Gute Absichten 2014 – Mai

Langsam erkenne ich mich wieder. Ich werde wieder zu der, die ich mal war. Ich bin noch weit davon entfernt, die bestmögliche Version meiner selbst zu sein und weit davon entfernt, zu wissen, wie die überhaupt aussehen würde, aber ich habe wieder Fuß gefasst in meinem Leben. Nicht, dass früher alles einfach gewesen wäre. Das war es nie. Nicht für mich. Aber so schwer wie in den letzten Jahren war mir das Leben noch nie. So schwer, dass es mich fast erdrückt hätte.

Der Frühling, der beinahe schon sommerlich ist, hat sicher geholfen, wie jedes Mal. Aber die Energie, die mich durchströmt, hat diesmal das richtige Maß. Sie ist nicht reißend und verzehrend, sondern stetig und verlässlich. Ich stehe früher auf und gehe früher schlafen. Ich nehme wieder mehr Verantwortung in die Hände und habe einen besseren Draht zu meinen Kindern. Ich bin mehr auf den Beinen als im Bett. Ich versuche, einen Standard und einen Rhythmus für die Hausarbeit zu finden, den ich bewältigen kann. Ich lungere weniger im Internet herum und mehr im Garten. Die braungebrannten rumänischen Saisonarbeiter, die mit nacktem Oberkörper auf dem Pickup über den Feldweg rumpeln und mir lachend zuwinken, treiben meinen Puls nicht mehr in die Höhe. Neulich habe ich von V. geträumt. Es ging um Abschied. Unser letzter Schriftwechsel ist sechs Monate alt und ich habe kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Seit einer Weile trage ich den Ehering wieder am Finger und wir teilen das Bett miteinander, wenn auch nur zum Schlafen. Meine Augen sehen nicht mehr hungrig, meine Lippen nicht mehr schmal und meine Haut nicht mehr blass aus. Wenn M. sich an mich kuschelt, zärtlich meinen Bauch und Busen tätschelt, die ihr immer noch so vertraut sind und „Du bist schön und lieb, Mama!“ sagt, dann glaube ich ihr.

Ich übe jeden Tag mit L. Französische Verben und lasse mir von ihm Parcours-Videos auf youtube zeigen. Er verbringt viel Zeit im Badeteich und auf dem großen Trampolin und übernachtet mit Freunden in seinem halbfertigen Baumhaus. Ich spaziere mit M. zu dem Drachenbaum im Wald, wo wir so oft mit Arthur waren und genieße die letzten beiden Monate vor ihrer Einschulung, in denen wir morgens noch Zeit haben, im Schlafanzug herumzutrödeln und „Räuber Grapsch“ zu lesen. Ich helfe P. bei ihren Bewerbungen für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr und bin erleichtert, dass sie die Führerscheinprüfung bestanden hat. In M.s Hochbeet wachsen Zuckerschoten, Rauke, Radieschen und Erdbeeren, in der Kräuterspirale Sauerampfer, Pimpinelle und Oregano und auf der Dachterrasse Tigerella-Tomaten. Ich teile an der Küchentür Safteis und Butterbrote aus und stelle selbstgemachte Holunderblütenlimonade, Zitronenbuttermilch oder zumindest eine Karaffe mit Minzwasser auf den Esstisch. Und ich habe Freude an diesen Dingen.

Wir haben den 70. Geburtstag meiner Mutter gefeiert und sie mit einem Tagesausflug beschenkt. Ich habe etwas Make-up aufgelegt, die Kleine zu einem Kleidchen überredet und den Großen zu einer sauberen Hose und dann sind wir alle zusammen losgefahren. Dahin, wo es sonnig und sandig ist und wo uns ein Gutshaus mit einem vegetarischen Mittagsbüffet und einer opulenten Tortenauswahl gelockt hat. Die Kinder haben sich ein bisschen gelangweilt, aber meine Mutter war glücklich über Rapsfelder und Prosecco, die kleine Fähre und die Thermoskanne voll Kaffee und am meisten wohl darüber, sich einen ganzen Tag lang nicht um ihre pflegebedürftige Mutter kümmern zu müssen.

Habe ich mir in diesem Monat Raum genommen für …

Etwas Schönes?
Es ist schwierig. Ich habe wenig Zeit und Geld für mich, dieses Problem teile ich sicher mit vielen anderen Menschen. Aber ich merke, dass es mir überall leichter fällt, den Augenblick zu genießen, als zu Hause. Ich setze mich nicht mit meinem Frühstücksbrett und dem Kaffeebecher auf die Terrasse. Ich lege mich nicht mit einem Buch in den Garten. Ich gehe nicht in der Abendsonne am Feldrand spazieren. Ich halte nicht inne, um den Sternenhimmel zu bewundern, wenn ich vor dem Schlafengehen noch etwas aus dem Schuppen hole. Das ist keine Frage von Zeit oder Geld. Heute Morgen habe ich mir einen Milchkaffe gekocht, als ich vom Kindergarten zurück kam und mir die restlichen Pfannkuchen warm gemacht, statt sie fürs Mittagessen aufzuheben. Darauf bin ich richtig stolz. Sonst mache ich mir immer nur rasch einen löslichen Kaffee und ein Brot, das ich schon auf dem Weg zum Laptop zur Hälfte runterschlinge. Dabei habe ich eigentlich genug Zeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Niemand hält mich davon ab, mir ein leckeres Frühstück zu machen, außer mir selber. Ich kümmere mich um jeden besser als um mich. Das habe ich schon so lange gemacht, dass ich mich kaum noch erinnere, was ich eigentlich gerne esse oder trinke, höre oder tue. Darum habe ich mir eine Liste angelegt, auf die ich eintrage, was ich gerne mag. Immer, wenn mir gerade wieder etwas einfällt. Darauf stehen jetzt so Sachen wie „Cassis-Eis“, „Bitter Lemon“ „die französische Sprache“, „Cat Stevens“ und „barfuß über warme Steine laufen“. Aber dafür, dass ich schon seit ein paar Wochen an dieser Liste arbeite, ist sie bestürzend kurz.

Neulich habe ich im Internet Anziehsachen für die Kinder gekauft und kam tatsächlich, kurz bevor ich auf den „Absenden“-Button geklickt habe, auf die Idee, mir noch schnell ein paar T-Shirts, ein Nachthemd und Unterwäsche zu bestellen. Ein paar der Sachen passten und gefielen mir sogar und ich habe sie behalten.

An meinem Therapiegruppenwochenende konnte ich diesmal nicht bei meiner Freundin I. schlafen. Nach Hause fahren und für eine Nacht und einen Morgen wieder ins Familienleben eintauchen wollte ich aber auch nicht. Ich habe daher Schlafsack und Kulturbeutel mitgenommen und gehofft, dass ich eine Übernachtungsmöglichkeit finde. Nach einigem Hin und Her konnte ich dann zusammen mit zwei anderen Leuten mit zu einer Frau aus der Gruppe gehen. Wir haben unterwegs noch Kebab gegessen und Bier getrunken und dann alle in ihrer gemütlichen Dachwohnung übernachtet, so dass ihr diesmal ein Foto von einem anderen Sofa zu sehen bekommt. Am nächsten Abend bin ich nicht sofort nach Hause gefahren, sondern habe noch die Stimmung auf einem belebten Platz, ganz in der Nähe unserer früheren Wohnung genossen, etwas getrunken und den Tag mit zwei Freunden ausklingen lassen.

Auf meinem Nachttisch liegt jetzt das Buch „Die Yonimassage“ und in meinem Regal steht ein Kanister mit 3,79l Massageöl.

Etwas für mich?
In 10 Tagen fängt meine Ausbildung als Tantra-Masseurin an. Der erste Schritt in eine neue berufliche Zukunft für mich. Ich habe mich oft sehr schwer damit getan, Entscheidungen zu treffen, aber dieses Mal ging es verblüffend schnell und ich bin mir auf eine Weise, die ich selber nicht verstehe, absolut sicher, dass ich das alles unbedingt lernen will. Obwohl ich gleichzeitig manchmal Angst vor dem Neuen habe, das auf mich zukommt. Ich habe den meisten Menschen in meinem Umfeld nur gesagt, dass ich eine Massageausbildung machen und später körpertherapeutisch arbeiten will. Da, wo ich offen darüber gesprochen habe, was ich vorhabe, sind sehr berührende Gespräche entstanden, Momente von großer Ehrlichkeit und Nähe. Vor allem Frauen haben mich zur Seite genommen und hatten viele Fragen, die ich gerne beantwortet habe. Diese Erlebnisse bestärken und bestätigen mich in meiner Wahrnehmung, dass Sexualität, Schoßerweckung und -heilung ebenso wichtige wie unterbelichtete Themen für viele Frauen sind und dass Tantra es verdient, aus dem Zwielicht zwischen Prostitution und Esoterik in die Mitte der Gesellschaft geholt zu werden. Doch die Vorurteile sind da und ich werde mich mit ihnen auseinandersetzen müssen

In den letzten Wochen habe ich viel gearbeitet und das wird in den nächsten Monaten noch mehr werden. Durch einen Vertragswechsel habe ich ein neues Handy bekommen und ich habe es mit Feuereifer mit den besten Apps bestückt, die ich finden konnte – als wäre ich im Begriff, einen Job als Managerin zu übernehmen. Ich habe jetzt eine Navi-App und eine, mit der man schnell schreiben kann und eine, mit der man seine Termine verwalten kann und eine zum Lesen von Feeds und eine für Notizen und eine für die Kamera und eine besonders luxuriöse zum Musikhören.

Etwas Altes?
Im Moment buddele ich viel im Garten. Stück für Stück erobere ich mir die Beete zurück: Erst schneide ich die Sträucher, dann reiße ich die großen Unkrautstauden, die Gräser, Winden und Baumschösslinge heraus, um zu gucken, was von der ursprünglichen Bepflanzung übrig ist. Das ist nicht viel, denn überlebt haben nur die Stärksten und Anspruchslosesten und das sind leider nicht immer die Schönsten. Aber in den Anzuchtkästen wachsen schon viele Blumen heran, mit denen ich im nächsten Jahr die Lücken auffüllen will. Ein Nachbar, der Gärtner ist, hat uns sein Konzept der Gierschvergrämung empfohlen. Er rät, nicht zu versuchen, die Pflanzen mitsamt den Wurzeln auszugraben, sondern sie regelmäßig oberflächlich abzu reißen oder mit der Motorsense zu kürzen. Innerhalb einer Saison, so behauptet er, sei die Plage vorbei. Nach den ersten beiden Runden würde ich sagen, dass der Giersch die Herausforderung angenommen hat. Jedenfalls haben wir jetzt immer frische junge Triebe für den Salat!

Etwas Neues?
Neu ist, dass ich zu einem einwöchigen Workshop fahre, obwohl in dieser Woche viele Termine liegen, bei denen ich mich früher für unentbehrlich gehalten hätte: Das Sommerfest in der Schule, ein Bogenschiessturnier von meinem Sohn, der sechste Geburtstag meiner Tochter, die Abfahrt meines Sohnes zu einer zehntägigen Klassenreise, die Abreise meiner Ältesten zu einem dreimonatigen Portugalaufenthalt und das Sommerfest im Kindergarten. Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich den ersten Teil der Ausbildung in einem anderen Institut machen oder die Reihenfolge der Workshops ändern oder das ganze Vorhaben um ein Jahr verschieben sollte, um meinen Mann und die Kinder nicht in dieser Zeit allein lassen und selber all diese schönen und wichtigen Ereignisse verpassen zu müssen. Aber ich habe mich letztlich entschieden, diese Ausbildung JETZT zu machen, bei dem Institut meiner Wahl und in der richtigen Reihenfolge. Ohne Kompromisse. Wer weiß, was in einem Jahr ist? Wenn ich darauf warte, dass sich eine Art magische Tür öffnet und sich all der Raum auftut, den ich für die Erfüllung meiner Wünsche brauche, dann werde ich ewig warten. Das wird nicht passieren. Es geht darum, dass ich mich entscheide, dass ich neue Prioritäten setze und meiner Familie zutraue, dass sie auch mal ohne mich zurechtkommt.

Etwas Kreatives?
Heute Abend backe ich Brownies für meinen Sohn, der morgen Geburtstag hat. Die Herstellung der Geburtstagstorte überlasse ich meiner großen Tochter. Die kann das besser als ich.

Mein Fazit
Es gibt so viele Themen, über die ich gerne schreiben würde, aber für mehr als diese Monatstexte im Rahmen der Blogparade reicht meine Zeit gerade nicht.
Habe ich schon gesagt, dass ich sehr aufgeregt bin wegen dem bevorstehenden Workshop?
Wenn ihr von mir mehr über Tantra erfahren wollt, solltet ihr mich abonnieren! 🙂