Einmal VII – Geständnisse

Kaum zurück, schreibe ich V.: „Du hast einen Platz in meinem Herzen.“ Er erschrickt und schreibt nun das, was er mir nicht ins Gesicht sagen wollte: Die Nähe und Zärtlichkeit zwischen uns habe ihn tief bewegt, aber er würde mich nicht begehren und diese Art von Begegnung nicht wiederholen wollen. Er sei sexuell übersättigt und habe nur in Intimitäten eingewilligt, weil er sich mir „schenken“ wollte. Seine „Gespielinnen“ seien sonst zehn bis zwanzig Jahre jünger.

Das sitzt. Heiße Scham kriecht in mir hoch. Wieso hat er mich ins offene Messer laufen lassen, wenn eine gleichaltrige Frau für ihn grundsätzlich nicht „fuckable“ ist? Er hat es als Auftragsarbeit gesehen. Ich hatte ihn scherzhaft gefragt, ob ihn der „Job“ interessieren würde, aber ich hätte nie gedacht, dass er es tatsächlich so auffassen würde. Mildtätigkeit und Routine waren genau das Gegenteil von dem, was ich mir gewünscht hatte. Ich wollte keinen Callboy. Ich wollte einen Mann, der wenigstens für zwei Stunden MICH meint und begehrt. Dieser Mann ist er nicht gewesen, das war deutlich zu spüren. Wie kann er denken, ich würde das wiederholen wollen? Allein das Wort „Gespielin“ ist so abstossend, dass es ausreichen würde, um ihn zu disqualifizieren.

Ich antworte, dass seine Worte mehr über ihn als über mich aussagen würden. Ich wünschte, ich könnte das selber glauben. Aber Aufhören ist keine Option. Weder für mich noch für ihn. Wir brauchen einander. Unsere Dialoge im Internetforum sind mein Zufluchtsort, meine Insel, mein geheimer Schatz, mein Schutzschild vor der Realität. Und was bin ich für ihn? Er schreibt von geschwisterlicher Liebe, Seelenverwandtschaft und Tiefe.

Ich bemühe mich, möglichst nahtlos wieder in mein Nest zurück zu schlüpfen, doch der Riss ist da. Schon bevor ich zu dem Workshop gefahren bin, hatte ich mir Veränderungen gewünscht. Die Psychotherapie und das Internetforum hatten mein Selbstbewusstsein so weit aufgebaut, dass ich den Mut gefunden hatte meinem Mann zu sagen, dass ich Paartherapie machen möchte. Wir hatten angefangen, wieder miteinander zu reden. Aber der Kontakt zu V. hat mich mit dem vollen Ausmaß meiner Sehnsüchte konfrontiert. Die Lawine, die ich losgetreten habe, ist nicht mehr aufzuhalten. Ich war jahrelang nicht mal mehr Tanzen gegangen, aus Angst, damit mehr Gefühle in mir auszulösen, als ich aushalten könnte. Wie konnte ich meinen, einem Seitensprung gewachsen zu sein?

Vier Wochen später ist es eines Abends so weit: Während ich oben im Kinderzimmer versuche, unseren weinenden Sohn zu beruhigen, höre ich, dass mein Mann vor der Zeit nach Hause kommt. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, denn ich hatte wiedermal auf meinem Account die alten Gespräche nachgelesen und mich in der Eile nicht abgemeldet. Als ich zurück ins Wohnzimmer komme, prangt V.s folgenschwere Frage „Wann wärst du denn in meiner Stadt?“ über den ganzen Bildschirm.

Mein Mann will alles wissen: Welche Wäsche ich anhatte. Wo er mich angefasst hat. Ob sein Schwanz in mir war. Wie groß er war. Ob ich ihn im Mund hatte. Als hätten wir einen Porno gedreht. Als wäre mein Körper sein Eigentum. Die Antworten beruhigen ihn. Das liegt daran, dass er die einzig wichtige Frage nicht stellt. Er fragt nicht, was ich empfunden habe.

Aber er hört noch am selben Tag mit dem Trinken auf. Er fängt eine Diät an und macht Sport. Und er gesteht mir, dass er pornosüchtig war. Ein Jahr lang. Das passt. Es gab genug Indizien. Aber ich war wohl schon zu abgestumpft und müde, um mich darum auch noch zu kümmern. Früher war es Cannabis gewesen, dann der Alkohol. Manchmal auch beides zusammen. Am Anfang unserer Ehe hatte ich mit Leidenschaft um ihn und gegen die Sucht gekämpft, aber er hatte immer die Meinung vertreten, dass alles an mir liegen würde und war nur zu marginalen Zugeständnisse bereit gewesen. Ich hatte lange schon nicht mehr geglaubt, daran etwas ändern zu können. Klar war es mir aufgefallen, dass er seinen Browserverlauf löschte, dass er mich immer früher alleine ins Bett schickte um dann noch stundenlang vor dem Rechner zu sitzen, dass er chronisch übernächtigt, übellaunig und desinteressiert war, dass sich unsere Sexualität veränderte. Wenn ich nach den Gründen fragte, log er mich an.

Die Abläufe waren immer mechanischer geworden. Ich selber habe simuliert, um es möglichst schnell hinter mich zu bringen. Bei ihm klappte es umso besser, je mehr ich Pornoszenen imitierte. Ich hätte wohl genauso gut eine Gummipuppe hinlegen und ein Video einlegen können. Nach diesen trostlosen Zusammenkünften ist er immer so schnell eingeschlafen, dass er mich nicht mehr weinen gehört hat. Ich habe es nur noch getan, damit er für ein paar Tage bessere Laune hatte und mich und die Kinder weniger angeschrien hat. In den letzten Monaten konnte und wollte er überhaupt nicht mehr mit mir schlafen, egal, was ich gemacht habe. Wirklich überrascht bin ich also nicht von diesem Geständnis.

Es dauert Wochen, bis die Gefühle durch meine vernarbten Synapsen brechen und ich eines Vormittags, als wir alleine beim Frühstück sitzen, Fragen stelle. Ob er Vorlieben hatte, bestimmte Seiten, bestimmte Praktiken oder visuelle Reize. Während er erzählt und dabei in Ruhe weiter isst, steigen Ekel und Übelkeit in mir hoch. Er widert mich an. Ich kann tagelang kaum etwas essen. Ich ertrage keinen Körperkontakt und schließe das Badezimmer ab, bevor ich mich ausziehe. Nachts im Bett lastet seine Nähe wie Blei auf mir. Immer öfter schlafe ich im Zimmer unserer kleinen Tochter, in meinem Vogelnest unter dem Dach. Dort fühle ich mich sicher.