Einmal X – Der Ausgang

Der Sommer ist herrlich. Mein Mann hat ein Zimmer in Aussicht und V. ist immer noch Single. Endlich hat er Zeit für mich. Wir schreiben uns vom Aufwachen bis zum Einschlafen. So lange es hell ist, bildet der Alltag ein Bollwerk gegen meine Sehnsucht, doch bei Einbruch der Dunkelheit kriecht sie aus meinem Herzen und bemächtig sich meiner. Wie die Flut steigt sie immer höher, bahnt sich ihren Weg durch die Tastatur auf den Bildschirm, lässt sich nicht von dem launischen WLAN unter dem Dach aufhalten, sondern findet das Kabel, das mein Haus mit dem nächsten Übertragungspunkt verbindet und beschleunigt immer weiter, je breiter die Leitungen werden auf dem Datenhighway bis zu seinem Bett in dieser Wohnung in der Stadt am anderen Ende von Deutschland. Es sind keine stürmischen Wogen mehr, die gegen sein Ufer schlagen, wie im letzten Sommer, sondern anmutige kleine Wellen, deren vertrautes Schwappen ihm kaum noch auffällt, denn was ist schon ein prächtiger Sandstrand ohne das Wasser, das sich an ihm bricht. Aber es kommt aus der Tiefe meines Herzens.

Er hat sich sehr verändert. Unsere Freundschaft wächst immer weiter über die virtuelle Sphäre hinaus. Mehr und mehr Schnittstellen entstehen zwischen unseren Welten. Seine Erinnerungen an unser Kennenlernen sind inzwischen so weit verblasst, dass er keine dunklen Flecken mehr sieht. Wenn mein Mann und ich gemeinsame Bekannte treffen, trägt V. mir auf, von ihm zu grüßen. Mein Gedächtnis ist leider nicht so gnädig wie seins. Wie soll ich erklären, woher wir uns kennen?

Als ich Kontakt zu einer Filmproduktionsfirma aufnehme, um an einem Projekt mitzuwirken, mokiert er sich erst darüber, bewirbt sich dann aber ebenfalls und bekommt den Zuschlag. Das bedeutet, dass er schon bald wieder in meiner Stadt sein wird. Diesmal steht außer Frage, dass wir uns sehen und einen Abend an denselben Plätzen verbringen wollen wie letztes Mal. Er freut sich darauf und ich freue mich, dass er sich freut.

Er überlegt, an einem Yoga-und Bodywork-Wochenende teilzunehmen, das Bekannte von ihm organisieren und fragt, ob ich dazu auch Lust hätte. Ich ringe mit meinen Ängsten und Unsicherheiten. Ein ganzes Wochenende mit ihm? Zwischen anderen Leuten die ich nicht kenne? Körperarbeit? Anfassen? Da würde ich mich nicht hinter Buchstaben verstecken können. Andererseits wäre es die Chance, den Scheinriesen zu entzaubern, meinen Projektionen auf die Schliche zu kommen und herauszufinden, was seine Freundschaft wert ist. Ich würde mich gerne klar und unbefangen ihm gegenüber fühlen und das einzige, was mir dabei helfen kann, ist mehr realer Kontakt. Lange wäge ich Für und Wider ab, checke die Rahmendbedingungen und rüste mich für den Sprung ins kalte Wasser, bevor ich zusage.

Eines unserer Hauptgesprächsthemen waren immer schon seine Beziehungen zu Frauen. Ich bemühe mich nach Kräften, ihn dabei zu unterstützen herauszufinden, wie die Partnerin sein sollte, mit der er seinen Traum von einer eigenen Familie wahr machen kann. Doch statt auf meine gut gemeinten Ratschläge zu hören, konzentriert er seine Bemühungen erneut auf seine jugendliche On-Off-Freundin. Er ist entschlossen, diesmal alles richtig zu machen und von Anfang an klare Verhältnisse schaffen. Um ihr Vertrauen zurück zu gewinnen, gibt er ihr das Passwort für seinen Facebook-Account, von dem er zuvor alles gelöscht hat, was ihn belasten könnte. Dass er damit mein Vertrauen missbraucht, fällt ihm erst auf, als ich ihn darauf hinweise. Er ändert das Passwort wieder.

Doch seine Anstrengungen sind von Erfolg gekrönt und es gelingt ihm einmal mehr, sie von sich zu überzeugen. Euphorisch berichtet er mir am Telefon von ihrem Versöhnungstag und sagt, dass er sie mit zu dem Workshop nehmen möchte, um sie an seinem neuen Leben teilhaben zu lassen. Mir geht es beschissen damit. Nach einer schlaflosen Nacht schreibe ich, dass ich mich zwar für ihn freuen würde, mich aber nach dem intensiven Kontakt der letzten Monate wie das fünfte Rad am Wagen fühle und erst darüber nachdenken muss, ob ich unter den veränderten Bedingungen zu dem Workshop fahren möchte. Seine Antwort enthält lange Ausführungen darüber, welche Chancen und Risiken es für ihn bedeuten würde, wenn seine Freundin mitkäme. Meine Anwesenheit wäre eine Bereicherung für ihn, da er von meinen Erfahrungen profitieren könnte, hätte darüber hinaus aber keinerlei Bedeutung für ihn.

Schluchzend sitze ich auf dem Parkplatz vor dem Kindergarten im Auto. Meine Fähigkeit zur Selbstverleugnung und Entsagung ist erschöpft. Ich bin weder willens noch in der Lage, geschmeidig wieder auf die Reservebank zu wechseln. Alles kommt mir völlig falsch vor. Ich komme mir falsch vor. Ich möchte endlich ehrlich sein. Ich möchte, dass er mich sieht. Ich schreibe ihm, dass eine so starke seelische Intimität und Bindung, wie ich sie zu ihm empfinde, für mich unvereinbar wäre mit einer Liebesbeziehung und dass ich befürchte, dass es ihm genauso gehen wird, wenn er mit seiner Freundin die Art von Partnerschaft entwickelt, die er sich schon lange wünscht. Und dass ich Angst habe, von ihm ausgeliefert und geopfert zu werden. Er versteht nur, dass ich ihm etwas wegnehmen würde, wenn ich eine neue Beziehung hätte und ist enttäuscht darüber. Mit dem Mut der Verzweiflung offenbare ich ihm alles: Meine unausrottbare Liebe, meinen Schmerz darüber, dass er konsequent an mir vorbeisieht, meine Angst, von ihm im Stich gelassen zu werden.

Er ist entsetzt. Er wirft mir vor, unsere Freundschaft verraten zu haben. Er fühlt sich betrogen und beraubt, ist wütend und verletzt. Er vertraut mir nicht mehr. Er beklagt sich bitter darüber, dass das Wissen um meine Gefühle es ihm unmöglich macht, sie weiter auszunutzen: „Wenn es wirklich Liebe wäre, hättest du geschwiegen!“ schreibt er. Er empfindet mich als Bedrohung, vor allem wegen seiner Freundin. „Wenn es sie nicht gäbe, wäre es mir egal“.

Unser unmittelbar bevorstehendes Treffen sage ich ab, ebenso den Workshop eine Woche später. Seine Nähe fehlt mir fürchterlich. Es gibt keine digitalen Umarmungen mehr, keine traulichen Gespräche, kein Ein- und Auschecken, keine abendlichen Telefonate zum Gin Tonic auf der Terrasse. Stattdessen das totale Schweigen. Mein Herz rast und mir ist schlecht vor Angst, ihn zu verlieren. Ich versuche, irgendetwas zu retten, klammere mich an jeden Strohhalm, aber es ist vorbei. Egal, was ich schreibe, er hört immer das gleiche. „Du hast es gesagt. Ich bin raus!“ sagt er. Und: „Liebe war nie eine Option zwischen uns.“ Niemand weiß das besser als ich und doch fühle ich mich von seinen Worten vernichtet. Als würde ich aus großer Höhe über einem Steinbruch von einem Zeppelin abgeworfen, der seine Reise mit unverminderter Geschwindigkeit fortsetzt.

Nach einer Woche brechen meine Systeme zusammen. Ein eingeklemmter Rückennerv verursacht so starke Schmerzen, dass mein schwacher Kreislauf in die Knie geht. Ich schaffe es gerade die steile Stiege von meinem Vogelnest herunter, dann muss ich mich an der Kommode festhalten und erkenne gerade noch verschwommen meine kleine Tochter, die aus dem Schlafzimmer auf mich zukommt, bevor mich wattige Stille, süßes Vergessen und Vergehen umfängt. Welch köstlicher, viel zu kurzer Augenblick! Doch eine laute, angsterfüllte Stimme holt mein widerstrebendes Bewusstsein zurück in die Wirklichkeit. Ich liege auf dem Holzfußboden, nicht weit von der Treppe zum Untergeschoss, die mein niederstürzender Körper knapp verfehlt hat. Mein Mann stützt meinen Kopf und ruft die Kinder zusammen, damit sie meine Beine hoch halten und mir Kaffee und Schokolade einflössen. Mit schreckgeweiteten Augen beeilen sie sich zu tun, was ihr Vater ihnen aufträgt. Aber auf dem harten Boden kann ich nicht bleiben. Außerdem muss ich dringend auf die Toilette. Schmerz und Scham treiben mir die Tränen in die Augen, während ich mir dabei helfen lassen muss, mich mühsam aufzurichten und ins Bad zu schleppen. Dort kollabiert mein Kreislauf erneut. Sie holen den Toilettenstuhl meiner Oma aus dem Keller und rollen mich damit zum Ehebett. Dort bleibe ich eine Woche lang. Tagsüber nehme ich Schmerzmittel, zur Nacht Valium. Leider hilft das nur gegen das körperliche Leid. So ähnlich stelle ich mir kalten Entzug vor. Als nächstes gerät mein Zyklus aus dem Rhythmus, dann mein Verdauungstrakt, darauf folgen Migräneattacken.

Gelegentlich wirft V. mir noch gönnerhaft ein paar Brocken hin, berichtet von seinem „impact“ bei dem Yoga-Workshop und der Filmproduktion und heischt weiterhin nach Resonanz und Applaus, unbeeindruckt von meiner schlechten Verfassung. Es geht ihm gut, schreibt er. Er ist zufrieden mit sich und herablassend zu mir, auch wenn er sich entschuldigt und mir immer wieder seinen Dank und seine Wertschätzung ausdrückt, denn Worte sind eben nur Worte und am Ende zählt, wie man handelt.

Klingt das gekränkt, verletzt, missgünstig? Ja, das alles bin ich. Ich bin nicht nur wütend auf mich, ich bin auch wütend auf ihn. Weil er mich ausgeplündert und weggeworfen hat wie eine ausgequetschte Zitrone. Weil er mich aus seinem Leben getilgt hat wie einen Schandfleck. Weil er versucht hat, mich mit diesen Psycho-Phrasen abzufertigen, mit denen man sich so wunderbar die Gefühle eines anderen Menschen vom Leib halten kann. Weil er sich öffentlich im Licht der Erfolge sonnt, zu denen ich ihm verholfen habe. Weil er nicht eingehalten hat, was er versprochen hat. Weil er mehr genommen als gegeben hat. Weil er mich alleine stehengelassen hat mit einem Haufen offener Rechnungen.

„Sei froh, ehrlich!“ Sagt eine Freundin. „Er hat Angst vor Frauen. Und du bist ihm viel zu stark.“ Wahrscheinlich hat sie Recht. Aber nachdem ich mich mit Narzissmus, Bindungsängsten und dem Buch „Die perfekte Masche“ befasst habe, komme ich zu der Einsicht, dass es egal ist, ob irgendetwas davon auf ihn zutrifft, denn seine Probleme sind nicht meine Probleme. „Ich habe mich oft gefragt, warum du mir nicht einfach den Rücken zugekehrt hast.“ schreibt er. Das frage ich mich auch. Was war so gut daran, an einem Kontakt festzuhalten, der mir immer neue Verletzungen zugefügt hat? Immer wieder die andere Wange hinzuhalten? Immer wieder gegen die Wand zu laufen? Zu säen ohne zu ernten? Warum wollte ich unbedingt von einem Mann gewollt werden, der bei Licht besehen nur wenig von dem hat, was ich mir von einem Mann wünsche? War es das „andere“, was mich so angezogen hat? Wäre ich auch gerne so kaltschnäuzig, großspurig und egozentrisch? Würde ich mich auch gerne meiner Mitmenschen bedienen wie an den Auslagen in einem Supermarkt? Warum halte ich immer noch schützend meine Hand über ihn? Bin ich meinem eskalierenden Mitgefühl erlegen? Jens Jessen schreibt, dass „die härteste und verzehrendste aller Leidenschaften die Sorge ist. Der Wunsch, den geliebten Menschen glücklich zu sehen – insbesondere einen Menschen, der eher zum Unglück begabt ist – kann einen um Gesundheit, Verstand, sogar ums Leben bringen. (…) Viele sträuben sich dagegen, Mitleid unter die Liebe zu rechnen, aber das ist ganz falsch. Es ist die größte und gefährlichste Leidenschaft von allen. Warum das so ist? Weil es bedeutet, den guten Hirten zu spielen, obwohl man selbst nur ein verirrtes Schäfchen ist.“

Achtzehn Monate lang hatten wir gemeinsam unsere Geschichte gewebt, bis er die Kettfäden durchtrennt hat. Es wird ein langwieriger Prozess, ihn aus meinem Herzen zu lösen und die abgeschnittenen Fäden zu verarbeiten, einen nach dem anderen. Doch allmählich fängt der Abstand an, mir gut zu tun. Ich empfinde die Leere nicht mehr als Leere, sondern als Raum, den ich für mich nutzen kann. Endlich habe ich Zeit für mein lange geplantes Blog.

Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Es gibt nur noch wenige Gelegenheiten, bei denen ein freiliegendes Stück unserer Vergangenheit meine Stimmung zu Fall bringt. Ich spüre nur noch den Schatten eines Schmerzes, wenn ich bestimmte Orte passiere oder gewisse Musiktitel höre. Die stillen Gesten der Verbundenheit, mit denen ich ihm huldige und die Erinnerungen lebendig halte, indem ich die Borke immer wieder aufkratze, werden seltener. Ich bin froh, es hinter mich gebracht zu haben, den Ausgang aus dem Labyrinth gefunden zu haben. Das einzige, was ich manchmal vermisse, ist das Lebensgefühl, das er mir schenken konnte: Ein knallbunter Luftballon am blauen Himmel zu sein, selbstzufrieden und erhaben über die Niederungen und Mühsalen des steinigen Weges, an einem langen Band in seiner Hand.

Ich bereue es nicht. Ich habe viel gelernt. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass ich mich so nicht mehr behandeln lassen will. Nicht von einem Liebhaber und nicht von einem Freund. Von keinem Mann. Nicht noch einmal.