Gute Absichten 2014 – März

Dieser Monat hatte es in sich. Ich komme mir gerade vor wie ein Papierschiffchen auf dem Ozean. Die Wellen sind zu hoch, um auf Kurs zu bleiben. Genau genommen bin ich froh, dass ich nicht gekentert bin. Es tut mir leid, aber ich muss erst mal ein bisschen rumjammern, bevor ich von den wenigen Ereignissen berichte, die meinen Absichten entsprungen sind:

Im Februar gab es zwei Widrigkeiten, über die ich im letzten Text nicht berichtet hatte. Durch den Frost war eine Außen-Armatur abgesprengt worden und hatte einen Tag lang für große Befürchtungen und Stress gesorgt, bevor die Klempner uns sagten, dass der Schaden überschaubar sei und von der Versicherung übernommen wird. Dafür stellte sich dann bei der TÜV-Untersuchung unseres Familienautos heraus, dass der Wagen, den wir vor 1,5 Jahren gebraucht gekauft hatten, doch nicht in so einem guten Zustand war wie angegeben. Die erforderlichen Reparaturen waren zu umfangreich für unser knappes Budget, so dass wir schon zum zweiten Mal in diesem Jahr meine Mutter um Geld bitten mussten.

Dafür konnten wir uns dann erkenntlich zeigen, als sich das Nagelbett ihres Zeigefingers nach einer kleinen Verletzung entzündet hat. Wochenlang musste sie immer wieder erst zum Arzt und dann ins Krankenhaus begleitet und währenddessen meine Oma, die bei ihr wohnt, versorgt und betreut werden. Zum Glück wohnen die beiden mit bei uns im Dorfprojekt, so dass die Wege kurz sind.

An dem Tag, an dem ich den Februar-Text gepostet habe, wollte ich den Rest des Vormittages dafür nutzen, mich um die Faschingskostüme zu kümmern. Kaum war ich auf dem Dachboden, klingelte das Telefon und ich hatte eine besorgt klingende Dame vom Jugendamt in der Leitung. Sie sagte, meine Tochter säße neben ihr. Sie würde zittern und weinen und hätte Angst, nach Hause zu gehen, weil ihr Vater sie schlagen würde. Sie wird nächsten Monat 18 und die letzten fünf Jahre waren sehr schwierig. Oder sagen wir mal, sie waren noch schwieriger als die Jahre davor. Sie hat dann zwei Nächte im Jugendhaus unseres Projektes geschlafen und danach war sie bereit für ein langes Gespräch mit uns. Ein paar Tage später hatten wir alle zusammen einen Termin auf dem Jugendamt. Ich werde noch mal ausführlicher über meine große Tochter schreiben, aber jedenfalls hat mich dieses Thema in den letzten Wochen auf vielen Ebenen sehr beschäftigt.

Einen Tag nach diesem Termin habe ich meinen Mann zu einem viertägigen Training seiner Männergruppe verabschiedet. Wenige Stunden später bekam der Hund meiner Tochter einen besonders heftigen seiner regelmäßig auftretenden epileptischen Anfälle. Diesmal war der Verlauf jedoch anders als in den Monaten zuvor. Obwohl er nachmittags und – nach einem abendlichen Besuch in der Tierklinik – auch in der Nacht noch einmal Valium bekam, wiederholten sich die Anfälle und er kam nicht zur Ruhe. Nach einer grauenvollen Nacht erreichte ich morgens unsere Tierärztin und auch sie war der Meinung, dass wir den armen Hund möglichst schnell von diesen Qualen erlösen sollten. Das taten wir dann auch. Durch eine Spritze in den Herz-Muskel schlief Arthur im Sonnenschein zwischen den Krokussen auf dem Rasen hinter unserem Haus ein. Ich hüllte das 40kg-Tier in eines der weißen Betttücher, die meine Urgroßmutter mit winzigen Stichen gesäumt hat, legte ihn in die Schubkarre, schob diese in den schattigen Schuppen und schloss die Tür ab. Es waren Frühjahrsferien. Genau wie vor vier Jahren, als wir ihn mit sechs Monaten zu uns geholt hatten. Damals lag hoher Schnee, diesmal waren 20 Grad. Meine Tochter wollte ihren treuen Gefährten eigenhändig beerdigen. Zusammen mit ihren Geschwistern suchte sie einen schönen Platz auf einer Lichtung aus und dort haben wir ihn am Sonntag mit der Hilfe eines Nachbarn eingegraben. Diese Tage mit meinen drei Kindern, die aufgrund ihres unterschiedlichsten Alters auf ganz unterschiedliche Art getrauert haben, waren sehr schwierig.

Nachdem wir seit einem halben Jahr darum kämpfen, vom Arbeitsamt einen Ausbildungsplatz für psychisch beeinträchtigte Jugendliche für unsere große Tochter finanziert zu bekommen, hat sie uns vorgestern eröffnet, dass sie stattdessen ab Juni ein Auslandsjahr bei einem Tierschutzprojekt in Portugal verbringen möchte. Ihr IQ liegt bei über 120 Punkten und auch sonst trauen wir ihr eigentlich eine Menge zu, doch leider hat die Erfahrung gezeigt, dass sie extrem sensibel auf Auseinandersetzungen, Anforderungen und Frustrationen jeder Art reagiert – also eigentlich auf alles, was das Leben außerhalb ihres Bettes ausmacht. Deshalb hat sie es in den letzten Jahren selten verlassen.

Um das Fass voll zu machen, grassiert seit einer Woche eine Bronchitis bei uns, so dass ich die Bude mal wieder voll habe. Seit Monaten hatte ich geplant, morgen alleine über das Wochenende weg zu fahren, um Freundinnen zu besuchen, aber seit gestern stimmt meine Stimme widerstrebend in das Gehuste ein, das Tag und Nacht durch das Haus schallt und ich musste diese ersehnte Flucht aus meinem Alltag absagen.

Willkommen in meiner Welt.

Habe ich mir in diesem Monat Raum genommen für …

Etwas Schönes?
Der monatliche Therapieworkshop war der Anlass, zumindest einmal in diesem Monat in die nahe Großstadt zu fahren und im hitzigen Diskurs mit meiner Freundin I. eine Flasche Rotwein zu leeren. In der Gruppe habe ich zum ersten Mal an einem eigenen Thema gearbeitet, an meiner schwierigen Liebe zu meiner großen Tochter. Zur Belohnung für meinen Mut habe ich mir in der Mittagspause einen Milchkaffee und ein „fondant au chocolat“ in dem entzückenden, winzig kleinen französischen Café um die Ecke gegönnt. Der Einrichtungsstil, die Handschrift, in der die Angebote mit Kreide auf eine Tafel geschrieben sind, der Akzent der Bedienung, alles ließ mich innerlich frohlocken und ich erging mich in schwärmerischen Schilderungen meiner Paris-Aufenthalte und des Lebens als Intellektuelle, das ich früher gerne dort geführt hätte.

Letztes Wochenende war ich auf einer Party und habe seit langer Zeit mal wieder getanzt. Die beiden Schlangen auf dem silbernen Ring an meinem Zeh blitzten mir unternehmungslustig zu, aber dies war kein Abend für Ausschweifungen. Trotzdem hat es Spaß gemacht, rum zu hopsen bis die Klamotten triefen, gute Freunde zu umarmen, ein paar aufmerksame Blicke aufzufangen und festzustellen, dass Schöffehofer Kaktusfeige nicht so schlimm schmeckt, wie es klingt. Mein Mann hat Musik gemacht und aufgelegt und wir konnten mit unserer kleinen Tochter ein paar Häuser weiter bei Freunden übernachten.

Etwas für mich?
Morgen habe ich den Termin für das Coaching, das ich im Februar wegen Krankheit absagen musste. Lustig, oder?
Ich habe eine zwei Meter lange Bahn Packpapier am Schlafzimmerschrank befestigt, auf die ich meine Ideen und Pläne und alles, was mich inspiriert schreibe.
Ich lese „Wort für Wort oder die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben“ und bin stolz, dass ich Vieles, was Elisabeth George darin beschreibt, schon intuitiv erfasst hatte.
Neu ist die Überlegung, eine zertifizierte Tantramassage-Ausbildung zu machen. Im ganzen Spektrum der therapeutischen Berufe interessiert mich am meisten die Sexualtherapie und ich könnte mir gut vorstellen, mit einer praktischen Ausbildung zu beginnen, bevor bzw. während ich z.B. den kleinen Heilpraktiker mache. Um mir ein genaueres Bild davon machen zu können, was bei einer Tantramassage passiert, möchte ich mir zunächst selber eine geben lasse. Nächste Woche wird es so weit sein – ich berichte dann.

Etwas Altes?
Meine kleine Tochter hatte schon Ende Februar auf eigene Faust das Hochbeet gejätet, um Platz für die Tomatenpflanzen zu schaffen, die ich am Fenster vorziehe. Da konnte ich mich dann nicht länger drücken, als die Tage mild und die Erde trockener wurde. Immerhin einen Tag lang habe ich im Garten Laub geharkt, Sträucher geschnitten und die Feuerstelle sowie die Sandkiste aufgeräumt.

Und ich habe den letzten Teil der „Einmal“-Serie geschrieben. Das war ein hartes Stück Arbeit und hat mir geholfen, auch innerlich wieder ein gutes Stück mehr mit dieser Geschichte abzuschließen.

Etwas Neues?
Nein, leider nicht.

Etwas Kreatives?
Außer einem weiteren Foto von I.s Couch habe ich auch in dieser Rubrik nichts zu bieten. Wie gut, dass sie mein Bett jedes Mal ein bisschen anders bezieht.

Mein Fazit
Ich bin wütend auf mich, weil ich viele Sachen nicht gemacht habe, als ich die Zeit und den Raum dafür gehabt hätte. Immer bin ich so schrecklich verantwortungs- und pflichtbewusst gewesen. Immer habe ich gewartet und mein Geld gespart und in der Zeit die Männer in meinem Leben dabei unterstützt, das zu machen, was sie machen wollten, weil sie wussten, was sie wollten und ich eben nicht. Und jetzt habe ich kaum noch Zeit oder Raum für eigene Pläne und das Geld von meiner Familie ist zum größten Teil für die Projekte meines Mannes drauf gegangen. Ich könnte gerade gut ein Sabbatjahr von meinem Job als Hausfrau und Mutter machen und durch die Welt tingeln, auf irgend so einem Selbstfindungs-Hippie-Trip à la „Eat Pray Love“. Danach wäre mir. Barfuß durch Goa laufen, Tantra-Workshops und Yoga machen, in Ashrams meditieren, Leute kennen lernen, am Strand sitzen, Tanzen, freie Liebe, all sowas. Ja, ganz ehrlich. Stattdessen werde ich hier weiter über meine kleinen Schritte berichten. Immerhin besser als nicht mal jemanden zu haben, der sich mein Genöle anhört…
Bitte weiterhin Sonne, aber mehr Wärme und vor allem GESUNDHEIT FÜR ALLE!

P.S.: Und Happiness!