Gute Absichten 2014 – Juli

Hier sind schon seit einer Weile Ferien und die Uhren drehen sich anders. Es ist ruhig geworden. Auf dem Esstisch standen zeitweilig nur noch drei Teller und viele Betten waren leer. Die meisten Spielkameraden sind verreist, die Nachbarn auch. Die kleine M. und ich kümmern uns um alles. Wir gießen die Blumen und füttern die Hühner, wir ernten das Obst und leeren die Briefkästen. Manchmal gehen wir zu dem kleinen Badeteich, der zu unserem Dorfprojekt gehört und üben schwimmen. Im Garten steht ein großes Planschbecken. Es gibt gute Tage und andere.

Pünktlich zum Ende der Kindergartenzeit hat M. ihre ersten beiden Milchzähne verloren. Das Abschiedsfest im Kindergarten war herzzerreißend und wunderschön. In den letzten Monaten hatten die Kinder Puppen genäht und sich ein kleines Stück ausgedacht, das sie uns vorgespielt haben. Sie hat einen Zimmermann gemacht. Das Zeugnis von meinem Sohn war mäßig, aber ein paar Tage nach Schulschluss ist er mit den Pfadfindern für drei Wochen zum Paddeln nach Polen gefahren. Wenn sein Gruppenleiter nächstes Jahr aufhört, will er selber eine Horte leiten. Er hat Akustikseiten auf meine alte Gitarre gezogen und versucht, nach YouTube Tutorials ein Lied von Ed Sheeran zu spielen. Der Großen geht es nach wie vor gut, sie schreibt viel über die Pferde, die sie auf dem Hof in Portugal zu versorgen hat. Neulich haben wir mit ihr geskyped. Sie sah glücklich aus. Sie denkt darüber nach, den Realschulabschluss nachzumachen.

Wir verbringen den Sommer zu Hause. Das ist besser so und das Konto ist auch schon wieder leer. Unser letzter Familienurlaub ist zwei Jahre her. Er war schrecklich. Kurz zuvor hatte mein Mann die Geschichte mit V. herausbekommen. Wenn die Kinder endlich in ihren Schlafsäcken lagen, setzten wir uns ins Auto, um zu streiten. Jeden zweiten Abend trennte er sich von mir, um sich am nächsten Abend wieder anders zu entscheiden. Unser Sex fühlte sich bitter und harsch an. Das Wetter tat sein Bestes, um mit unserer Stimmung mitzuhalten: Zwei Unwetterwarnungen wegen Sturm und Starkregen, kaum ein sonniger Tag dazwischen. Am Abfahrtstag goss es in Strömen, wir konnten das riesige, mit Wasser vollgesogene Baumwollzelt kaum in den Anhänger heben, so schwer war es. Zu Hause bauten wir es wieder auf, ließen es trocknen, machten es sauber und packten es sorgfältig ein. Wir konnten uns beide nicht vorstellen, dass wir darin noch mal zusammen Urlaub machen würden und haben es seitdem nicht mehr vom Dachboden geholt.

Neulich hatte ich einen Termin zur Mammographie. Meiner Mutter musste vor ein paar Jahren wegen einer Krebserkrankung eine Brust amputiert werden. Seitdem gelte ich als familiär vorbelastet. Es war der Morgen, nachdem die deutsche Nationalmannschaft die Fussballweltmeisterschaft gewonnen hatte. In einem nagelneuen, vollgekotzten U-Bahn Waggon bin ich in die Stadt gefahren. Ich habe meine alten Röntgenbilder am Tresen abgegeben und wurde in ein Untersuchungszimmer gebeten. Die Arzthelferin trug blaue Gummihandschuhe und brachte meine Brüste sehr geschickt in Position, bevor sie sie zwischen den abgerundeten Plexiglasplatten platt quetschte. Als ich sagte, es würde weniger weh tun als sonst, erwiderte sie, mein Busen sei wie gemacht für diese Untersuchung. Ich habe schallend gelacht. Ich werde immer albern, wenn ich Angst habe. Als ich den nächsten Raum betrat, prangte die Silhouette meiner Brüste schwarz-weiß auf dem großen Monitor, neben den aktuellen Aufnahmen zum Vergleich die von vor zwei Jahren. Für meine Augen sah das Gewebe auf beiden Bildern gleich aus, marmoriert und von feinen Adern durchzogen. „Soweit alles in Ordnung“ sagte die Ärztin und bat mich auf die Liege. Sie verteilte großzügig kaltes Kontaktgel auf meinem Oberkörper, schob mir ein Kissen unter die Schulter und strich mit der Ultraschallsonde langsam von den Lymphknoten unter den Achseln bis zur Mitte der Brust. Auch hier war kein Befund. Sie gab mir einen Stapel Papiertücher, damit ich das Gel abwischen konnte, tippte die Daten in den Computer und sagte, ich solle nächstes Jahr wiederkommen. Ich zog mein T-Shirt wieder an und verließ die Praxis. An der U-Bahn kaufte ich mir zur Belohnung ein Marzipancroissant und fuhr nach Hause. Zumindest war ich nicht wieder ohnmächtig geworden.

Habe ich mir in diesem Monat Raum genommen für …

Etwas Schönes?

In den letzten drei Jahren habe ich viel therapeutische Unterstützung gehabt. Meine Einzeltherapie ist schon seit Anfang des Jahres abgeschlossen und in den letzten Wochen war die Überzeugung in mir gereift, nach einem Jahr Gruppentherapie nun auch diesen „Flankenschutz“ nicht mehr zu brauchen, sondern mich jetzt mit allen verfügbaren Mitteln und Kräften auf meine Ausbildung konzentrieren zu können und zu wollen.

Deshalb war das monatliche Treffen meiner Körpertherapiegruppe für mich das Letzte. Ein letztes Mal zu dem behaglichen Tagungshaus am Meer fahren und das Wochenende im Kreis der Menschen verbringen, die mich ein Jahr lang durch Höhen und Tiefen begleitet hatten. Schon bei der Begrüßung bekam ich zu hören, ich würde mich ganz anders anfühlen, anders aussehen, anders reden. Ich habe das auch so empfunden. Ich war ganz anders im Kontakt mit den anderen, weil ich mir selber so nah war. Einige Frauen wollten wissen, wie der Tantramassage-Workshop gewesen sei und daher habe ich vorgeschlagen, dass wir uns in der Mittagspause im Garten zusammensetzen. Zuerst war ich unsicher und hatte Angst, sie könnten das alles doch sehr seltsam und befremdlich finden, aber sie waren offen und neugierig und haben sich von meiner Begeisterung anstecken lassen. Ich habe mich wohl gefühlt, gut aufgehoben und zugehörig in ihrer Mitte.

Auch die Verabschiedung war eine neue Erfahrung für mich: Ich konnte und durfte in Frieden gehen, dankbar und bereichert, ohne ein Gefühl von Schuld und Verrat oder von Wehmut und Fremdbestimmung. In der Abschlussrunde habe ich gesagt, dass ich gerne noch mal den großen Gong schlagen würde. Als ich vor einem Jahr zum ersten Mal in der Gruppe war, hat ein Mann ihn zum Klingen gebracht und ich musste sofort weinen, ohne irgendeine Ahnung zu haben, warum. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, mich jemals zu trauen, das selbst zu tun. „Willst du es gleich jetzt machen?“ fragte der Therapeut. Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde warten, bis die anderen beim Mittagessen waren. Aber ich nahm allen Mut zusammen und stellte mich vor die Gruppe, neben den Gong, der einen Durchmesser von einem Meter hat. Es war überwältigend. Ich habe mit dem großen Klöppel drei Mal in die Mitte geschlagen, jedes Mal stärker, bis die Vibration kaum noch auszuhalten war und mich ganz und gar durchgeschüttelt hat. Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich glaube, ich habe oft Angst vor meiner eigenen Kraft.

In den letzten zwei Jahren bin ich mehr unterwegs gewesen als in den fünfzehn Jahren davor. Aber es ist immer noch ungewohnt, für mich und für meine Familie. Da mein Mann jetzt wegen meiner Ausbildung öfter die Verantwortung für Haushalt und Kinder übernehmen muss, fällt es mir erst Recht schwer, zu sagen, dass ich darüber hinaus auch noch zum puren Vergnügen Zeit außerhalb der Familie verbringen möchte. Doch einmal habe ich meine alte Lederjacke angezogen und mich mit G. in der Stadt getroffen. Wir haben in meinem Lieblings-Asia-Imbiss Hühnersuppe gegessen und später zwei Flaschen Heineken getrunken, mit den Füssen im Sand und dem Blick auf den Containerhafen.

Nachdem wir nun seit fast neun Jahren wirklich nicht mehr weit von der Küste entfernt wohnen, haben wir es endlich geschafft, mit der kleinen M. einen Tag am Strand zu verbringen. Mein letzter Open-Air-Kinoabend war noch unfassbar viel länger her, damals muss ich um die 20 gewesen sein. Letztes Jahr hatte ich den Versuch unternommen, zu diesem Zweck mit dem Auto in die Stadt zu fahren, aber als ich nach einer Stunde Fahrt, diversen Kapriolen meiner Navi-App und Extrarunden bei der Parkplatzsuche am Ziel war, war schon eine lange Schlange vor dem Eingang und als ich kurz vor der Kasse stand, waren die Karten ausverkauft. Neulich lief dann „Her“ und mein Mann und ich haben Karten vorbestellt, Bier und Chips in den Rucksack gepackt und die kleine M. für die Nacht zu meiner Mutter gebracht. Es fing zwar bald an zu nieseln, aber mit einer Decke über dem Kopfe wurde es wieder gemütlich und der Film hat mir gut gefallen. Ich habe nur nicht begriffen, warum Joaquin Phoenix so bescheuerte Hosen tragen musste.

Vor zweieinhalb Jahren habe ich mir eine Fitness-DVD gekauft. Seitdem hatte ich sie immer mal wieder aus dem Regal geholt und hier und da hingelegt. Aus langjährigen Erfahrung weiß ich, dass viele Dinge sich irgendwann erübrigen, wenn man sie nur  lange genug liegen lässt, aber diese DVD scheint nicht dazu zu gehören. Deswegen habe ich sie heute mal in das Laufwerk meines Laptops eingelegt. M. fand es zuerst ganz lustig, nachzumachen, wie Barbara Becker am Strand von Miami mit dem Po wackelt, aber nach acht Minuten dreißig wurde es ihr zu anstrengend. Ich hatte erwartet, dass ich diejenige sein würde, die früher schlapp macht und fühle mich durch diesen Erfolg nun motiviert, auch ohne sie zu üben.

Etwas für mich?

Ja, das habe ich. Ich habe mir eine Einweisung in die Räume des Institutes geben lassen, in denen ich im April meine erst Tantramassage bekommen habe und habe dort schon einige Probemassagen gegeben und auf dem siebenseitigen Fragebogen protokolliert. Ich habe mit dem Ausbilder telefoniert und mir ein Coaching bei meiner Nachbarin geben lassen, um mein „Männerproblem“ einzukreisen. Ich lese in meinem Skript und in diversen Büchern über Tantra und gucke mir Filme an, in denen Massagen gezeigt werden. Letztes Wochenende bin ich mit der Mitfahrzentrale zu meinem ersten sogenannten „Peer-Group-Treffen“ gefahren. Dort hatten wir eine Praxis gemietet, in der wir uns gegenseitig massieren und zusammen meditieren, tanzen, kochen und auf einem großen Matratzenlager übernachten konnten. Ich habe zwei Massagen bekommen und mit einer anderen Frau zusammen meine ersten beiden Vierhandmassagen gegeben.

Etwas Altes?

Nein. Immerhin versuche ich, im Garten den Anschluss zu behalten, bevor das Unkraut mir wieder über den Kopf wächst. Als ich neulich die Stachelbeeren geerntet habe, die die Vögel übrig gelassen hatten, kam eine Drossel zwischen den Sträuchern auf mich zu gehüpft. Sie legte den Kopf schief und sah mich vorwurfsvoll an, als wollte sie sagen „Das wäre jetzt auch nicht mehr nötig gewesen!“

Etwas Neues?

Ich habe gemerkt, dass es mir gut tut, nackt zu sein oder zumindest oben ohne. Und ich tue das jetzt öfter mal. Ich laufe nackt durchs Haus, springe nackt unter den Gartenschlauch oder ins Planschbecken, lege mich nackt an unseren kleinen Badesee oder auf die Dachterrasse. Nackt, nackt, nackt. Geht doch. Ich dachte, es wäre peinlich, darüber zu schreiben, aber das ist es gar nicht. In der Sonne zu liegen oder im Wasser zu sein, macht mir einfach viel mehr Spaß, wenn ich nichts anhabe. Das ist alles. Nacktheit ist ja eigentlich absichtslos. Wenn ich mir ein hübsches Kleid anziehe oder einen Badeanzug oder Unterwäsche, bezwecke ich ja etwas damit, ich will meine Erscheinung gestalten, bestimmte Akzente setzen, Körperteile betonen oder kaschieren. Ein nackter Körper ist unspektakulär, das fällt mir immer in der Sauna auf. Im Moment ist es auch leichter, weil kaum jemand da ist. Als neulich der erste Papa mit seinen Kindern an den Teich kam, wurde ich kurz unsicher. Er grüßte und guckte mich an, ich guckte und grüßte zurück, er guckte woanders hin. Dann tauchte eine Nachbarin auf. Sie ist Gärtnerin und kam direkt von der Arbeit. Sie zog sich aus, stieg in den Teich, schwamm ein paar Bahnen, scherzte dabei mit den Kindern, stieg wieder raus, trocknete sich ab und zog sich an. Ganz selbstverständlich. Irgendwann kann ich das auch.

Etwas Kreatives?

Diese Rubrik wird langsam zum Problem. Okay, ich habe nach einem neuen Rezept Johannisbeerkuchen gebacken (mit Biskuit und Baiser), der ein grosser Erfolg bei dem Kindergartenabschiedsfest war und bin kreativ darin, die Massen von Broccoli, Buschbohnen, Gurken, Kohlrabi, Fenchel und Zucchini zu verarbeiten, die jede Woche in der Gemüsekiste unserer Wirtschaftsgemeinschaft liegen. Ein Highlight war der Bulgursalat mit gebratenen Zucchini und Zitronenmelisse, den ich mir ausgedacht habe, dazu gab es frische Tomaten und Gurkenlassi.

Auf dem Therapiegruppenwochenende habe ich mal wieder einen externen Schlafplatz fotografiert.

Ach so: Und ich habe ein bisschen Lyrik produziert. Siehe unten.

 

Mein Fazit

Neulich fragte mich eine Freundin, die mein Blog liest, ob ich denn für diesen Monat schon die Sachen gemacht hätte, die ich mir vorgenommen hätte. Ich wusste erst gar nicht, was sie meint. Dann sagte ich „Naja, ich mache die Sachen ja nicht extra, ich schreibe dann nur auf, was von den Sachen, die ich gemacht habe, dazu passt.“ Später fiel mir ein, dass ich das eigentlich anders gedacht hatte. Ich hatte mir vorgenommen, mir jeden Monat Zeit für diese Dinge zu nehmen und die Blogparade zum Anlass dafür zu nehmen, mich immer wieder selber daran zu erinnern. Aber klammheimlich habe ich das vergessen und schreibe nun immer einen Bericht darüber, wie der Monat war. Das ist sehr interessant, denn genau das mache ich schon lange: Ich trotte meinem Leben hinterher, statt es in die Hand zu nehmen und nach meinen Wünschen zu gestalten.

Mein Kopf quillt über von Buchstaben, sie drängeln und schubsen und balgen sich, drehen sich im Kreis und verheddern sich ineinander, denn sobald ich anfange, Fäden daraus zu spinnen, schallt es wieder „Mama!“ durch das Haus. Entweder singt sie oder sie redet und wenn sie weder singt noch redet, dann fängt sie sicher gleich damit an – in dem Augenblick, in dem ich anfange, einen Satz zu schreiben oder ein Telefonat zu führen. Das ist quälend und am meisten quält es mich, dass ich diesen Sommer mit meiner bezaubernden Tochter nicht öfter genießen kann. Mein Gehirn fühlt sich an, als wäre es zusammengeknüllt worden, zugekleistert und fest umwickelt von Wörtern und Gedanken, die nicht meine sind. Ich bin angespannt und müde, alles fällt mir schwer, auch das Schreiben. Ich sehne mich nach Ruhe und Leere, aber wenn ich abends endlich mit allem fertig bin und ein stilles Plätzchen gefunden habe, ist mein Kopf alle. Entsprechend wirr ist dieser Text.

 

Hunger

Ich will den Strand unter dem Pflaster, die Knochen unter der Haut, das Blut unter den Küssen. Ich will lachen und weinen, fliegen und fallen gleichzeitig und immer wieder. Verschlingen und umschlungen werden, beißen und schmecken, riechen und lecken, die Finger vergraben und das Mark erschüttern, alles nehmen und alles geben. Verzehren und verschwenden, unter das Fleisch bis ins Herz fahren und dort finden, was ich immer schon wusste. Sinn oder Sinnlichkeit, Himmel oder Hölle, Wonne oder neue Wunden, alles ist besser als nichts, weil ich manchmal alles sein kann und alles tun muss, um nicht zu ersticken an mir.