Geburtstag

Ich hatte am Wochenende Geburtstag. Ich bin 45 Jahre alt geworden.

Ich hätte diesen Tag am liebsten ignoriert. Mit Kindern geht das natürlich nicht, aber zumindest wollte ich so wenig Trubel wie irgend möglich. Mein Klinikaufenthalt ist nächste Woche genau ein Jahr her und Stabilität immer noch nicht selbstverständlich für mich. Kleinigkeiten können mich den Tag kosten und alles, was zu den Anforderungen des Alltages hinzukommt, macht mir Angst. So war es auch, als mein Mann vor ein paar Wochen seinen fünfzigsten Geburtstag feiern wollte. Am Ende haben wir es gut hinbekommen und einen schönen Abend mit Freunden verbracht, aber als er mir von seinen Plänen erzählt hat, sind erst mal die Tränen geflossen.

Daher hatten wir besprochen, meinen Geburtstag nur mit der Familie zu feiern. So, wie ich es schon all die Jahre zuvor gehalten hatte. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es etwas zu feiern gibt. Wieder habe ich ein Jahr hinter mich gebracht. Es ist nicht so gleichförmig gewesen wie die davor, aber ich habe es immer noch nicht geschafft, aus meinen Schatten herauszutreten. Der Unterschied ist, dass ich es versucht habe. Und dass ich jetzt weiß, wie stark die Kräfte sind, die mich an meinem Platz halten. Ich habe einen Geschmack davon bekommen, wie es sein kann, zu leben und fühle mich doch meist noch weit davon entfernt, es zu tun. Und mir ist bewusst geworden, dass mir nicht mehr alle Zeit der Welt bleibt. An Geburtstagen wird man sich seiner Lebenszeit bewusst. Der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen. Ich wusste, dass mich das traurig machen würde und dass ich lieber alleine traurig bin als in Gesellschaft.

Am Abend zuvor bin ich spät von meinem Therapieworkshop nach Hause gekommen und wir haben zu zweit rein gefeiert, mit Sekt und einem Strauß Blumen aus dem Garten. Am Morgen durfte ich ausschlafen, bis das Frühstück fertig war. Geschenke wollte ich nicht. Die großen Kinder haben mir zusammen einen Kuchen gebacken und die Kleine hat Bilder gemalt. Meine Mutter kam vorbei und hat es geschafft, erst nach einer Stunde, als sie fast wieder zur Tür raus war, zu sagen, dass sie nicht mehr lange leben möchte.

Die Feierlichkeiten schienen mir schon überstanden zu sein, als plötzlich Besuch in der Tür stand: C., die erwachsene Tochter meines Mannes und A., eine meiner besten Freundinnen. Ich war gerührt, die Überraschung gelungen. C. schenkte mir einen gemeinsamen Abend beim Poetry Slam und A. ihre Gesellschaft bei einem zweitägigen Kurzurlaub, den mein Mann hinterrücks für mich organisiert hatte. Eine Stunde später brachen wir in ihrem Smart zu einem mir unbekannten Ziel auf. Augenblicklich waren wir so ins Gespräch vertieft, dass wir doppelt so lange wie nötig für den Weg brauchten – was uns herzlich egal war. Wir haben zwei unvergessliche Tage in einem behaglichen Gutshaus verbracht, Sonne, Sauna und leckeren Riesling genossen und ununterbrochen geredet. Zum Beispiel über mein Blog.

Sie hat hartnäckig hinterfragt, warum ich die „Einmal“-Texte ins Netz stelle, warum ich das Blog anonym betreibe und was das Ganze überhaupt soll. Die „Eiszeit“-Texte hatte ich schon Anfang des Jahres geschrieben, in den Wochen nach dem Klinikaufenthalt. Aber warum musste ich mir jetzt so ein schwieriges Thema aussuchen, eine Geschichte ausbreiten, die schon anderthalb Jahre her ist, die zweifellos kontroverse und schwer vorhersehbare Reaktionen bei den Lesern auslöst und den Druck erhöht, das Blog geheim zu halten? Bin ich exhibitionistisch? Neige ich zur Selbstüberschätzung? Liebe ich das Risiko? Warum schreibe ich nicht über Anekdoten aus meiner Familie oder meinem Wohnprojekt? Was für ein Plan steckt dahinter? Das waren viele gute Fragen.

Der Zufall wollte, dass am letzten Tag unserer Reise die Besucherzahlen auf meinem Blog in die Höhe schnellten. Plötzlich hatte ich das dringende Bedürfnis, diesen Menschen, die offenbar durch einen Kommentar von mir unter einem Artikel in der Neon auf mich aufmerksam geworden waren, zur Begrüßung die Hand zu geben und mich ihnen persönlich vorzustellen. Überhaupt macht es mich immer mal wieder ein wenig schwindelig, zu sehen, dass Unbekannte meine Texte lesen und – in den meisten Fällen – keine Ahnung zu haben, wer sich hinter den statistischen Zahlen verbirgt. Daher habe ich heute einen Blogbeitrag geschrieben, der von meinem gegenwärtigen Leben und meinem aktuellen Gefühlszustand handelt. Über die vielen Fragen von A. denke ich nach. Sobald ich mehr dazu sagen kann, werde ich es tun. Im Moment weiß ich nur, dass es mir gut tut, zu schreiben und gelesen zu werden. Danke, dass ihr da seid!