Gute Absichten 2014 – Juni

Es kommt mir vor, als wäre ich den ganzen Juni über unterwegs gewesen, aber das stimmt natürlich nicht. In diesem Monat standen viele Feste und Reisen an und ich hatte viel zu organisieren, gerade weil ich selber eine Woche lang weg war.

Die kleine M. ist jetzt sechs Jahre alt. An ihrem Geburtstagsmorgen haben wir geskyped und ich habe ihr ein Ständchen gesungen. Beim Johannifest hat sie einen Kranz aus gelben Blüten auf dem Kopf getragen. Mein Sohn L. ist 13 Jahre alt geworden. Er war über Pfingsten auf einem Pfadfinderlager, hat ein Bogenschiessturnier gewonnen und ist braungebrannt von seiner Segelklassenreise zurückgekehrt. Jeden Abend trifft er sich mit der Tochter unserer Nachbarn. Die beiden schlendern durch die Gärten und üben Rad schlagen. Mein Mann war auf einer Fortbildung. Seine älteste Tochter C. ist seit drei Wochen im Rahmen eines work and travel Programmes in Ghana und unsere älteste Tochter P. seit einer Woche in Portugal bei einem Tierschutzprojekt. Beide berichten regelmäßig per Mail über ihre Erlebnisse und es scheint ihnen gut zu gehen. Vielleicht kann P. ab September ein Langszeitpraktikum in einem Rehazentrum für Pferde machen. Zuletzt schrieb sie „Bitte nicht lachen: ich vermisse Mähmäh, könnt ihr es mir bitte zuschicken?“ Mähmäh ist das Kuscheltier, das seit ihrer Geburt bei ihr im Bett schläft. Ich hatte bis zum Schluss nicht daran geglaubt, dass sie nach Portugal fliegt, aber jetzt ist sie tatsächlich fort. Für die kleine M. war das hart, erst musste sie die ganz große Schwester verabschieden, dann mich, dann ihren Bruder und dann auch noch die andere Schwester, die, die immer da gewesen ist, auch wenn sie oft eine Last für uns alle war. Aber jetzt ist alles gut und ich bin froh, das Haus vormittags ein paar Stunden lang ganz für mich zu haben.

Habe ich mir in diesem Monat Raum genommen für …

Etwas Schönes?

Das ist wirklich schwer gewesen, als hätte sich alles gegen mich verschworen. Je näher das erste Modul meiner Tantramassage-Ausbildung rückte, desto grösser wurde der Druck um mich herum. P. machte keinerlei Anstalten, ihre Auslandsreise vorzubereiten. Täglich landeten neue, dringende Aufgaben auf meinem Tisch, die scheinbar nur ich erledigen konnte. Mein Mann wurde so sehr von seinen Ängsten gebeutelt, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als mich mit Sarkasmus, Misstrauen und Vorwürfen zu überziehen oder mit Missachtung zu strafen. In den Tagen vor meiner Abreise entwickelte unsere kleine Tochter starke, kolikartige Bauchschmerzen. Zwei ambulante Untersuchungen im Krankenhaus und zwei Besuche beim Kinderarzt blieben ohne Befund. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich wirklich in dieser Situation weg fahren konnte und durfte. Doch am Ende bin mit einem Koffer voller Handtücher, Laken, Kissen, Schüsseln, Kannen und dem alten Babyfläschchenwärmer in den Zug gestiegen und abgefahren. Als ich abends in der Begrüßungsrunde saß, konnte ich es kaum fassen: Ich hatte es geschafft! Ich hatte es tatsächlich getan. Das, was mir als unerreichbar und unmöglich erschien, als ich zum ersten Mal wusste, wie sehr ich es wollte.

Ich habe Männern und Frauen am ganzen Körper massiert und bin von ihnen massiert worden. Ich habe Funken gesprüht beim Tanzen und mir Felsbrocken von der Seele geredet. Ich habe gelacht wie das Kind, das ich nie war und mich innerlich und äußerlich satt gefühlt, verbunden mit mir und anderen, fraglos, federleicht und unendlich frei. Ich habe im Gruppenraum übernachtet und bin erst eingeschlafen, als die Vögel schon wieder anfingen zu singen. Ich konnte viele Hemmungen und Komplexe ablegen und mich auf neue Erfahrungen einlassen und ich konnte meine Grenzen spüren und schützen, ohne mich als Opfer oder als Versagerin zu fühlen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, ein leeres Schwimmbecken aus Bedürftigkeit zu sein, sondern aus der Fülle schöpfen und alles bekommen zu können, was ich mir wünsche. Ich bin so durchlässig wie noch nie für meine seelischen und körperlichen Empfindungen. Die Enge in meinem Hals ist verschwunden und ich bin meinem Lebenswillen begegnet, dieser unbändigen Energie, die in meinem Becken und meinem Kreuz sitzt und die gelebt werden will, gelebt werden muss. Dafür hat sich mein Kiefer verkrampft und ich sehe jetzt deutlicher als zuvor diesen angespannten Zug um meinen Mund, den ich nicht mag. Ich habe mich getraut, in mein Herz zu horchen und ich habe nicht nur meine Kinder darin gespürt, sondern auch mich selber. Endlich. Was für ein Geschenk!

Als ich nach sieben Tagen wieder auf dem winzigen Bahnhof in der Nähe des Tagungshauses stand und mir am Automaten eine Rückfahrkarte kaufen wollte, habe ich meine EC-Karte in den Schlitz für Geldscheine gesteckt. Das Gerät machte ein schnarrendes Geräusch. Ich schob die Karte noch ein bisschen tiefer rein, bis sie ganz verschwunden war. Es dauerte lange, bis ich begriff, warum ich nicht aufgefordert wurde, meine PIN-Nummer einzugeben. Ich bin ohne Fahrkarte und ohne EC-Karte nach Hause gefahren.

Etwas für mich?

Ich habe noch nie innerhalb von einer Woche so viel gelernt. Und was ich gelernt habe, geht weit über die Massagetechniken hinaus. Ich werde sicher nicht den Rest meines Lebens ausschließlich Tantra-Massagen geben, aber diese Ausbildung ist das Beste, was ich im Moment für mich tun kann, um unabhängiger zu werden und ein Gefühl dafür zu bekommen, wo meine Stärken liegen. Das habe ich deutlich gemerkt, als ich zwei Tage später einer Nachbarin bei den Texten für ihre Homepage half und ihr ganz nebenbei ein Coaching gab. Außerdem tut sie mir gut und das tut meiner Familie gut. Ich weiß noch nicht, wo mich dieser Weg hinführen wird, ob ich therapeutisch arbeiten oder Kurse geben werde oder was auch immer. Aber ich weiß, dass ich Menschen dabei unterstützen will, ihre Körperlichkeit anzunehmen und wertzuschätzen. Eine der Sachen in meinem Leben, auf die ich wirklich stolz bin, ist, dass ich mit meiner großen Tochter ein festliches Ritual gefeiert habe, nachdem sie ihre erste Monatsblutung bekommen hat. Sie hat noch nie Menstruationsbeschwerden gehabt. Sie hat auch die (Haus-)Geburten ihrer beiden Geschwister miterlebt. Als meine kleine Tochter neulich beim Ausziehen an ihrer Scheide gespielt hat, habe ich einen Taschenspiegel geholt und ihr gezeigt, wie dieser Teil ihres Körpers aussieht. Ich wünsche meinen Töchtern, dass sie anders aufwachsen als ich, dass sie ihren Körper von klein auf kennen und lieben lernen. Alles, was ich dafür tue, dass ich meinen eigenen Körper kenne, liebe und annehme, kommt meinen Kindern zugute. Und dabei hat mich dieser Tantra-Workshop ein gutes Stück weiter gebracht.

Zu Beginn habe ich mit Befremden zur Kenntnis genommen, dass der Seminarleiter uns gebeten hat, auf dem Gelände nicht unbekleidet herumzulaufen. Auf die Idee wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Als ich das erste Mal nackt massieren und massiert werden sollte, bin ich in den Waschraum gegangen, um mir verschämt den Lunghi anzuziehen und habe ihn erst im letzten Augenblick hastig abgelegt. Vor Aufregung konnte ich kaum Luft kriegen und wusste nicht, wo ich hingucken sollte. Aber nach ein paar Tagen war der Gruppenraum, eine umgebaute Scheune, in der wir die Massageplätze kreisförmig angeordnet hatten, wie ein Tempel für mich, in dem wir jeden Tag aufs Neue unseren Mut und unsere Schönheit gefeiert haben. Am Ende konnte ich erhobenen Hauptes splitterfasernackt quer durch den Raum gehen und habe keinen Gedanken mehr daran verschwendet, wie ich bei den Massagen aussehe. Und wer weiss? Wenn der Workshop noch ein paar Tage länger gedauert hätte, hätte mich vielleicht irgendwann nur noch die kühle Witterung davon abgehalten, unbekleidet auf dem Gelände herumzulaufen.

Bekanntlich umfasst die Tantra-Massage auch den Intimbereich. In Modul 2 wird es sechs Tage lang ausschließlich um die „Yoni- und Lingammassage“ (ja, das ist genau das, wonach es klingt) gehen, einige Techniken haben wir aber schon in diesem Seminar erlernt. Statistisch gesehen bin ich eine sexuell überdurchschnittlich erfahrene Frau und ich halte mich für recht versiert. (Ich habe tief durchgeatmet, bevor ich diesen Satz geschrieben habe). Dennoch ist mir bei grober Sichtung der Seminarinhalte aufgefallen, dass ich noch eine Menge dazulernen kann. Ich halte das für eine gute Nachricht, denn meine persönliche Wahrheit liegt zwischen den gesellschaftlichen Sexualstandards, die mir immer schon zu eng gewesen sind und der gelangweilten Attitüde jener, die meinen, schon mit allen Wassern gewaschen zu sein. Ich stehe dazu, dass ich noch lange nicht alles kann, es aber gerne können würde. Daher bin ich bei diesem Seminar genau richtig: Es gibt nicht nur ein Skript, in dem alle Massagegriffe detailliert gezeigt werden, sondern die einzelnen Elemente werden uns auch auf einem Massageplatz in der Mitte des Raumes vorgeführt. Wir sitzen auf Meditationskissen im Kreis und sehen zu, wie die Kursleiterin sich von einem Assistenten massieren lässt oder umgekehrt. Daneben steht der Kursleiter mit Lunghi und Headset und erläutert die verschiedenen Techniken. Wir können Fragen stellen. Während wir selber massieren oder massiert werden, geht das Team rum und hilft uns, das Gelernte umzusetzen. Wir bekommen Feedback von den Teilnehmern, die wir massieren.

Warum habe ich das alles nicht schon gelernt, als ich 16 war? Warum lernen wir nicht alle mit 16 die Kunst, uns gegenseitig zu berühren? Es ist so unglaublich befreiend und im Grunde auch leicht gewesen, diese ganze aufgestülpte Moral, mit der wir erzogen und sozialisiert wurden, einfach abzustreifen und uns mit kindlicher Unschuld und Neugierde daran zu machen, unsere Körper kennenzulernen und die Fülle von Gefühlen zu genießen, die sie uns schenken können. Uns zu berühren und nah zu sein, ehrlich und authentisch in jedem Augenblick. Und gleichzeitig ist es hammerhart gewesen, bei der Frage der Partnerwahl für diese Übungen mit den ganzen Schatten konfrontiert zu werden, die wir in uns tragen: „Mich will bestimmt wieder niemand, so wie damals in der Schule beim Sportunterricht.“ „Ich bin nicht schön/ jung/ sexy/ männlich/ weiblich genug.“ „Mit dem will ich das nicht machen, aber wie sage ich es?“ Mit der würde ich gerne, aber ich traue mich nicht.“ „Eigentlich ist mir das gerade alles zu viel, aber ich habe Angst, dass alle mich uncool finden, wenn ich das sage.“, etc., etc. … . Die größte Herausforderung war es daher, eine stimmige innere Haltung zu mir selber, zu meiner Sexualität und zur Tantramassage zu finden. Ich habe tolles Feedback bekommen, als Mensch, als Frau und als Masseurin. Aber mir ist klar geworden, dass ich in meinem Kontakt zu Männern noch nicht klar bin. Bis zum nächsten Modul will ich herausfinden, woran das liegt. „Du musst die Männer lieben!“ hat die Ausbilderin am Ende zu mir gesagt. Da bin ich noch nicht.

Etwas Altes?

Nö. Keine Zeit.

Etwas Neues?

Ich habe mir die Nägel lackieren lassen und mir einen flammend rot-orange-pinkfarbenen Lunghi gekauft. Wie so ein Mädchen. Ich habe hemmungslos zur Musik von Faithless („Salva Mea“), Rosenstolz („Ich bin ich“) und Abba („Dancing Queen“), gesungen, gekreischt, gejauchzt, gejohlt, fast hätte ich geschrien „Ich liebe euch alle!“. Wie so ein Rockstar. Ich habe vor 17 Leuten einen Striptease gemacht, nackt getanzt und getragene Unterwäsche verschenkt. Wie – ja, genau!

Ich finde Älterwerden gerade fantastisch: Endlich kann ich meine Pubertät nachholen!

Etwas Kreatives?

Ihr habt jetzt nicht wirklich geglaubt, dass ich über Backrezepte schreibe, oder?

Aber es gibt wieder ein neues Foto hier und hier.

Mein Fazit

Ich will mich nicht mehr schämen. Nicht für meine Kraft und nicht für meine Schwächen, nicht für meine Gefühle und nicht für meine Wünsche, nicht für meine Lust und nicht für meine Angst. Ich will mich nicht mehr entschuldigen und nicht mehr rechtfertigen. Ich will nicht mehr um jeden Preis edel, hilfreich und gut sein. Ich habe keine Angst mehr, verkehrt zu sein, nur weil ich anders bin. Ich habe nicht mal Lust, Jeans und BHs anzuziehen, um meinen Körper in eine gesellschaftsfähige Form zu bringen.

Ich fühle mich gerade so zu Hause wie noch nie. Ich habe nicht ständig das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort  zu sein und das Beste zu verpassen. Ich habe nicht mehr das Gefühl, mein Leben versaut zu haben, wenn ich vor einem Deutschlandspiel mit zwei Tüten Tiefkühlpommes unter dem Arm über den Parkplatz von Aldi zu einem Auto hetze, in dem meine maulenden Kinder warten, statt in den Metropolen dieser Welt nach einem furiosen Vortrag über Demokratisierungstheorien zum tosenden Applaus das Podium zu verlassen, empfangen von einem Spalier aus geschmeidigen Jungs mit Dreadlocks, die sich die Finger danach lecken, mich auf den Händen zu meinem Hotelbett zu tragen.

Ich spüre Tantra überall: In dem Geruch von Holunderblüten und frischem Koriander, in meinem Rittersporn, der blau im Abendlicht leuchtet, im weichen Hals meiner kleinen Tochter, in dem ich meine Nase vergrabe, in den sonnenwarmen Blättern der Erdbeerpflanzen, die ich mit den Händen teile, um zu den prallen Früchte vorzudringen, die nah am feuchten, schattigen Boden wachsen. Es geht nicht mehr um „hätte“, „würde“, „könnte“, sondern um das, was jetzt ist. Das klingt so simpel und abgedroschen, das habe ich schon so oft gehört und gelesen und immer gedacht „Haha – als wenn das so einfach wäre!“ und jetzt weiß ich leider auch nicht, wie ich es anders ausdrücken soll, ohne dass ihr das gleich denkt.

Vor ein paar Tagen war ich wieder mit M. auf dem Bauernhof, um Lebensmittel für uns und vier weitere Familien abzuholen. Auf der Rückfahrt wollte sie Musik hören und ich habe im Radio nach einem passenden Sender gesucht. Plötzlich erklang ein Konzert von Dvořák. Sie jubelte auf: „Das will ich hören!“ Es war das erste Mal, dass sie klassische Musik gehört hat. Ich habe den Ton lauter gedreht und wir sind zu den ergreifenden Klängen der Streicher durch die sonnendurchfluteten Alleen geglitten. Ich habe in ihr verzücktes kleines Gesicht gesehen und war den Tränen nahe. Es war alles  perfekt.

Wir müssen jetzt alle ganz tapfer sein: Das nächste Ausbildungsmodul ist erst im September.

P.S. Dieser Text sprengt wohl den Rahmen der Blogparade, aber ich verlinke ihn trotzdem.