Einmal VIII – Die Blase

Mein Mann filzt mein Handy und entdeckt die SMS an V., die ich, unerfahren und technisch unbedarft wie ich war, nicht gelöscht hatte. Er ruft seine Nummer an, hört ihn auf der Mailbox seinen Namen sagen, googelt und findet massenhaft Fotos im Netz. Er zerrt alles ans Licht und wirft es mir vor die Füße. Ich lösche die Kurznachrichten. Ich lösche vor seinen Augen meinen Account bei dem Internetforum. Meinen Account mit all meinen Texten, Kommentaren und Nachrichten, das Dokument meiner Wiederauferstehung. Den Tango aus Worten, den ich mit V. getanzt hatte. Nichts davon hatte ich gespeichert. Ich lösche es, um meinen Mann davon zu überzeugen, dass es keine Bedeutung für mich hat. Ich lösche es, um es vor seinem Zugriff zu schützen.

Aber ich kann den Kontakt zu V. nicht abbrechen, um keinen Preis. Ich erstelle mir ein Profil bei facebook und mische mich unter seinen digitalen Hofstaat. Ähnlich wie ein Vogelkind, das auf das erste lebendige Wesen geprägt wird, auf das es trifft, wenn es aus dem Ei schlüpft, hänge ich mein Herz an diesen Mann. Ich richte meine alltäglichen Tätigkeiten nach seinem Rhythmus, seinen Arbeitszeiten und Terminen aus, um möglichst viel Zeit mit ihm verbringen zu können. Je mehr ich über ihn und sein Leben herausfinde, je deutlicher ich erkenne, wie diametral seine Konturen meinen entgegengesetzt sind, desto mehr Energie stecke ich in diese Beziehung. Meine Freundinnen sehen befremdet und etwas besorgt aus, wenn ich nach Worten ringe, um zu schildern, was in mir vorgeht. Daher lasse ich es. Er ist kein Mann, mit dem ich leben könnte. Darum geht es nicht. Es geht nicht um das, was real und rational ist, davon habe ich schon viel zu viel. Dieses elendige Schmelzen und Fließen, Brennen und Ziehen, das mich hinterrücks und zu den unmöglichsten Gelegenheiten überfällt, gilt dem, was ich nicht haben kann.

Die Physis war früher nie im Focus meines Interesses am anderen Geschlecht. Jetzt wütet die aussichtslose Sehnsucht nach seinem Körper, seiner Haut, seinem Geruch wie ein angekettetes Tier in meinen Innereien. Halbe Tage verbringe ich aufgelöst vor Liebeskummer im Bett, mit der Hand zwischen den Beinen auf der Suche nach Trost und Erfüllung. Ein halbes Jahr zuvor war ich stolz, dass die alten Jeans wieder passten, inzwischen rutschen sie von meinen Hüften. Ich habe keinen Antrieb, zum Sport zu gehen und schleife meinen verschmähten Körper wie eine schlaffe Hülle hinter mir her. Wenn ich nackt vor dem Spiegel stehe, sehe ich nicht mehr die attraktive Frau vom Frühjahr, sondern eine fleischgewordene Mängelliste. Die Spuren, die die Mutterschaft auf mir hinterlassen hat, scheinen mich unwiderruflich von dem abzuschneiden, woran ich früher gewöhnt war, meinen Wert zu messen. Ich fühle mich alt. Zu alt.

Meine Tränen fließen aus jedem Anlass und auch ohne Anlass. Heimlich und leise hinter der abgeschlossenen Badezimmertür, mit dem Fuß auf dem Gas und hochgeknallter Musik im Auto, am Esstisch, wenn ich nicht mehr anders kann. Meine Kinder erleben ihre früher stets gelassene Mutter fahrig, zerstreut, gereizt und unwirsch. Mein Mann ist zornig, verzweifelt, hilflos, kontrollwütig, gebeutelt von Verlustängsten und Panikattacken. Mein Leben ist mir fremd geworden.

Ich brauche die Hilfe meiner Therapeutin, um zu verstehen, was zwischen V. und mir abgelaufen ist: Es war ein Tauschhandel. Er hat versucht, Sex gegen Liebe zu tauschen. So wie ich meinem Mann jahrelang meinen Körper zur Verfügung gestellt hatte, um mir Ruhe und Frieden zu erkaufen, hat er versucht, mir meine sexuellen Wünsche zu erfüllen, nachdem klar war, dass ich seinem Phantasiebild nicht entspreche. Er wollte nett sein. Er wollte in den Arm genommen werden. Er wollte mich nicht enttäuschen. Ich hätte es genauso gemacht und es wäre nicht einmal aufgefallen, da der Körper einer Frau keine so deutliche Sprache spricht wie der eines Mannes. Ich wollte nicht wahr haben, was offensichtlich war und bin übergriffig gewesen. Ich habe mich im Recht gefühlt, da er ja anfangs eingewilligt und sich dann nicht widersetzt hat. Statt wirklich in Kontakt mit ihm zu gehen, habe ich ein Programm abgespult und ihn genötigt, das gleiche zu tun. Ich bin kurz davor gewesen, einen Mann zu vergewaltigen, um mein Ego zu befriedigen und habe ihm danach noch Vorhaltungen gemacht. Letztlich hat er mich auch beschützt, indem er sich mit mir getroffen hat. Er hat wohl geahnt, dass ich mich sonst, getrieben von Verletztheit, Wut und Einsamkeit, einem anderen an den Hals geworfen hätte. Und der wäre mir vielleicht nicht mit so viel Zärtlichkeit und Respekt begegnet.

Diese Sichtweise ist neu für mich. Ich habe mich oft von Männern missbraucht gefühlt und hätte schon manches Mal kotzen können, wenn sie mich für das verantwortlich machen wollten, was nur in ihrem Kopf passiert ist. Aber nun frage ich mich, ob ich nicht auch schon oft Männer und ihre Gefühle missbraucht habe. Je mehr ich darüber nachdenke, umso schwieriger finde ich es, die Grenze zu ziehen.

Als ich V. dies alles schreibe und mich bei ihm entschuldige, weint er. Wir sind uns näher als je zuvor. Wir wollen Freunde sein.

Ich bemühe mich. Ich bemühe mich wirklich.

In meiner Einzeltherapie rückt meine Ehe immer mehr ins Zentrum der Gespräche. Mein Mann und ich gehen weiterhin zur Paartherapie. Wir gehen mit unserer depressiven Tochter, die die Schule abgebrochen hat, zur Familientherapie. Ich gehe mit unserem Sohn, der unter den Folgen eines schweren Unfalls leidet, zur Traumatherapie. Auf meinen Rat hin schliesst mein Mann sich einer Selbsthilfegruppe für Männer an.

Ich ermutige V., dasselbe zu tun. Das ist gut für ihn, aber fatal für mich, denn die beiden Männer fühlen sich nun miteinander verbunden und möchten sich gerne kennenlernen. V. akzeptiert meine Weigerung, aber als ich einige Zeit später übers Wochenende zu einer Freundin fahre, nimmt mein Mann Kontakt zu ihm auf. Mein gehörnter Ehemann und mein Möchtegern-Liebhaber versöhnen sich und schreiben sich lange, offenherzige Texte. Ich mache gute Miene zu einem Spiel, bei dem ich mich als Verliererin fühle. Was sollte ich auch sonst tun. Die Kreise schließen sich und ich bleibe mit leeren Händen zurück. Als würde ich am Ende eines langen, kräftezehrenden Weges genau da stehen, wo ich losgelaufen bin. Allein.

Es wird Herbst. Diesmal kommt die Depression nicht schleichend, sondern gewinnt über Nacht die Oberhand. Eines Morgens müsste ich, nachdem ich die Jüngste zum Kindergarten gebracht habe, zum Baumarkt fahren, aber die Versuchung, den Wagen gegen einen Brückenpfeiler zu steuern, erscheint mir übermächtig. Also bleibe ich zu Hause und rufe meine psychiatrieerfahrene Freundin an. Sie stellt die Frage, ob mein Hoch im Frühjahr vielleicht eine manische Phase gewesen sei. Meine Therapeutin verneint und diagnostiziert eine Lebenskrise mit Burnout. Meine Hausärztin stellt mir eine Einweisung für eine psychosomatische Klinik aus.

Zwei Monate muss ich warten, bis ich einen Platz in der Einrichtung meiner Wahl bekomme. Es sind die längsten meines Lebens.