnte er eine Umarmung von mir gebrauchen?“ und „Mit wem möchte ich die nächste Massage machen?“ Die Tage vergehen mit Aufstehen, Anziehen, Meditieren, Duschen, Essen, Reden, Tanzen, Zuhören, Essen, Ausruhen, Ausziehen, Duschen, Massieren, Duschen, Anziehen, Essen, Ausziehen, Massieren, Duschen, Anziehen, Reden, Ausziehen, Schlafen. Eine Viertelstunde vor der nächsten Massage trifft sich das ganze Stockwerk im Gemeinschaftsbad zum Zähneputzen, Waschen, Rasieren, Wasserdampf und Gelächter wabern umher und es riecht nach Shampoo und Freiheit. Kuscheln ist gut gegen Depressionen und Tantra für den Weltfrieden? Ich glaube das sofort. Das Handy brauche ich nur zum Wecken und das Laptop kein einziges Mal. Mein Zimmer benutze ich als Kleiderkammer, ich verbringe die Mittagspausen dösend auf dem Rasen in der Sonne und die Abende auf der Hollywoodschaukel unter dem Sternenhimmel. „Du bist ganz da und du bist eine Frau“ sagt S., nachdem ich sie massiert habe und genauso fühle ich mich.

Diesmal sind Männer und Frauen zeitweilig unter sich. Für mich sind das die intensivsten Stunden des Seminares. Es gibt so viele Masken, hinter denen wir unsere wahren Gefühle verbergen: Trauer, Angst, Unsicherheit, Scham, Wut, Enttäuschung, Schmerz, Hilflosigkeit, Neid. Lachen ist wunderbar, aber nicht, wenn wir damit unsere Gefühle ersticken. Wir lachen über andere und wir lachen über uns selber. Lachen kann verbinden, aber es kann auch eine Fassade sein, hinter der wir uns verstecken und mit der wir andere von uns fern halten. Bei keinem anderen Thema fällt mir das so auf wie bei der Sexualität. Wir lachen, wenn wir eigentlich weinen könnten. Wir lachen, um uns selber zu schützen und um die anderen zu schützen vor all dem, was wir in uns tragen und was sie vielleicht auch in sich tragen. Hinter dem Lachen sind die Tränen und hinter den Tränen ist die Lust. Wir Frauen konnten unsere Tränen miteinander teilen und das hat uns den Weg geebnet, auf die Männer in der Gruppe zuzugehen.

Am letzten Tag hat jeder drei Minuten Wunschzeit im Kreis des anderen Geschlechtes. Es wird viel gestreichelt, geküsst und massiert. Als ich an der Reihe bin, wünsche ich mir, gehalten zu werden. Das ist mein sehnlichster Wunsch und gleichzeitig das Bedürfnis, das zu zeigen mir am schwersten fällt. Acht Männer halten meinen Körper, bis meine Knie nachgeben und ich weinen kann, schluchzen und zittern, endlich etwas abgeben von der Last, die auf meinen Schultern liegt, für ein paar Minuten.

Als ich nach Hause komme, sagt mein Mann, ich würde ihm „schmutzig“ vorkommen. Ich fühle mich nicht schmutzig. Kein bisschen. Ich war noch nie so im Reinen mit mir. Es fällt mir auch immer leichter, Menschen aus meinem Umfeld zu erzählen, welche Art von Ausbildung ich mache. Ich nehme Rücksicht auf die Gefühle von meinem Mann und von meinen Kindern, aber ich selber habe immer weniger das Gefühl, irgendetwas verstecken zu müssen. So groß die körperliche Intimität bei den Massagen auch ist, sie hat über den Moment hinaus keine Bedeutung. Man betritt in dem klaren Rahmen eines Rituales einen Raum, in dem man sich begegnen kann und verlässt ihn hinterher wieder. Zurück bleiben nur Dankbarkeit und Demut. Ich hatte intensive Begegnungen. Ich habe Männer massiert und Männern die Hand auf das Herz gelegt und Männern minutenlang in die Augen gesehen. Ich bin keinem Menschen so nahe gekommen wie mir selber.

Ich bekomme eine Idee davon, dass Sexualität nicht dazu da ist, mir selber zu entfliehen, sondern bei mir anzukommen. „Du bist weicher geworden, vor allem im Umgang mit dir selber“ sagt eine Freundin und das stimmt. Letztes Jahr hatte ich oft das Gefühl, mit Testosteron vollgepumpt zu sein. Ein schneidendes, schmerzhaftes Gefühl im Kiefer, hart und kalt, ein trotziges Aufbegehren, eine unpersönliche Begierde, grobschlächtig, zerstörerisch und brutal, die mich erschreckt hat und die das Potenzial hatte, alles um mich herum zu zermalmen. Ich war im Herzen unempfänglich für Schönheit und Glück, nein, schlimmer noch, sie waren mir unerträglich, weil ich nicht in der Lage war, sie zu genießen. Das ist jetzt anders.

Erst vor ein paar Tagen habe ich angefangen, die Taschen zu leeren, außer meinem Kulturbeutel und dem neuen Lunghi mochte ich zunächst nichts auspacken. Dabei wurde mir klar, dass ich meine Kinder mitgenommen hatte: Das große Tuch für den Massageplatz hat C. letztes Jahr aus Indien mitgebracht, das rote Wolltuch gegen die Kälte habe ich mir von meiner großen Tochter geliehen und das kleine Reisekissen, auf das ich bei den Massagen meinen Kopf gebettet habe, gehört zur Pfadfinderausrüstung von meinem Sohn. Die kleine M. ist mir noch so nah, dass sie ohnehin immer dabei ist.

Ich habe meine Nase in jedes Stück gesteckt, das ich in die Hand genommen habe, in meine Kleidung und in die Handtücher, mit denen ich mir bei den Massagen den Schweiß abgewischt habe und ihr Geruch hat mich an die Gefühle erinnert, die ich an dem Tag hatte, an dem ich sie benutzt habe. Mein Körper riecht ganz anders auf diesen Seminaren, das muss an den Hormonen liegen. Und dann die Bettwäsche: Am liebsten würde ich sie in ein Schraubglas stecken, um ihren Duft zu bewahren und mich immer wieder in den Zustand versetzen zu können, in dem ich dort die Nächte verbracht habe. So habe ich wohl zuletzt als Kind geschlafen. Wenn überhaupt. Diese Art von Schlaf ist eine neue Erfahrung gewesen für mich und ich habe sie mir verdient, indem ich mein Bedürfnis ernst genommen und so lange nach den idealen Bedingungen gesucht habe, bis ich sie gefunden habe. Und dann war es, als wäre ich von einer wärmenden Hülle umgeben, die mir all den Platz gelassen hat, den ich brauche und in der es nichts zu tun gab. Ich durfte einfach nur da sein und zur Ruhe kommen, geborgen und behütet. Mir wird langsam bewusst, wie sensibel mein Geist auf alles um mich herum reagiert, sowohl in meiner Familie als auch auf diesen Seminaren. Ich sehe Dinge, die man nicht sehen kann und fühle, was ich nicht beschreiben kann. Zum Ausgleich brauche ich die Stille. Danke dafür! Danke für alles!

P.S.: Wenn ihr wissen möchtet, warum die Intimmassage Bestandteil der Tantramassage ist, könnt ihr hier näheres über die Yonimassage und hier näheres über die Lingammassage erfahren.