selbstvertrauen vs. #selbstgeboren

Meine Position in der Debatte um das Buch Selbstgeboren, für das die Hebamme Anna Virnich Berichte von „kraftvollen, selbstbestimmten“ Geburten sammelt ist ganz klar: Alles, was das Vertrauen von Frauen in ihre Fähigkeit, ein Kind so zu gebären, wie sie es sich wünschen, stärkt, ist gut und richtig. Und genau das tut die Autorin leider nicht und das ist nicht nur schade, sondern angesichts der gegenwärtig breiten Unterstützung für den Berufsstand der Hebammen politisch auch sehr unklug. Indem sie Berichte von Frauen, deren Geburtsverläufen nicht frei von „Manipulation oder Eingriffen von außen (d. h: künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt)“ waren, von ihrem Projekt ausschließt, suggeriert sie, diese Frauen hätten ihre Kinder nicht „selbstgeboren“. Als Hebamme hätte ihr klar sein können und müssen, dass sie mit dieser Wortwahl „scheinbar in Ihnen ein Gefühl von Mangel oder ‚nicht dazu gehören dürfen‘ aktiviert.“, wie sie angesichts des massiven Protestes auf Twitter unter dem Hashtag #selbstgeboren mit Erstaunen feststellt. Wie zum Hohn macht sie diese Gefühle dann auch noch zum Beweis für die Notwendigkeit ihres Projektes: „Die unterschiedlichen Reaktionen machen für mich deutlich, wie sehr sich Frauen durch eine Geburt, bei der alles anders kam als gedacht, tief verletzt fühlen und unterstreichen damit für mich die Wichtigkeit dieses Buches.“ Diese Argumentation ist perfide, denn in dieser Logik hat Anna Virnich umso mehr Recht, je mehr Frauen sich gegen diese Form der Disqualifizierung ihres Geburtserlebnisses wehren.

Gerne berichte ich für die Blogparade von berlin-mitte-mom über die Geburten meiner drei Kinder, aber nicht, um mich damit in irgendein Lager zu begeben. Weder in das derjenigen, die Hausgeburten für unterlassene Hifeleistung halten noch in das derjenigen, für die nur eine „natürliche“ Geburt eine „richtige“ Geburt ist:

„Das mache ich nie wieder, das schwöre ich euch!“ waren meine Worte, als ich vor fast achtzehn Jahren nach drei Tagen Wehenschmerzen im Krankenhaus lag und die Geburt einfach nicht voran ging. Die junge Hebamme sah mich ratlos an, sie ahnte wohl schon, was ich noch keine Sekunde in Betracht gezogen hatte: Dieses Kind würde auf dem OP-Tisch zur Welt kommen.

Mein Mann hatte bereits ein Kind, als wir uns ineinander verliebten und ich nach drei Monaten schwanger von ihm wurde: C., ein bezauberndes, blitzgescheites fünfjähriges Mädchen, das ich vom ersten Augenblick an mochte. Die Mutter hatte sich schon vor drei Jahren von ihm getrennt, die beiden sahen sich aber fast täglich und betreuten die gemeinsame Tochter im wöchentlichen Wechsel. Erst vor kurzem hat mein Mann zugegeben, was er damals standhaft leugnete: Dass er noch Gefühle für seine Exfreundin hatte. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, das Kind zu Hause zu bekommen, so wie es auch bei C. geplant gewesen war. Ich war Mitte 20 und hatte mir als Studentin der Politikwissenschaft noch nie Gedanken übers Kinderkriegen gemacht. Aber ich sah auch keinen Grund, es nicht zu versuchen. Außerdem wollte ich ihn nicht enttäuschen, nachdem schon beim letzten Mal weder der Verlauf der Geburt noch der Verlauf der Beziehung seinen Wünschen entsprochen hatte. Wir suchten und fanden Luise, eine erfahrene Hebamme, die mich im Wechsel mit der Frauenärztin betreute.

Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen und ich verbrachte meine Tage in der Bibliothek und am Schreibtisch, um die letzten Scheine für das Studium zu machen. Vier Wochen vor dem errechneten Termin ließ ich es gut sein und beschloss, die letzten Wochen dafür zu nutzen, mich auf das bevorstehende Ereignis vorzubereiten. Einen Tag später gingen die Wehen los. Senkwehen, dachte ich. Wir gingen eine kleine Erstausstattung kaufen, Hemdchen, Strampler, Jäckchen, eigentlich war ja noch alles da, aber etwas Neues wollte ich doch gerne haben. Ich saß auf einem Hocker in dem Laden und ließ mir die winzigen Sachen zeigen. Es war alles so unwirklich. Und die Wehen hörten nicht auf. Die Hebamme kam vorbei und verließ mich mit dem Ratschlag, viel zu laufen und Treppen zu steigen. Das tat ich. Nachdem ich den ganzen, langen Winter durch meinen Bauch unter dicken Pullis und Jacken verstecken musste, war plötzlich der Frühling da und lief in Latzhose und T-Shirt Runde um Runde mit meinem Mann durch das Viertel und durch das Treppenhaus. An diesem Tag und am nächsten Tag auch. Die Wehen waren nicht stark, aber sie hörten nicht auf. Abends übergab ich mich und wir zogen uns ins Geburtszimmer zurück. Es schien voran zu gehen.

Diese Nacht verbrachte die Hebamme bei uns in C.s Bett, aber die Wehen blieben schwach. Ich war müde und erschöpft, aber entschlossen, durchzuhalten. Am nächsten Tag sagte die Hebamme, wir müssten ins Krankenhaus, sie könne es nicht verantworten, die Hausgeburt fortzusetzen. Mein Mann packte eine Tasche für mich und legte die Erstausstattung dazu. Ich weinte. Ich erinnere mich nur noch schemenhaft an den weiteren Verlauf. Ich hatte eine private Zusatzversicherung und es kommt mir vor, als hätte ich im Stundentakt Ärzten die Hand schütteln, die Beine für schmerzhafte Untersuchungen breit machen und irgendwelche Einverständniserklärungen unterschreiben müssen. Die Schichten wechselten, die Schmerzen blieben. Wehentropf, Badewanne, Warten. Noch eine Nacht, mein Mann schlief auf einer Matratze im Zimmer. Am nächsten Tag eine PDA, der Muttermund war offen, aber das Kind guckte in die Sterne statt in den Geburtskanal und rührte sich nicht von der Stelle. Ich war nach drei Nächten ohne richtigen Schlaf unendlich erschöpft und konnte mir nicht vorstellen, wie das alles jemals zu einem Ende kommen sollte. Am späten Vormittag haben sie vom Köpfchen des Babys Blut abgenommen und festgestellt, dass es nicht mehr genug Sauerstoff bekam. Ein Arzt sprach das Wort Sectio aus und alle nickten beklommen und ein bisschen erleichtert. Ich war fassungslos. Ich weiß nicht, was ich gedacht habe, aber daran hatte ich nicht gedacht. Nicht einen Augenblick.

Ich wollte nur noch in Ruhe gelassen werden und heulen, aber jetzt ging alles ganz schnell: Wieder ein paar Zettel unterschrieben, dann wurde die PDA aufgefüllt und meine Liege in den OP geschoben. Kaltes Metall an meinem Rücken, ein Sichtschutz vor meinem Bauch, die Ärzte unterhielten sich über den Marathon, dessen Route am Krankenhauspark entlang führte. Ich wurde hin und her geruckelt und hörte die Instrumente klappern, aber ich sah und fühlte nichts. Dann hörte ich „12 Uhr 46 – ein Mädchen!“ und sah durch einen Tränenschleier ein verschmiertes Bündel, das meinem Mann in die Hände gedrückt wurde. Zitternd vor Kälte und schluchzend lag ich auf dem OP-Tisch und wartete darauf, dass nach und nach alle Gewebeschichten wieder miteinander vernäht waren. Dann wurde ich auf einen leeren Gang geschoben. Wo war mein Kind? Meine Stimme war schwach und rauh vom Weinen, niemand hörte mich. Das konnte alles nicht wahr sein. Es war Sonntag, da war das Personal knapp im Krankenhaus. Ich konnte mich nicht bewegen, die PDA wirkte noch und ich lag eine Ewigkeit hilflos auf diesem Flur, bis zufällig jemand eine Tür öffnete und die einzigen Worte hörte, die ich noch denken konnte: „Wo ist mein Kind?“. Als meine kleine Tochter endlich auf meiner Brust lag und mich neugierig ansah, konnte ich die Augen nicht mehr offen halten. Ich hatte mich völlig verausgabt, um an einem Geburtsverlauf festzuhalten, der für mein Selbstwertgefühl von zu grosser Bedeutung war.

Es hat lange gedauert, bis die Narbe von dieser Geburt verheilt war und noch länger, bis ich den Mut fand, meinen Schwur zu brechen und ein zweites Kind zu bekommen. Fünf Jahre später fühlte ich mich sicherer in meiner Ehe und in meiner Rolle als Patchworkmutter. Ich wollte gerne wieder eine Hausgeburt machen und zwar im Wasser, denn die Zeiten, die ich in der Badewanne verbracht hatte, waren die, an die ich die besten Erinnerungen hatte. Ich suchte eine Hebamme, die bereit war, mich dabei zu unterstützen und ich fand Gabriele. Sie sagte mir, dass es keinen Grund gäbe, warum ich mein Baby nicht zu Hause entbinden können sollte. Das war genau das, was ich damals gebraucht habe: Eine Frau, die an mich glaubt. Ich habe die Schwangerschaft genossen und meine Tochter auch. Wenn Gabriele für die Vorsorgeuntersuchungen zu uns nach Hause kam, stand sie eifrig neben der Toilette, um die Urinteststreifen in Empfang zu nehmen und lauschte mit leuchtenden Augen auf die Herztöne ihres zukünftigen Geschwisterchens. Ihr Arztkoffer sah bald aus wie eine Hebammentasche und stolz erzählte sie allen – von der Erzieherin bis zur Inhaberin ihres Lieblingsspielzeugladens – wie die Babys in den Bauch und wieder raus kommen.

Drei Wochen vor dem errechneten Termin begannen die Wehen, waren und blieben aber einen Tag lang schwach. Ich hatte Angst, dass sich alles wiederholen könnte, aber ich wusste auch, was ich diemal anders machen würde: Ich würde früher eine Entscheidung teffen. Morgens kam Gabriele und gab mir ein Aromaöl, um die Wehen zu stoppen und beruhigte mich. Ich füllte die Wanne mit heißem Wasser und der Ölmischung und kaum hatte ich mich hineingleiten lassen, wurden die Wehen kräftiger. Zum Glück hatte ich das Telefon in Reichweite gelegt. Mein Mann beendete sofort seine Arbeit und machte sich auf den Nachhauseweg. Die Hebamme kam kurz nach ihm. Sie räumten den Esstisch aus der Küche, hängten die Fenster ab und stellten das große Planschbecken in die Mitte, das wir aus Spaß am Vortag schon mal aufgepumpt hatten. Als es mit warmem Wasser gefüllt war, stieg ich hinein und fühlte mich großartig. Die Presswehen begannen und eine halbe Stunde später war unser Sohn bei uns. Im selben Moment ging die Tür auf und meine Tochter kam herein, an der Hand meiner Freundin, die während der letzten Stunden für sie da gewesen war. Ich werde nie vergessen, wie ich anschließend im Wohnzimmer auf dem Sofa gelegen habe, das nackte Neugeborene auf meinem Bauch unter Tüchern und Decken, mein Mann, meine Tochter, meine Hebamme, meine Freundin um mich herum und einen Schluck Sekt getrunken habe. Ich konnte kein Wort sagen. Ich war so glücklich.

Sechs Jahre später war ich wieder schwanger, inzwischen war ich 39 und wir waren aufs Land gezogen. Ich wollte alles genau so machen wie beim letzten Mal, aber leider wohnte ich jetzt außer Reichweite meiner vertrauten Hebamme. Sie empfahl mir ihre Kollegin Martina und gemeinsam planten wir wieder eine Hausgeburt im Wasser, diesmal mit einem richtigen Geburtsbecken, einer wundervollen ovalen aufblasbaren Wanne. Ich fand die Schwangerschaft ungleich anstrengender als die vorangegangenen, ansonsten lief alles ohne besondere Vorkommnisse. Um mich sicherer zu fühlen, liess ich eine aufwändige Ultraschalluntersuchung machen. Aus medizinischer Sicht sprach nichts gegen eine Hausgeburt. Der einzige Stressfaktor war der errechnete Termin, denn er lag mitten in einer Klassenreise unserer großen Tochter. Sie wollte gerne wieder bei der Geburt dabei sein und wir haben diesen Wunsch gegen den Willen der Schule unterstützt. Dafür haben wir eine Menge Kritik und Ärger in Kauf genommen.

Zwei Tage vor Beginn der Klassenreise (und zwei Wochen vor dem errechneten Termin) gingen die Wehen los und ich jubilierte, denn alles schien perfekt zu passen: Ein Tag für die Geburt, ein Tag, um uns als Familie mit drei Kindern neu zu erleben – und dann die Abreise. Stattdessen blieben die Wehen über zwei Tage schwach und der Muttermund öffnete sich nur minimal. Wir gingen stundenlang spazieren, Runde um Runde mit der Stoppuhr in der Hand durch Wälder und Felder, doch sobald wir das Haus betraten, wurden die Abstände zwischen den Wehen wieder grösser. Ich fühlte mich unter Druck, die Geburt in einem idealen Zeitfenster über die Bühne zu bringen, um allen Wünschen gerecht zu werden.

Eine Nacht schlief die Hebamme bei uns auf der Couch, am zweiten Abend fuhr sie nach Hause. Ich konnte nicht schlafen, denn die Schmerzen wurden von Stunde zu Stunde stärker. Als ich meinen Mann endlich weckte, schaffte ich es gerade noch die Treppe runter in das Zimmer, das ich für die Geburt vorbereitet hatte. Als ich mich im Vierfüßler auf den Futon sinken ließ, platzte die Fruchtblase. Ich hielt meinen Mann davon ab, das Wasser im Geburtsbecken aufzuwärmen, da ich schon das Köpfchen am Damm spürte. Er kniete sich hinter mich – am Handy Martina, die mit dem Auto auf dem Weg zu uns war – und nach ein paar Presswehen kam unsere Tochter mit den ersten Strahlen der Morgensonne. Noch vor der Hebamme. Mein Mann weckte die Kinder, damit sie ihr Geschwisterchen begrüßen konnten. Zwei Stunden später lag ich immer noch eingekuschelt zwischen Kissen und Decken mit dem Baby auf dem Futon, während mein Mann unsere große Tochter zum Treffpunkt für die Abreise zur Klassenreise brachte und mein Sohn sich Badehose und Taucherbrille anzog, um eine Runde durch das Geburtsbecken zu schwimmen.

Diese drei Geburten waren so unterschiedlich, wie meine drei Kinder es sind. Viele Faktoren haben dazu beigetragen, dass sie so abgelaufen sind, wie ich es beschrieben habe. Aber der wichtigste Faktor für mich war das Selbstvertrauen. Was ich als Frau und als (werdende) Mutter gebraucht habe, war Vertrauen in mich selber, in meinen Körper und meine Urteilsfähigkeit. Was ich nicht gebraucht habe, waren Männer oder Frauen, die sich angemaßt haben, besser zu wissen, was ich denken, fühlen oder tun sollte, als ich selber.

Zum Schluss noch ein paar Links zu anderen Blogs, die sich mit dem Thema beschäftigt haben:

Angenehm differenziert
Geborgen wachsen
Ich lebe! Jetzt!
juna im netz
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Nora Imlau
von guten Eltern

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Sowie ein Interview mit einer tollen Gynäkologin aus der taz:
„Ich kann bei einer Geburt nur stören“