In der Dämmerung

Es ist dunkel und die Gänse kreischen. Im Frühsommer, wenn sie zum ersten Mal auf die Wiese gebracht werden, schnattern und piepsen sie, gegen Ende des Sommers werden ihre Stimmen laut und schrill. In zwei Monaten wird es still sein auf dem Feld hinter dem Haus. Bis zum nächsten Jahr.

C. ist zu Besuch. Er verbringt das Wochenende bei uns. Nächsten Mittwoch geht er für ein paar Monate in eine Klinik. Wir sitzen am Rand der Terrasse und schauen in die Dämmerung. Der Himmel ist nur noch eine Nuance heller als die Silhouetten der Bäume. Die bunte Lichterkette erleuchtet den Schmetterlingsflieder, die Johannisbeersträucher und das blaue Planschbecken, das hochkant an die Hauswand gelehnt steht. Ab und an fällt ein Tropfen von dem Sonnensegel auf meine rechte Schulter. Im Knick raschelt es, vielleicht ist es ein Reh vom nahen Wald oder der Igel. Die Luft ist lau und feucht, in der Ferne grummelt es.

„Darf ich dich noch mal was Tiefes fragen?“ will C. wissen, ohne mich anzusehen. Ich nicke. Ich weiß schon, was er fragen will. „Hast du auch schon mal daran gedacht, dich ganz platt zu machen?“ „Ja“ sage ich und sehe ihn an. Er legt seine Hand auf mein Bein. Er ist erleichtert. Ich erzähle von dem Morgen, als ich schon an der Gartenpforte stand und wieder umgekehrt bin, weil ich Angst hatte, das Auto gegen einen Brückenpfeiler zu steuern, wenn ich alleine zu dem Baumarkt im Gewerbegebiet außerhalb der Stadt fahren würde. Er erzählt, wie er neulich gehört hat, dass Robin Williams gestorben ist und gedacht hat: „So alt werde ich nicht.“

Solche Gedanken kenne ich gut und sie sind noch gar nicht lange her. Der Rest des Lebens schien so endlos, eine Kette von leeren Tagen und ruhelosen Nächten, ewig wiederkehrenden Gedanken, die mich wund rieben und für die ich keine Tränen mehr hatte. Da war der einzige Trost, dass ich einfach aufhören könnte. Dass das eine Möglichkeit wäre. Einen ruhigen Platz zu finden, unter einem Baum, vielleicht einer Buche. In meinen alten Daunenschlafsack gekuschelt, auf dem weichen Waldboden, die Augen zu schließen und Frieden zu haben, mir zu erlauben aufzugeben, mich nicht länger herumzuquälen mit dem Leben, für das ich nicht gemacht bin, für das ich kein Talent habe. Keinen neuen Tag mehr beginnen zu müssen, der doch wieder nicht mein Freund sein würde. In die Nacht zu gleiten, eine gütige Nacht, matt und mild und mütterlich, in deren Armen ich für immer versinken könnte.

Ich erinnere mich noch, wie ich G. im Frühjahr davon erzählt habe. Wir standen im Nieselregen an der Steilküste und sahen hinab auf das Wasser, eine glatte graue Fläche, die am Horizont in einem grauen Himmel verschwamm. „Das würde dann bedeuten, dass du nicht mehr zur Gruppe kommst“ hatte er gesagt, als ihm bewusst wurde, was ich da gerade gesagt hatte. „Ja“ hatte ich geantwortet und ich habe keinen Schrecken dabei empfunden. Es war eine Alternative, ein Faustpfand, ein gutes Gefühl, zumindest das tun zu können, wenn alle anderen Pläne misslangen.

Über den Bäumen am Feldrand blitzt es, weit in der Ferne noch, aber ich sehe, wie die Blätter der Sträucher sich unter den ersten Tropfen bewegen. Ich sehe es, bevor ich es höre. Die Luft ist fast zu schwer zum Atmen und überzieht meine Haut mit einem Hauch von Feuchtigkeit. Ich schließe die Augen und koste die Minuten aus, bis das Sonnensegel dem prasselnden Regen nicht mehr widerstehen kann. Dann erst gehe ich rein.

C. ist müde und legt sich hin. Mein Mann folgt dem Wummern der Bässe, das von der anderen Hälfte unseres Doppelhauses herüberdringt. Die Nachbarn haben zur „Scheiße, der Sommer ist vorbei!“-Party geladen, aber ich gehe nicht hin. Ich setze mich an den Esstisch und schreibe.

Als der Text fertig ist, hat der Regen aufgehört. Ich klappe das Laptop zu, aber ich bin nicht müde. Ich gehe raus. Der Weg um das Haus ist mit roten Tüchern verhängt, als ich sie beiseiteschiebe, empfängt mich ein Potpourrie aus Lampions, Lichterketten, Menschentrauben und Bierbänken. Der Feuerkorb brennt und mein Nachbar füllt Eiswürfel in große Eimer mit Flaschen, von denen sich schon die Etiketten lösen. Lachend legt er mir zur Begrüßung seine kalte Hand in den Nacken. Ich entdecke eine schwarze Halbliterflasche mit Bügelverschluss und werde nicht enttäuscht. Eine Stunde lang höre ich einer jungen Nachbarin zu, die gerade die Parallelklasse meiner Tochter übernommen hat, dann ziehe ich die roten Clogs aus und gehe rein. Im Bad steht eine Kiste mit schmutzigem Geschirr und auf dem Sofa liegt eine Frau und schläft. Jemand schlingert mir entgegen und fragt nach Orangensaft für den Wodka. Auf einem Holzbalken an der Wand steht mit weißer Fingerfarbe „do what you love“. Ich stelle die leere Flasche zu den Tellern mit Resten von Pizza und Muffins. Die Möbel sind zur Seite gerückt und die Musik ist gut.

Es ist drei Uhr morgens.  Ich bin mitten im Raum. Meine Haare sind zerzaust und das T-Shirt klebt an meinem Rücken. Ich tanze.