Summerblues

Es ist Freitag Abend. Durch das geöffnete Fenster höre ich den Sound des Sommers. Bewässerungsanlagen peitschen in gleichmäßigem Takt Wasserfontänen über die Felder hinter dem Haus, Grillen zirpen, aus der Ferne klingen eine paar Fetzen Musik. Ich sitze im Nachthemd auf dem Bett. Ich sollte schlafen, aber ich will nicht schlafen. Ich will, dass die Nacht mir gehört, wenn ich schon die Tage nicht für mich habe. Tage, an denen ich mich fühle wie eine Nichtschwimmerin im tiefen Wasser, im ständigen Ringen um die Hoheit über meine Zeit. Manchmal könnte ich schreien und um mich schlagen und Sachen durch die Gegend schmeißen oder einfach nur heulen, so überreizt, erschöpft und überfordert bin ich davon, zu tun, was getan werden muss und einfach nur Mutter zu sein. Da zu sein, weil ich gebraucht werde. Tagelang alleine mit meiner kleinen Tochter. Niemand sonst ist da, all die Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle, sind verreist oder bei der Arbeit oder weit weg oder alles zusammen.

Das Internet ist mein Rettungsring gegen die Langeweile und die Einsamkeit und meine Unfähigkeit, mit den Zeitschnipseln zwischen Spielen und Trösten und Essen machen und Vorlesen und Zuhören und Räumen und Waschen und Wischen und Die-Welt-Erklären irgendetwas Sinnvolles anzufangen. Aber manchmal reißt der Sommer auch da ein großes Loch hinein. G. ist mit einem Freund etwas trinken und K. zum Grillen eingeladen und auch sonst ist niemand da, niemand zum Reden oder Flirten, niemand, der mir das Gefühl geben könnte, dass dies nicht ein weiterer verlorener Tag ist, an dem ich nur darauf gewartet habe, dass er vorüber geht. Gefangen zwischen dem sehnlichen Wunsch, etwas in die Hand zu nehmen, was ich auch zu Ende bringen kann und der Angst, nur noch mehr frustriert zu sein, wenn ich es versuche und es mir nicht gelingt. Wenn ich etwas will, wird es immer schwierig. Da ist es besser, nichts zu wollen, sondern möglichst regungslos zu bleiben, damit das Leben ungehindert an mir vorbeiströmen kann. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Wie viele Sommer werde ich noch erleben? Sommer wie diesen, wo es wochenlang heiß und trocken ist, Sommer, in denen mich die Lust überkommt nach Wellen und Sonne und Tanzen und Berührungen, danach, wild und ausgelassen zu sein und mich unter andere Menschen zu mischen, statt ihnen aus dem Weg zu gehen. Manchmal schaffe ich es, ein paar Züge zu schwimmen, mich vom tiefen Wasser tragen zu lassen, statt verzweifelt um mich zu schlagen und nach Luft zu ringen. Neulich habe ich den Tag mit M. am Badeteich verbracht. Sie hat mit den anderen Kindern gespielt und ich habe mir die Sonne auf die Haut scheinen lassen. Als wir nach Hause kamen, waren wir sandig und schwitzig und ohne zu Zögern habe ich mitgemacht, als sie den Gartenschlauch aufgedreht und ihren „Regentanz“ auf dem Rasen vollführt hat. Im nu waren wir nackig und nass und haben rumgekreischt und einen Mordsspaß gehabt.

Hinterher habe ich mir ein kurzes Sommerkleid angezogen und den Tisch auf der Terrasse für uns gedeckt. Wir haben Abendbrot gegessen und den Frosch beobachtet, der mit einem Glucksen in dem Bottich am Fuß der Kräuterspirale verschwand. Vor dem Ins-Bett-gehen wollte M. noch die Tomatenpflanzen auf der Dachterrasse gießen. Immer, wenn die große grüne Gießkanne halb leer war, hat sie sie über ihren Kopf gehalten und übermütig gelacht, während das Wasser ihr im breiten Schwall den Körper herunter lief. Ich spürte, wie es meine Füße umspülte, die auf den warmen Holzbohlen standen und sog tief die erdigen, herben Gerüche ein, die Hitze und Feuchtigkeit dem Garten entlockt hatten. Als sie schlief, schien die Sonne immer noch und ich trug den Liegestuhl aufs Dach, um ihre letzten Strahlen mit einem Gin Tonic in der Hand zu geniessen.

Oft liegen nur ein paar Schritte zwischen Martyrium und Magie, zwischen Selbstmitleid und Seligkeit, aber heute konnte ich sie nicht gehen.

Die Bewässerungsanlage ist verstummt, die Grillen zirpen lauter, in der Ferne rollt ein Güterzug gen Norden. Kühle Nachtluft streicht über meine Beine. Seit einer halben Stunde ist Samstag.