Einmal IX – Das Labyrinth

Die Wochen in der Klinik sind ein Geschenk. Auszeit, Atemholen, Versorgtsein. Ein komfortables Zimmer, das geputzt wird, viermal am Tag leckeres Essen, das ich nicht zubereiten muss, Zeit für Sport, Sauna, Stille, Meditation. Aber auch 40 Stunden Therapie in der Woche, andere Patienten, um die ich meine, mich kümmern zu müssen, lebenslang Verdrängtes, das hochgespült wird und vor dem ich nicht flüchten kann. Es dauert lange, bis ich es schaffe, die Rolle der Starken abzulegen und Hilfe anzunehmen, nicht immer die tragende Säule für andere zu sein, sondern mich in den Mittelpunkt meiner Fürsorge zu stellen. Bis ich nachts mit den anderen Schlaflosen im Speisesaal Kräutertee trinke, heulend im Kurpark Bäume umarme, in einer Gruppensitzung zusammenbreche und auf der Pflegestation nach einem Kuscheltier frage.

Es fällt mir schwer, mich mit allen Facetten zu zeigen, ganz analog, ohne Visier, ohne den Schutz der Anonymität im Internet. Beim Tanzen gelingt mir das von Anfang an. Gleich bei der ersten Sockendisco flippe ich wie eine durchgeknallte Waldfee durch den Kliniksaal, bis das letzte Augenpaar an mir klebt. Das des Piraten. Seine Aufrichtigkeit entwaffnet mich, doch schließlich gibt er mir aus freiem Willen, worauf ich lange gewartet habe. Wenn er mitten in der Nacht mein Zimmer so lautlos verlässt, wie er es betreten hat und ich wieder zwischen die feuchtwarmen Laken meines schmalen Bettes schlüpfe, habe ich jedes Mal ein Stück von mir zurückbekommen.

Nach einer Woche wendet er sein Schiff und kehrt zurück zu seiner Familie. Nichts anderes habe ich von ihm erwartet, denn er ist einer, der meint was er sagt und hält, was er verspricht. Ich dachte immer, solche Männer seien langweilig. „Er hat etwas geöffnet in mir.“ schreibe ich V. „Nora, das war dein Herz und du hast es selber geöffnet.“ antwortet er. „So ein Kitsch!“ denke ich. Doch als der Pirat mir Wochen später sagt, dass er mich liebt und ich vor Schreck kein Wort herausbringe, merke ich, dass er Recht hatte. Und dass das, was ich mir am meisten wünsche das ist, wovor ich am meisten Angst habe. Stephen Chbosky schreibt in seinem Buch „Das also ist mein Leben“: „We accept the love we think we deserve.“

Anfang Januar werde ich entlassen und fahre nach Hause. Zwei Nächte schlafe ich im Ehebett, dann packe ich die Erinnerungsstücke aus der Klinik, Tagebuch, Laptop, Bücher und meinen alten Teddy zusammen und ziehe in mein Vogelnest. Ich versuche, in meinen Alltag zurückzufinden, den Piraten zu vergessen und die Beziehung zu meinem Mann zu lösen. Ich nehme einen kleinen Job an. Ich schreibe die „Eiszeit“-Texte und veröffentliche sie auf einem neuen Account in meinem alten Internetforum. Unter den Nachbarn spricht sich herum, dass mein Mann ein Zimmer sucht.

Der Kontakt zu V. wird wieder intensiver. Eine Freundin schenkt mir ihr altes Smartphone, so dass ich ihm überall schreiben kann. Wir telefonieren immer öfter. Ich höre die Musik, die er mir schickt und er liest die Bücher, die ich ihm empfehle. Er erträgt mich, wenn ich überreizt, launisch und angriffslustig bin, er lacht mit mir, wenn ich übermütig, ausgelassen und rotzig bin, er tröstet mich, wenn ich verzagt, zerknirscht und mürbe bin, er baut mich auf, wenn ich larmoyant, resigniert und verzweifelt bin. Ich bin so ehrlich, wie ich noch nie zu einem Menschen gewesen bin und entblöße mich bis auf die Knochen. Ich erzähle von meinen Männern, meinen Kindern, meiner Therapie, meinen Ängsten, meinen Wunden und meinen Lügen. Meine Offenheit kennt keine Grenzen, weil sie ohne Konsequenzen ist. Ihm kann ich alles zeigen und alles sagen. Außer meine Gefühle für ihn.

Ständig spricht er von anderen Frauen und immer sind sie „hübsch“. Ich mochte dieses Wort noch nie, jetzt beginne ich es zu hassen. Seine Freundinnen und Ex-Freundinnen sind hübsch, die „Mädels“, die er bei der Arbeit kennen lernt oder wenn er ausgeht. Die, mit denen er was hatte oder hat oder haben will oder haben könnte. Es ist wie zwischen Em und Dex in dem Buch „Zwei an einem Tag“. Mal belustigt es mich, mal entsetzt es mich, mal ermüdet es mich, immer kränkt es mich, denn mich hat er nie gewollt.

Als er mich mal wieder um Rat wegen einer Frau fragt, kommt heraus, dass unser schriftliches Kennenlernen kein magischer Moment, kein schicksalhaftes Zusammentreffen, sondern das Resultat seiner bis zur Perfektion erprobten Masche und meiner Naivität war. „Gespielte Einmaligkeit“ nennt er es nicht ohne Stolz, denn er ahnt nicht einmal, wie sehr mich das trifft. „Psychisches Ficken“ werfe ich ihm vor, da ihn die körperlichen Aspekte des anderen Geschlechtes kaum noch interessieren und er seinen Sexappeal nur einsetzt, um den emotionalen Mehrwert abzuschöpfen. Und dann ernsthaft entrüstet ist, wenn Frauen die Schecks einlösen wollen, die er ausgestellt hat. So wie ich. Ernüchtert frage ich mich, was übrig bleibt, wenn ich seine Spielchen und meine Projektionen abziehe. Bin ich auf einen Blender hereingefallen, eine Mogelpackung, einen Manipulator? Das darf nicht sein.

Ich tue das, was ich immer getan habe und was ich meisterhaft beherrsche: Ich mache mich unentbehrlich. Ich stelle meine Zeit, mein Einfühlungsvermögen, meinen Intellekt in seine Dienste, um die Gesprächspartnerin zu werden, die er braucht. Ich zerlege und benenne geduldig seine Verhaltensmuster, lasse mich nicht mit Phrasen abspeisen, spiegele ihm, wie er auf mich wirkt und beweise ihm, dass die Eigenschaften, die er immer als seine Schwachstellen gesehen hat, das Wertvollste an ihm sind. Ich berate und unterstütze, ermutige und fordere ihn. Ich nehme ihn ernst. So etwas hat er noch nicht erlebt. Er findet, dass ich eine wunderbare Frau bin. Er braucht mich. Ich habe die Lücke zwischen den vielen jungen Frauen in seinem Leben gefunden, mein sicheres Plätzchen am warmen Ofen.

Unsere Seelen schwingen im Vollkontakt. Manchmal fürchte ich, entzwei zu brechen. „Anders als die Freundschaft ist die Liebe immer körperlich, auch wenn sie nicht körperlich gelebt wird. Liebe spürt man unmittelbar leiblich. Sie ist ein Flimmern, eine Sehnsucht. Sie entzieht sich dem Willen, sie ist ein Verwobensein von Körper, Geist und Seele.“ beschreibt Katharina Schridde dieses Gefühl. Ich rede mir ein, dass ein körperlicher Liebesakt nicht intimer sein könnte als unsere Gespräche. Doch Scheiße, natürlich wäre er das.

Das Begehren, das ich unter Hohngelächter zur Vordertür herausgeworfen hatte, kriecht zur Hintertür wieder herein. Ich überlege, ob er nicht auch ganz anders sein könnte im Bett. Wie es wohl wäre, wenn wir all das, was uns verbindet, auch körperlich teilen könnten? Wenn wir uns einander nicht nur mit Worten zeigen würden? In meiner Phantasie steigert sich unsere intellektuelle und emotionale Nähe durch die physische Berührung zu einer bisher unerreichten Ekstase, die maximale Verschmelzung verspricht, den ultimativen Rausch.

Ein Bekannter von ihm sieht, dass wir bei Facebook befreundet sind und fragt ihn, ob ich seine Freundin sei. Wir würden so gut zusammen passen. Ihn amüsiert das. Während er mir das schreibt, halte ich vor Spannung die Luft an. Ich finde die Vorstellung nicht so abwegig. Ich denke darüber nach, wie er wohl als Papa ist. Und dass ich das Leben und die Kinder habe, die er sich so sehr wünscht. Ich fange an zu glauben, dass es passen könnte mit ihm. Mit uns. Wider alle Vernunft. Vielleicht würde ich nur gerne hören, dass er das auch für möglich hält. Nur ein einziges Mal. Doch sobald ich mich in diese Richtung vorwage, weist er mich schroff zurück. Daher sage ich es nicht.

Ich sage nicht, dass die Erinnerung an unser Zusammensein für mich eine offene Wunde ist. Dass jeder Schritt, den unser Kontakt sich hin zu Normalität und Freundschaft entwickelt hat, für mich eine bittere Niederlage war. Dass der Wunsch, er möge mich als Frau ebenso unwiderstehlich finden wie ich ihn als Mann, immer wieder in mir aufsteigt, obwohl ich ihn niederzuringen versuche wie einen Ball unters Wasser. Dass seine Zuwendung mich nie und nimmer satt machen wird, so lange ich nicht die Bedeutung für ihn habe, die er für mich hat. Dass ich mich nicht begnügen kann mit dem Platz, den er mir in seinem Leben zugewiesen hat. Dass ich alles was ich tue und bin mit seinen Augen sehe, dass es keinen Teil meines Lebens gibt, der nicht von ihm durchdrungen ist. Dass mein erster Gedanke am Morgen und der letzte am Abend ihm gilt. Dass er sogar schon bei mir ist, bevor die Gedanken da sind. Dass es Tage gibt, an denen jede Gefühlsregung, jede Laune, jedes gepostete Foto von ihm mich mehr beschäftigt als irgendetwas anderes. Dass mein Leben auf seine Frequenz getaktet ist.

So unendlich duldsam und selbstlos ich bin, so uferlos und abgrundtief sind meine Bedürfnisse. Ich bin die scheue Gazelle und die hungrige Hyäne, das unschuldige Lamm und die raffinierte Schlange. Ich höre nie auf, nach verstecken Hinweisen auf uneingestandene Gefühle zu suchen, in einer ewigen Wellenbewegung von Hoffnung und Resignation, Hinwendung und Frustration.

Als seine On-And-Off-Freundin endgültig mit ihm Schluss macht, steigere ich meinen Einsatz noch einmal, wachse förmlich über mich hinaus, um ihm Halt zu geben und ihn an mich zu binden. Ich erschaffe uns einen Palast aus Buchstaben, ein prächtiges Luftschloss aus unseren seitenlangen Gesprächen, unseren Analysen und Reflexionen, unseren Geheimnissen und Codes. Bis er mir schenkt, was er bisher noch keiner Frau geschenkt hat: Seine Bewunderung und sein uneingeschränktes Vertrauen.

Im Sommer überlegt er, auf dem Rückweg von einem Festival einen Abstecher in meine Stadt zu machen. Nein, nicht wegen mir, sondern wegen einer früheren Freundin, die unglücklich in ihrer Beziehung ist und sich Sex mit ihm wünscht. Stolz zeigt er mir Fotos, auf denen eine großflächig tätowierte Blondine im Burlesque-Stil posiert. Ich bin gut im Training und nehme auch diesen Schlag ins Gesicht mit der Würde einer Martial-Arts-Kämpferin entgegen, indem ich ein Treffen vorschlage. Davor hatte ich lange zurückgeschreckt, doch nach über einem Jahr fühle ich mich einer erneuten Begegnung gewachsen und hoffe, dass sie mir hilft, ihn klarer zu sehen.

Ich verabrede mich mit ihm auf meinem alten Kiez und schleppe ihn zu allen meinen Lieblingsplätzen. Er ist sympathisch, aber seltsam fremd und sehr mit sich beschäftigt. Wir sitzen in der Sonne und essen, laufen durch den Park, trinken in der Dämmerung etwas am Wasser und zum Schluss in einer Bar. Wir lachen und reden und ich bin erleichtert, dass ich nicht in einen Flashback schliddere. Aber der Sicherheitsabstand zwischen uns kommt mir albern und unnatürlich vor und ich wünschte, er würde einfach den Arm um mich legen. Doch er tut es nicht und ich bin so darauf bedacht, keinen Fehler zu machen, dass ich mich nicht mal traue, ihm in die Augen zu sehen. Nach dem zweiten Cocktail sage ich ihm, was er nicht hören möchte. Seine Stimmung kellert. Er guckt in immer kürzeren Abständen auf sein iPhone und hört nicht mehr zu. Nachdem wir bezahlt haben, wirft er einen trübsinnigen Blick in meinen Ausschnitt. Ich überlege kurz, ob er den Weg zum Busbahnhof auch alleine finden würde, begleite ihn dann aber doch. Während wir unter den Neonlichtern warten, zeigt er mir schon wieder die Fotos von der Blondine, die er morgen vögeln will. Ich gähne verstohlen und bin zum ersten Mal froh, dass er es mit mir nicht gemacht hat. Die Minuten ziehen sich und als er endlich in den Nachtbus steigt, mache ich mich ohne einen Blick zurück auf den Weg zu meiner Freundin I., bei der ich übernachten will.

Zwischen die Plüschtiere und Kissen ihrer Tochter gebettet höre ich zu, wie die Ratten im Käfig hin und her flitzen, als mein Handy eine WhatsApp-Nachricht von V. empfängt. Er schickt mir einen Gute-Nacht-Kuss aus dem Hotelbett. Mein Herz hüpft und meine Knie werden weich. Er ist wie der Scheinriese aus der Geschichte von Jim und Lukas dem Lokomotivführer. Er entfaltet seine Wirkung durch die Distanz.